Die Müsliburg ist fest im «Glatt» verankert

An regnerischen Tagen während der Ferien ist das Glattzentrum ein Publikumsmagnet. Doch die Kinder zieht es nur an einen Ort - dorthin, wo schon ihre Eltern herumtollten: in die Müsliburg.

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«Chum doch zu mir i d Müsliburg. Da isch s wunderbar, i dä Müsliburg. Chum doch zu mir, i d Müsliburg, s isch sicher und warm i de Müsliburg.»

Glattzentrum, mittlere Verkaufsebene, vor dem Eingang der Müsliburg hüpft die kleine Eva ungeduldig von einem Fuss auf den anderen. Sie liebt die Müsliburg, sagt ihre Mutter. Und schon ist ihre Tochter drin. Mit Eva tummeln sich an diesem regnerischen Nachmittag Ende der Sommerferien 70 weitere Kinder. Sie kraxeln durch die Röhren des Kletterturms, rutschen auf kurvigen Bahnen runter, baden in bunten Gummibällen oder versammeln sich mit Plüschtieren in einer Ecke.

Es ist sicher in der Müsliburg, es ist warm in der Müsliburg, singen die Zürcher Rapper von Radio 200 000. 33 Jahre hat es gedauert, bis jemand ein Loblied auf den Kinderhütedienst im Glatt geschrieben hat. So lange gibt es das Einkaufszentrum schon. Und so lange gibt es die Müsliburg. 1975 wurden die Kinder noch in der Filiale des Spielzeugverkäufers Franz Carl Weber betreut. Doch schon bald nach der Eröffnung des Zentrums erweiterte die Leitung die Müsliburg in einem der oberen Stockwerke.

Die Durchsagen sind fast schon Kult

Viele der Eltern, die ihre Söhne und Töchter in die Müsliburg bringen, hatten die Burg schon in ihrer eigenen Kindheit erobert. Andere kennen sie vom Hörensagen oder von Durchsagen wie «S Mami vom Nico söl en bitte i de Müsliburg abhole».

Fast schon Kult, sind diese Durchsagen aber immer seltener zu hören. Eltern hinterlassen heute ihre Handynummer, wenn sie ihre Kinder am Empfang abgeben. Dort sorgen an diesem Nachmittag zwei Mitarbeiterinnen dafür, dass es keine Warteschlangen gibt. Und dass alles seine Ordnung hat. 400 Kinder im Alter von drei bis acht Jahren erwarten die Betreuerinnen an einem regnerischen Tag in den Sommerferien. An Weihnachten können es fast 500 sein. Mehr als 100 auf einmal dürfen aber nicht drinnen sein.

Ein Chip löst Alarm aus

Heute ist es in der Müsliburg erstaunlich ruhig - trotz über 70 Kindern. «Wir wissen auch nicht, weshalb sie manchmal so still sein können - vielleicht ist es die Ruhe vor dem Sturm», sagt Christina Flubacher, seit 1990 Betreuerin in der Müsliburg und inzwischen Leiterin des Betriebs. Sie und ihr Team sind dafür da, dass Eltern in Ruhe einkaufen können. Manchmal bis zu sechs Stunden lang. Aber nur solange es auch dem Kind wohl ist. «Sonst rufen wir sofort an.» Die meisten Eltern holen ihre Kinder dann auch gleich ab.

Einen Grossteil des Kundendiensts finanzieren indirekt die Mieter des Einkaufszentrums. Deshalb kostet eine Stunde in der Müsliburg nur 2.50 Franken. Einzige Bedingung: Die Begleitperson muss auch im Glattzentrum einkaufen. «Kontrollieren können wir das nicht», sagt Christina Flubacher, «aber dafür haben wir einen siebten Sinn.»

In einer Ecke sitzen 14 Kinder auf grossen, runden Kissen und starren auf den Bildschirm. Jerry schlägt Tom eine Eisenstange über den Kopf. Keines der Kinder lacht. Eine Betreuerin startet die drei Playstation-Konsolen, und die Kinder, die eben noch vor dem Fernseher sassen, springen hin, stehen artig Schlange und warten, bis sie an der Reihe sind. «Luca, du kannst heim», ertönt es aus dem Lautsprecher.

Luca zottelt zum Ausgang. Dort darf er aber nicht einfach durch. An der Schiebetür passt eine Mitarbeiterin auf, dass keines der Kinder entwischt. Ansonsten löst ein Chip, die alle Kinder beim «Einchecken» um den Arm gebunden bekommen, einen Alarm aus. Der Chip wird ihnen erst abgenommen, wenn sich ihre Begleitperson mit einem Abholzettel und einem Bändel identifiziert hat. In all den Jahren ist noch keines der Kinder verloren gegangen oder in falsche Hände geraten, sagt Christina Flubacher. «Das wäre eine Katastrophe.»

«Ich bin gerne von Kindern umgeben»

Ein Junge hängt sich an ihr Hosenbein. Er weint. Christina Flubacher geht in die Knie und fragt ihn, was er hat. Ein anderer Junge habe ihn von der Playstation verdrängt. Christina Flubacher geht zu ihm rüber und erklärt ihm, dass er die anderen Kinder respektieren soll.

Der weinende Junge beruhigt sich und springt weg in einen anderen Raum. Dort liegt ein Mädchen neben der Brio-Bahn und schiebt einen Zug über die holzigen Schienen. Zwei Buben drehen auf einem kleinen Karussell ihre Runden, bis ihnen schwindlig wird. Ein Mädchen guckt aus einer Holzhütte, wo Kinderwagen stehen und Plastikgeschirr darauf wartet, bis es von Kinderhand aus dem Schrank geräumt wird. Christina Flubacher schnappt sich einen Plüschbären und ein paar Legosteine und wirft sie zurück an den Platz, wo sie hingehören. «Noemi und Nora, eure Mamis warten.»

Die Kinder kommen und gehen. Viele von ihnen kennt Christina Flubacher. «Ich bin gerne von Kindern umgeben», sagt sie. «Und da sie nicht meine eigenen sind, belasten sie mich auch nicht.» Nur den steten Lärmpegel spüre sie am Abend. Weshalb sie dann gerne mit ihrem Hund im Wald spazieren geht.

Ein eingespieltes Team

Ihr Team ist eingespielt. Die Arbeitsplätze sind nicht fest zugeteilt, man verlässt sich auf sein Gespür. Die insgesamt acht Teilzeitmitarbeiterinnen verfolgen auch keinen pädagogischen Ansatz. Dafür gibt es Lerncomputer, viele Spielsachen und Kinder, die ihr Wissen weitergeben - oder beim Streiten voneinander lernen. Die Betreuerinnen schreiten nur ein, wenn Kinder benachteiligt werden oder zu wild spielen. Aber eben: Es ist wunderbar in der Müsliburg, es ist sicher und warm in der Müsliburg.

In der Müsliburg dürfen die Kinder spielen, ohne nachher aufräumen zu müssen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.08.2008, 07:53 Uhr

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