Die Geschäftsfrau, die ihren Körper einsetzte

Eine Ausstellung im Landesmuseum Liechtenstein zeigt Marilyn Monroe als emanzipierte Erfinderin ihrer eigenen Marke.

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Diese Ausstellung ist ein begehbarer Kleiderschrank. Und sie ist ein Schrein, in dem die Zeit und der Duft von altem Chanel No. 5 von den Wänden tropft. Diese Ausstellung ist aber auch eine Gruft, die Krypta für eine anwesend Abwesende, denn ihre Stimme säuselt aus dem Off, und im Halbdunkel werfen Filme, Dias, Lichtbilder ihren Körper als Schatten in den Raum. Es sind diese Schatten, und es ist die Lust an der Indiskretion, die Besucher auf dieser Zeitreise vorbei an Filmkostümen, schwerem Samt und leichter Seide fiebrig durch den Raum treibt.

Denn in den Eingeweiden der Zeitkapsel, ganz hinten, dort wo die Geschichte eines Lebens zu Ende erzählt ist – man schreibt die Nacht des 4./5. August 1962 – wird man die schillerndste aller Hollywooderfindungen treffen. Diese Eine, Einzige, Unsterbliche: Marilyn Monroe. Hier, am Ende des Raums liegt sie aufgebahrt, lebensgross und lebensecht, sie trägt das grüne Kleid ihrer Lieblingsmarke, Gucci. Ihr Testament von 1961 hängt an der Wand, und auf ihrem Schlafzimmertisch liegen die Gegenstände der letzten Nacht.

«Das wahre Gesicht der Ikone»

Wie damals. Und wie damals hat ihr Joe DiMaggio, ihre erste und letzte grosse Liebe, einen Strauss roter Rosen neben den Sarg gestellt. Wer jetzt nicht fröstelt, ist womöglich für diese Empfindung überhaupt immun. Im Landesmuseum Liechtenstein markiert die Grablegung der Bronzeskulptur Marilyn Monroe das haarige Ende einer Ausstellung, die ihre Behauptung im Titel trägt: «Marilyn: Die starke Monroe».

Denn hier, in diesem historischen ­Gebäude am Fuss des Fürstenschlosses, will man 53 Jahre nach ihrem Tod alles richtig, weil anders machen. Man will «das wahre Gesicht hinter der Holly­wood­ikone» zeigen. Vor allem aber will man Marilyn als Feministin etablieren. Das mag vielleicht nicht ganz so neu sein, wie behauptet wird; doch das Neue daran ist, dass diese Behauptung unterfüttert wird mit Gegenständen aus Marilyns persönlichem Leben und aus ihrer Filmkarriere.

«Marilyn: Die starke Monroe» ist eine Bestenschau von rund 400 Original­memorabilien, die seit 1999 auf Versteigerungen zu finden sind. Anna Strasberg, die dritte Ehefrau von Monroes Schauspiellehrer Lee Strasberg, dem Nachlassverwalter, hatte damals die Utensilien freigegeben. Seitdem ist der Mannheimer Betriebswirt Ted Stampfer dabei, die Gegenstände zu sichern und zu einer Sammlung zusammenzutragen, die europaweit die grösste Monroe-Materialien-schau sein soll. Stampfer hat erst 2013 im Spielzeugmuseum Basel einen Gutteil seiner Schätze gezeigt, dort unter dem Titel «Private Marilyn».

Originalhaar im Lockenwickler

In Vaduz ist Neues und anderes zu sehen, zum Beispiel aus der Zeit vor der Monroe-Werdung: Fotos der Zweijährigen, ihre Babytasse oder ihr Kirchengesangbuch von 1937 mit der Handschrift von (damals) Norma Jeane. Grace, die Freundin ihrer Mutter und ihr Vormund hatte es ihr geschenkt, und ihre Widmung in Tintenschönschrift ist bis heute für jeden leserlich: «To Norma Jeane from Auntie Grace.» Oder die cremefarbene perlenbestickte Wollweste, die sie so mochte und von 1939 bis 1942 beständig trug. Das gute Stück ist hinter Glas, und die Legende dazu ist schauerlich genau: «… teils fehlend im ­Kragenbereich.»

