Der schwache Euro lockt die Unterländer

Der Euro ist gegenüber dem Franken so tief getaucht wie seit fünf Jahren nicht mehr. Das verführt die Unterländer zum Einkauf im nahen Nachbarland.

Wenn der Euro sinkt, steigt jenseits der Grenze die Kauffreude der Schweizer Kundschaft. (Bild: Nina Fargahi/TA)

Wenn der Euro sinkt, steigt jenseits der Grenze die Kauffreude der Schweizer Kundschaft. (Bild: Nina Fargahi/TA)

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Auffällig viele Autos mit Schweizer Kennzeichen stehen auf dem riesigen Parkplatz des Lebensmitteldiscounters Aldi in Jestetten. Carola Hopf aus Bassersdorf schiebt ihren Einkaufswagen zum Auto. Gekauft hat sie Fleisch, Gemüse, verschiedene Nahrungsmittel in Dosen sowie Putz- und Waschmittel. Den schwachen Eurokurs spürt sie deutlich. «Für die gleiche Menge hätte ich vor einigen Wochen etwa 200 Euro ausgegeben, heute waren es ungefähr 150 Euro», sagt sie. Da sie in einem 2-Personen-Haushalt lebt, reicht ein Ausflug ins deutsche Jestetten einmal im Monat aus.

Das Dorf am Hochrhein zwischen Rafz und Neuhausen wird oft von Unterländern besucht. Eine jüngere Frau aus Oberglatt sagt, dass sie gewisse Produkte zwar nur in der Schweiz einkauft. Im Aldi auf der deutschen Seite deckt sie sich aber vor allem mit Pflegeprodukten ein. Und mit Katzenfutter. «Damit spare ich enorm. Und meine Katzen sind keine Markenfreaks.» Selbst die Markenprodukte würden in Deutschland oft nur ein Drittel des Preises in der Schweiz ausmachen. Ihre Aussage unterstreicht sie mit einem Beispiel: «In der Schweiz kaufe ich eine Haartönung für über 10 Franken, hier bezahle ich 3.79 Euro», sagt sie und schüttelt den Kopf. Egal ob der Eurokurs stark oder schwach sei, es lohne sich in beiden Fällen, im Deutschen einzukaufen.

Umsatzzunahme erkennbar

Diese Ansicht vertritt auch ein junges Ehepaar aus Regensdorf. Antonio und Silvia Gerpe fahren regelmässig nach Lott-stetten, um im Grossdiscounter Lidl einzukaufen. «Wir drehen nicht jeden Rappen zweimal um», sagen sie. Doch der Preisunterschied sei so gewaltig, dass es sich wirklich lohnen würde. Für die gleiche Menge eingekaufter Waren hätten sie in der Migros etwa das Doppelte bezahlen müssen. Mit dem tiefen Eurokurs sei es jetzt noch günstiger geworden, als es ohnehin schon gewesen sei.

Der Euro hat seit dem letzten Sommer gegenüber dem Franken mehr als zehn Prozent verloren. Vor kurzem kostete ein Euro weniger als 1.43 Franken. Grund genug, ennet der Grenze einzukaufen? Der Bereichsleiter von Aldi in Jestetten stimmt dieser Aussage nur teilweise zu. Nebst den Preisen würde schliesslich auch die Qualität eine Rolle spielen. Aber tendenziell könne er einen Anstieg des Umsatzes erkennen, der unter anderem auf die zunehmende Schweizer Kundschaft zurückzuführen sei.

Für Susanne Zimmermann aus Embrach gibt es noch andere Gründe, im grenznahen Ausland einzukaufen. «Der Benzinpreis ist momentan bezahlbar. Ausserdem verlange ich am Zoll immer die Rückerstattung der Mehrwertsteuer», sagt sie.

Doch an der Grenze ist Vorsicht geboten. Bestimmte Vorschriften gelten auch für Lebensmittel (siehe Box). Hans Arzethauser vom Grenzwachkorps Zürich/Aargau stellt immer wieder fest, dass viele Leute die geltenden Regeln nicht kennen. «Trotz Internet und kleinen Broschüren werden die Bestimmungen manchmal falsch verstanden», sagt er. Es gäbe aber auch Schmuggler, welche die Zollregeln absichtlich missachten würden.

Hans Arzethauser relativiert den Eindruck, dass momentan vermehrt Schweizer die Grenze zu Deutschland passieren würden. Um diese Zeit herrsche immer viel Grenzverkehr, die Leute würden Weihnachtseinkäufe planen und ihre Autopneus wechseln lassen - ennet der Grenze, wo es billiger sei. Doch falls der tiefe Eurokurs gegenüber dem Franken noch länger anhalte, könnte sich der Trend schon verstärken. Seiner Ansicht nach wird es aber noch ein Weilchen dauern, bis es sich herumgesprochen hat, wie billig das Einkaufen in Deutschland gegenwärtig ist.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.11.2008, 10:12 Uhr

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