Der Dichter und sein Besserwisser

Im Zentrum von Sabine Gisigers Dokumentarfilm «Dürrenmatt: Eine Liebesgeschichte» steht des Autors Beziehung zu seiner Frau Lotti. Die erlebte der heutige «Züritipp»-Filmredaktor während seiner Zeit als Dürrenmatts Lektor.

Friedrich und Lotti in den Siebzigerjahren.

Friedrich und Lotti in den Siebzigerjahren.

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Friedrich Dürrenmatt ruft seine Frau Lotti an: «Salü, Härz», sagt er und erklärt, da habe eben einer am Telefon einen Fulidelixi Dulunmatte gesucht. «Könnsch du dä?» Diesen Scherz macht der Autor, nachdem er in der Zeitung gelesen hat, wie sein Name in Japan transliteriert wird.

Die Szene kommt nicht vor in «Dürrenmatt: Eine Liebesgeschichte», Sabine Gisigers exzellentem Dokumentarfilm. Denn als sie sich 1980 abspielte, war keine Kamera dabei. Aber ich. Ich war 28 und betreute für den Diogenes-Verlag als Lektor die 29 Bände umfassende Dürrenmatt-Gesamtausgabe, die zum 60. Geburtstag des Autors am 5. Januar 1981 erscheinen sollte. Ich las also all seine Werke und vermerkte mit Bleistift, was meiner Meinung nach falsch oder unklar war. Denn ein Lektor ist in erster Linie dies: ein Stellvertreter der Leserschaft.

Und dann reiste ich jeweils nach Neuenburg, spazierte hinauf zum dürrenmattschen Anwesen über der Stadt, sass dem grossen Autor gegenüber und wollte Änderungen in Texten, die er zum Teil 38 Jahre zuvor geschrieben hatte. Einen eigentlichen Lektor hatte FD, wie er sich in seinen Schriften nannte, nie gehabt: Er schrieb seine Dramen, Erzählungen, Hörspiele, Romane und Essays, sie wurden gesetzt – und dann schrieb er sie um. FD war ein gnadenloser Umschreiber, weil er alles ständig weiterdachte. Dies galt ganz besonders für seine Dramen.

«Ein Theaterstück kann gar nie fertig werden», erklärte er 1961 in einem Interview. Die Probenzeiten für eine Inszenierung seien viel zu kurz, oft erkenne man einen Fehler erst bei der Uraufführung. In einem berühmten Fall änderte er den Text allerdings schon während einer Probe: Im ersten Akt seiner Komödie «Romulus der Grosse» bestellt der römische Kaiser bei seinen gebildeten griechischen Sklaven: «das Morgenessen». Ein Deutscher im Ensemble wies darauf hin, dass das korrekte deutsche Wort «Frühstück» sei. FD ging ins Restaurant und kam mit folgender Textänderung zurück:

ROMULUS: Das Morgenessen. SKLAVE: Das Frühstück. ROMULUS: Das Morgenessen. Was in meinem Hause klassisches Latein ist, bestimme ich.

FD legte Wert darauf, ein Schweizer ­Autor zu sein. Deshalb wollte er auch keinen deutschen, sondern einen Schweizer Lektor, und so fiel die Wahl auf mich, der ich nicht einmal halb so alt war wie der weltberühmte Autor. Nun hat es ja ohnehin etwas Kränkendes, wenn man sein Bestes gegeben hat, um einen Text zu schreiben, und dann kommt so ein langhaariger, junger Schnuu­fer und krittelt daran herum.

Als Lektor konnte ich Vorschläge für Änderungen machen, aber selbstverständlich behielt der Autor das letzte Wort. So sass ich also FD an seinem langen Arbeitstisch gegenüber, wollte «Falle» in «Klinke» ändern, «Finken» in «Pantoffeln». Meist willigte FD ein, doch spürte ich, wie in ihm allmählich der Unmut wuchs, bis er dann beim x-ten Änderungsvorschlag «Nein» sagte, einfach weil es der x-te Änderungsvorschlag war. In diesem Moment war es wichtig, dass ich einlenkte und zur nächsten Stelle ging. Dank dem Einlenken baute sich der aufgestaute Unmut ab, und oft sagte FD deshalb fünf Seiten später: «Hesch rächt», und so gingen wir zurück und vollzogen die vorher verschmähte Änderung.