Doch wieso mochte Marilyn wollene Dinge so sehr an ihrem Körper? Die helle Wolljacke, ein heller kurzärmliger Angorapullover und ein schwarzer Kaschmirpullover (sie trug ihn bei vielen Foto­shootings und während der Korea-Tournee 1954) sind Teil der Schau. Die Antwort hat der Direktor Rainer Vollkommer: «Sie wollte mit ihrem Körper Aufmerksamkeit erregen. Sie wollte Frau sein und doch den Männern gleichgestellt.» In der Meinung von Vollkommer ist Marilyn das Paradestück einer früh emanzipierten Frau, einer Geschäftsfrau, die ihren Körper einsetzte, um Unabhängigkeit zu erreichen. Und wenn die junge Marilyn ihr Vorbild, Jean Harlow, imitiert, Haare färbt (in einem Lockenwickler hängt noch Originalhaar), Kunstwimpern trägt, Kinn und Nase operiert – für den Direktor ist das kein Zeichen von Überanpassung. Für ihn war Monroe eine erfolgreiche Erfinderin ihrer eigenen Marke und «eine Vorreiterin der Emanzipationsbewegung».

Marilyn kauft 1955 Hanteln, macht Krafttraining und geht joggen, eine ­damals unschickliche Angelegenheit für Frauen, das zeigen Fotos und Rechnungen, die an ihre Adresse im Waldorf ­Astoria, New York, gehen; Marilyn trägt am liebsten Hosen, in Bild und Ton ­verbürgt, deswegen musste sie schon als Teenager zweimal die Schule verlassen; Marilyn ist die erste Frau, die ihre eigene Filmgesellschaft gründet; Marilyn kämpft aktiv gegen Rassismus, sie verhilft 1954 Ella Fitzgerald zu Auftritten in der renommierten, nur Weissen vorbehaltenen Macambo-Bar in Hollywood, indem sie dem Besitzer versichert, während Fitzgeralds Konzerten anwesend zu sein. Sie hält sich daran, einen ganzen Monat lang. Marilyn unterstützt Arthur Miller während der McCarthy-Prozesse.

Marilyn ist ein Organisationstalent, das sollen ihre Datenplaner, ihr letztes persönliches Telefonbuch (unter «Frank Sinatra» stehen fünf verschiedene Nummern) und ihr Testament belegen. Marilyn, auf dem Höhepunkt ihrer gesellschaftlichen Anerkennung, bleibt sich 1962 selbst vor Königin Elizabeth II. treu; ihr Décolleté ist so herzerfrischend tief offen, dass die Presse tobt. Dass Marilyn, eine Frau, die sich gefunden hat, nur Monate später nicht Selbstmord verübt, wie der offizielle Befund der Ärzte lautet, sondern durch eine ungute Kombination verschiedener Medikamente stirbt, das ist für Vollkommer klar.

Material für gemauerte Theorie

Diese Einschätzung der Ausstellung ist sympathisch. Und als Besucherin ist man angesichts des kuratorischen Eifers für die Sache der Frau nachgerade genötigt, zu klatschen. Zumal Vollkommer gleichzeitig mit der Monroe-Saga eine zweite Schau mit ähnlichem Fokus zeigt: «Vom Fräulein zur Frau: Emanzipation in Liechtenstein.» Es ist eine späte Emanzipationsgeschichte aus dem Ländle von 1940 bis heute. Im Zentrum, keine Überraschung, steht der Kampf ums Frauenstimmrecht, den die Liechtensteinerinnen erst 1984 erhielten, als letztes europäisches Land.

Man spürt also die Absicht und ist ­begeistert. Auch wenn die Monroe hier wie so oft das Material ist, um gemauerte Theorien zu stützen. Aber vielleicht macht genau das ihre Kraft und Einzigartigkeit aus. Im Wesen und in der Biografie der Monroe kann man lesen, was man lesen will. Sie ist und war die vollkommene Projektion. Auch darüber war sie sich im Klaren und sagte dazu: «Die Wahrheit ist, ich habe noch nie jemanden getäuscht. Ich liess Männer manchmal sich selber täuschen.»

Bis 1. November. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog, erhältlich im Museumsshop (20 Fr.). Sonderausstellung «Vom Fräulein zur Frau: Emanzipation in Liechtenstein», ebenfalls bis 1. November. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.04.2015, 17:55 Uhr

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