Die Grenzen sind weg

Durch die Villa Tobler streifen? Mit dem Stuhl über die Bühne rollen? In der Winkelwiese und in der Gessnerallee wird das Publikum mitten ins Geschehen geholt.

Die Frau links bewohnt temporär die Winkelwiese. Der Bodybuilder ist gefilmt.

Die Frau links bewohnt temporär die Winkelwiese. Der Bodybuilder ist gefilmt.

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Hausbruch. Eine Pandemie
Zwei Frauen sitzen im Foyer am Klavier. Sie klimpern darauf herum. Sprechen miteinander. Erst leise, dann lauter. Über Einbrecher, die an die Wände gepinselt haben: «Herzlichen Glückwunsch, nichts, was dir wertvoll ist, kann man dir rauben.» Das Publikum kennt das Paar bereits, bis vor wenigen Minuten lauschte es noch seinen Stimmen. Aus über zwanzig Lautsprechern schallten diese in die Räumlichkeiten der Winkelwiese. Währenddessen erkundeten die Besucher die verschiedenen Zimmer der Villa Tobler.

Jetzt, im zweiten Teil des Abends, sitzen alle auf Plastikschemeln. Der Dialog der Frauen wird immer lustiger, abstruser, philosophischer. «Ihre Erinnerungen werden zu einem Gedankenrausch», so die Regisseurin Ivna Žic. Gemeinsam mit Natascha Gangl hat die Zürcherin die dreiteilige Theaterinstallation realisiert – und dafür seit August die Räume der Winkelwiese umgebaut.

Den Text hat Gangl bereits vor mehreren Jahren geschrieben – nachdem in ihre Wohnung und andere eingebrochen worden war und einige ihrer Freunde wegen Verdacht auf Schweinegrippe in Quarantäne mussten. «Plötzlich sprachen alle Leute über Grenzen und Abschottung», erinnert sich die Österreicherin. «Mein Text ist wie ein Virus, das sich weiterentwickelt und ausbreitet.» Auch das Publikum soll sich mit ihm infizieren. Befallen werden von den Fragen: Können wir das Fremde, egal in welcher Form, akzeptieren? Sind Einbrüche nicht immer auch Chancen? Die beiden Klavierspielerinnen stellen sich diesen Überlegungen – und brechen auf, um Einbrecher zu treffen.

Maschinen Gessnerallee
Die Coca-Cola-Abfüllstation wird meterhoch auf alle vier Wände projiziert. Sechzig Bürostühle sind im Raum verteilt, jeder Besucher darf seinen Platz selbst auswählen und jederzeit wechseln. In der Raummitte steht die Schauspielerin Rahel Hubacher («Aloys»), die Arme ausgebreitet. Ihre Bewegungen werden geschmeidiger, als das Bild wechselt: ein Laufband mit frisch ­gedruckten Zeitungen. Später werden Bagger tanzen, Fitnessgeräte sich im Takt bewegen, ­Rasenmäher choreografiert über eine Wiese fahren.

«Maschinen haben etwas Poe­tisches», schwärmt der Regisseur Piet Baumgartner. «Ihre exakten Bewegungen passen zu Musik», so Rio Wolta. Der Zürcher Musiker wird mit seiner Band bei allen Vorstellungen live auftreten: «‹Maschinen› ist eigentlich ein 60-minütiges Musikvideo.» Im letztjährigen Clip für den Song «Through My Street» liess die Gruppe bereits Baumaschinen tanzen. Doch auf den kleinen, privaten Bildschirmen kann die Choreo­grafie ihre Wirkung nur bedingt entfalten. Anders im Nordflügel der Gessnerallee: Videos, Musik, Performance entwickeln hier einen heftigen Sog.

Einige Tage vor der Premiere tüftelt das Team noch am Ablauf. «Es ist eine Technikschlacht», sagt Baumgartner. Die einzelnen Elemente müssen exakt aufeinander abgestimmt werden. «Wir wollen den Kinoeffekt erzielen», so der Regisseur. «Die Herzen sollen rasen.»

Beim Probenbesuch kommt die Musik noch ab Band, Szenen werden wiederholt, unterbrochen. Und doch wirkt dieser XXL-Musikclip bereits faszinierend. (Zueritipp)

Erstellt: 28.09.2016, 15:25 Uhr

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