Der Terrorismus als Kind der Medien

Die Medien helfen – ohne das zu wollen – den Zielen der Terroristen. Die Gegenstrategie besteht darin, den Urhebern von Anschlägen keine Prominenz zuzugestehen.

Höchstmögliche Aufmerksamkeit in den Medien: Fernsehbild der Terroranschläge vom 11. September 2001. Foto: Keystone

Höchstmögliche Aufmerksamkeit in den Medien: Fernsehbild der Terroranschläge vom 11. September 2001. Foto: Keystone

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Terroranschläge finden in den Massenmedien riesige Aufmerksamkeit, im Radio, im Fernsehen, in der Presse und auf ihren Internetportalen. Die Anschläge in Paris und Kopenhagen haben die Journalistinnen und Journalisten wochenlang intensiv beschäftigt. Es liesse sich sogar behaupten, die Terrorakte seien ein Kind der Medien. Zwischen Zeitungen, Radio- und Fernsehsendern besteht harte Konkurrenz, welche die Journalisten zwingt, Sensationen nachzujagen und sie möglichst breit auszuwalzen. Für eine journalistische Karriere wird es immer wichtiger, mit einem spektakulären Artikel möglichst viele «Klicks» zu erreichen.

Terrororganisationen nützen diese Situation aus. Bewusst schafft der Islamische Staat (IS) Situationen mit «Nachrichtenwert». Wenn unschuldige Christen enthauptet oder jahrtausendealte Kulturgüter zerstört werden, kommen unsere Medien nicht umhin, das Ereignis ausführlich darzustellen. Je grausamer der IS handelt, desto mehr wird darüber berichtet. Damit erreicht die Terrorgruppe genau, was sie will. Sie profiliert sich als politische Akteurin. Die Medien sind die Bühne, auf der diese Organisation ihre Botschaft verkünden kann.

Vor einem Jahr konnten nur wenige Leute mit dem Begriff Islamischer Staat oder IS etwas anfangen. Heute gibt es keine Medium mehr, das nicht einen oder mehrere Artikel pro Tag darüber veröffentlicht. Ähnlich bei den Angriffen auf das World Trade Center in New York: Schlagartig wurde Osama bin Laden zu einer der bekanntesten Personen auf der Welt. Plötzlich wusste jedermann, was al-Qaida ist.

Auf diese Weise unterstützen die Medien die Ziele von Terroristen. Sie tun es nur indirekt und haben daran keine Schuld, aber dies ändert nichts daran, dass damit die Ziele der Terroristen unterstützt werden.

Was liesse sich tun, um diese Wirkung zu unterbinden? Eine Behinderung der Berichterstattung über terroristische Akte kommt nicht infrage. Sie wäre in der vernetzten Welt völlig nutzlos. Das Internet sorgt dafür, dass jede Terrorattacke mit Sicherheit allgemein bekannt wird. Nachrichten zu unterdrücken, würde zudem die Pressefreiheit und die Werte verletzen, die wir gegen Terroristen verteidigen wollen.

Leider sind wir somit in dieser Hinsicht gegen den Terrorismus hilflos. Wir müssen es erdulden, dass Terroristen die Medien vor sich hertreiben und ihnen diktieren, worüber sie zu berichten haben.

Ich sehe nur eine eingeschränkte Möglichkeit, die Bühne der medialen Aufmerksamkeit nicht völlig den Terroristen zu überlassen: Wenn ein Terrorakt geschieht, darf dieser auf keinen Fall einer bestimmten Terrororganisation zugeschrieben werden. Denn fast immer sind die Drahtzieher unbestimmt. Vielmehr müssen alle Möglichkeiten offen gelassen werden.

In der Tat ist nachgewiesen, dass sich regelmässig nach terroristischen Angriffen eine grössere Zahl von Personen und Organisationen melden, die sich den «Erfolg» auf ihre Fahne schreiben wollen. Diese Tatsache muss zu unseren Gunsten ausgenützt werden. Indem die Medien von sich aus beschliessen oder angehalten werden, auf eine Zuordnung zu verzichten. Dies entspricht im Übrigen unseren geltenden rechtlichen Regelungen. Allein ein Gericht darf entscheiden, ob jemand ein Verbrechen begangen hat. Wenn verhindert wird, dass die Medien Terroristen mit ihrer Bericht­erstattung zu Prominenz verhelfen, geschieht dies im Einklang mit unserer Rechtsordnung.

Heute spielt sich jedoch genau das Umgekehrte ab. Journalisten versuchen verzweifelt, herauszufinden, ob sich jemand zu einem Terrorakt bekennt. Sie betteln beinahe darum, dass sich jemand damit brüstet. Sobald dies eine Organisation tut, erreicht sie riesige Aufmerksamkeit. Damit wird der Terrorismus belohnt. Wenn die Medien hingegen auf eine Zuordnung verzichten und vielmehr glaubwürdig berichten, dass viele verschiedene Gruppen und Personen das Verbrechen für sich in Anspruch nehmen, werden die tatsächlichen Täter und deren Organisationen frustriert. Sie verfehlen ihr Ziel. Die Medien dienen nicht mehr als Sprachrohr des Terrorismus und wir spielen ihnen nicht mehr in die Hände.

Wenn im Internet eine Tat bestimmten Terroristen zugerechnet wird, sollte eine einzurichtende Gegenorganisation sofort deutlich machen, dass immer eine Vielzahl von Personen und Gruppen dafür infrage kommen.

Mückenstiche

Wird einer Gruppe von Terroristen die Bühne nicht mehr allein überlassen und ihnen damit die Show gestohlen, trägt dies auch zur Gelassenheit bei, mit der dem Terror begegnet werden sollte. Demokratische Gesellschaften sind stabil und können nicht durch kommende Terrorakte zerstört werden. Terrorakte sollten immer in ihrer relativen Bedeutung gesehen werden. Sie sind mit lästigen Mückenstichen zu vergleichen. Diese werden nur dann gefährlich, wenn man sie so masslos überschätzt, wie das heute der Fall ist. Das Gefährlichste am Terrorismus sind nicht die Mückenstiche, sondern unsere Reaktion darauf.

* Bruno S. Frey ist emeritierter Professor in Zürich und Basel sowie Forschungsdirektor von Crema, Center for Research in Economics, Management, and the Arts. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.03.2015, 18:14 Uhr

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