Die Begegnung mit Lotti

Wie wichtig Lotti für FD war, geht in Sabine Gisigers Film nicht aus den Aussagen des Autors hervor, sondern aus denjenigen seiner Schwester Vroni und seiner Kinder Peter und Ruth. Die 1919 geborene Schauspielerin Lotti Geissler lernte der zwei Jahre jüngere FD im Sommer 1946 in der Mansarde ihres Bruders kennen. Der damalige Student der Philosophie erzählte ihr die Geschichte eines Mannes, der seine Frau umbrachte und verwurstete. Lotti fand die Erzählung so abscheulich, dass sie ihren Bruder bat, ihr «mit diesem Menschen nie mehr unter die Augen zu treten». Doch dieser Mensch liess nicht locker, erzählte ihr immer neue Geschichten, und bald gestand er ihr, dass er sein Studium aufgeben, Schriftsteller werden und sie heiraten wolle. Dies geschah bereits ein paar Monate später.

Lotti wurde nicht nur die Mutter seiner Kinder Peter, Barbara und Ruth, sondern die erste Leserin seiner Texte. Oft diskutierten die beiden stundenlang, und die Kinder mussten sehen, wo sie blieben. Als ich FDs Lektor wurde, war Lotti gesundheitlich schon angeschlagen. Doch ihr kritischer Geist war hellwach. Meist sahen wir sie erst nach der Arbeit, wenn FD eine seiner tollen Flaschen Bordeaux aufmachte. Dann aber wurde klar, wie genau sie das Œuvre ihres Mannes kannte und was sie von welchen Werken hielt.

Der Kampf um die «Stoffe»

War es bei der Gesamtausgabe vor allem um grammatikalische und sprachliche Probleme gegangen, kamen 1981 die «Stoffe». In dieser einmaligen Mischung von Essays und Erzählungen erzählte FD erstmals auch aus seinem Leben, aber immer nur Dinge, die für die Entstehung der Werke relevant waren. Das sei «ein Fluss», sagte der Autor, und deshalb sollte das Werk ohne Absätze gesetzt werden. Doch Seite um Seite das gleiche Schriftbild: Das ermüdete Augen wie Geist. Und dabei waren die «Stoffe» absolut grossartig, für mich die Summe des dürrenmattschen Werkes. Ich kämpfte um Absätze, um den Lesern zu zeigen, wo Sinneinheiten bestanden, damit sie auch einmal geistig haltmachen konnten. Nach zähem Ringen willigte FD ein.

Auf dem Manuskriptblatt (siehe oben rechts) kann man die Zeichen für Absätze sehen sowie FDs Ergänzungen zu einer Szene, die mir psychologisch nicht plausibel vorgekommen war. Auch solche Dinge gehören zu den Aufgaben eines Lektors, und FD interessierte sich weniger für die Psychologie von Figuren als für deren Funktion als Ideenträger. Darüber sprach auch Lotti mit ihm: Als Schauspielerin hatte sie ein gutes Gefühl dafür, was eine in sich stimmige Figur ausmachte.

Nachdem «Stoffe I–III» im September 1981 erschienen war, sagte FD mir je nach Tagesform: «Du hesch mis Buech ruiniert», oder: «Hesch rächt gha.» Am 16. Januar 1983 starb Lotti Dürrenmatt. Ende Februar nahm auch meine Arbeit im Diogenes-Verlag ein abruptes Ende. Vom Dürrenmatt-Lektor wurde ich wieder zum Dürrenmatt-Leser. Im Herbst 1990 erschien «Turmbau», der zweite Band der «Stoffe» – ohne Absätze. Am 14. Dezember 1990 starb FD.

In Sabine Gisigers Film finde ich Friedrich Dürrenmatt wieder, wie er leibte, dachte und redete. Da reiht sich ein toller Gedanke an den nächsten; und so hat mir der Film eine Riesenlust gemacht, wieder Dürrenmatt zu lesen.

Erstellt: 14.10.2015, 13:01 Uhr

Diese Zeichnung von Dürrenmatt zeigt unseren Autor Thomas Bodmer.

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