Die Jäger der verlorenen Rebsorten durchkämmen die Goldküste

An der Goldküste verstecken sich seltene und uralte Rebsorten. Experten suchen nun nach den unbekannten Überlebenden. Einige davon scheinen sie bereits gefunden zu haben.

Im Weinberg von Markus Weber wächst eine sonderbare alte Traubensorte. Bild: Sabine Rock

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Hanspeter Wehrli sucht nach Überlebenden. Dabei handelt es sich aber nicht etwa um Menschen, sondern um alte Rebsorten, die der Präsident des Branchenverbandes Zürcher Wein retten will. Gemeinsam mit Andreas Wirth, dem kantonalen Rebbaukommissär, ist er auf der Suche nach Vermissten wie dem Schwarzen Erlibacher, einer alten Rotweintraube, die früher an der Goldküste verbreitet gewesen ist. Auch die Weissweintrauben Elbling oder Completer wuchsen einst am Zürichsee, sind heute aber nahezu verschwunden.

Wirth ruft nun dazu auf, im Gebiet des Zürichsees, des Limmattals und Dielsdorfs nach alten Reben Ausschau zu halten. Besonderes Augenmerk sollte man auf ausgewilderte Reben an Waldrändern, an Böschungen oder auch an Hauswänden legen. Diese könnten ohne weiteres 60 Jahre unbemerkt überdauert haben. So alt müssen die Reben mindestens sein, damit sie für die Experten von Interesse sind.

Altes Genmaterial ist heute wertvoll

Marianne Meier ist Sekretärin des Rebbaukommissariats, das dem Strickhof angegliedert ist, dem kantonalen Kompetenzzentrum für landwirtschaftliche Aus- und Weiterbildung. Sie sammelt alle Hinweise auf alte Rebstöcke, die in den nächsten Wochen eingehen. Wehrli geht anschliessend allen verheissungsvollen Meldungen vor Ort auf den Grund. Er untersucht Stamm und Blätter der Reben und nimmt ein wenig Pflanzenmaterial mit. In schwierigen Fällen, wenn sogar die Rebsorten-Experten nicht mehr weiter wissen, wird an diesen Proben eine Genanalyse vorgenommen.

Besonders wertvolle Sorten werden danach gezüchtet und in speziellen Rebbergen in Wülflingen und Frümsen (SG) angepflanzt. Das Rebbaukommissariat will so deren Genmaterial für die moderne Züchtung sichern. Auf diese Weise kann man etwa die Krankheitsresistenz verbessern oder einen besonderen Geschmack der Trauben erzielen.

Wein gegen Kuhmist getauscht

Eine erste Meldung aus dem Bezirk Meilen hat es bereits gegeben. Der Winzer Markus Weber sah in Erlenbach drei Reben an Hauswänden wachsen, die alten Sorten angehören könnten. Diese werden aufgrund des Hinweises demnächst genauer untersucht. Unter Webers eigenen Reben im Meilemer Turmgut befinden sich auch einige Schwarze Erlibacher. Dazu weiss der Winzer eine Anekdote zu erzählen: Die Trauben dieser Sorte seien sehr sauer und darum zur Weinproduktion nur bedingt geeignet. So wurden sie früher in Rebbergen entlang von Mauern und Wegen angebaut, um Traubendieben den Genuss zu verderben. Trotzdem wurde auch Wein aus den Trauben gekeltert. Diesen tauschte man bei Oberländer Bauern gegen Kuhmist als Dünger für die Reben ein, da es in Erlenbach nur wenig Viehwirtschaft gab. Um die Säure im Wein abzuschwächen, panschten die Erlenbacher Bauern diesen vor dem Tausch mit Birnensaft.

Der Ursprung der alten Rebsorten, die Zeugen einer Jahrhunderte alten Weinkultur in der Region am Zürichsee sind, lässt sich bis ins Mittelalter zurückverfolgen. Damals war im Kanton Zürich noch das Zehnfache der heutigen Fläche mit Rebbergen bedeckt.

Die Suche nach Sorten, die bis heute überlebt haben, ist im letzten Jahr im Zürcher Unterland sehr erfolgreich verlaufen: Über 150 alte Reben wurden entdeckt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.08.2008, 09:44 Uhr

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