Die Posse um die Wette

Weil sie das Lotteriegesetz verletzt haben soll, wird die Künstlerin Marina Belobrovaja mit einer Geldbusse bestraft. Ist die Kunstfreiheit am Ende?, fragt man sich im Cabaret Voltaire.

Kein bisschen «blue» - trotz einer 200-Franken-Busse: Künstlerin Marina Belobrovaja.

Kein bisschen «blue» - trotz einer 200-Franken-Busse: Künstlerin Marina Belobrovaja.

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Marina Belobrovaja liebt die Provokation. Damit hat sich die 1976 in Kiew geborene, später nach Israel, Deutschland und in die Schweiz emigrierte Aktionskünstlerin nicht nur Freunde gemacht. Mit 19 Jahren kam sie an die Universität der Künste in Berlin und schloss später ihre Kunstausbildung an der Zürcher Hochschule der Künste ab. Bekannt wurde die streitbare Performerin, als sie 2007 auf dem Helvetiaplatz ihre eigene Ausschaffung inszenierte – und damit den Förderpreis der Swiss Art Awards 2009 gewann.

Typisch Belobrovaja: Sie investierte das Preisgeld gleich in ihr nächstes, systemkritisches Projekt, die «Kunstwette». Mitspieler konnten mit einem Mindesteinsatz von zehn Franken auf Künstler setzen, von denen sie annahmen, sie würden an der eidgenössischen Leistungsschau absahnen. Parallel dazu spekulierten prominente Kulturschaffende vor laufender Kamera über die ungeschriebenen Gesetze bei Kunstwettbewerben. Kurzum: Belobrovaja schuf mit der «Kunstwette» eine witzige, subversive Studie über die Mechanismen des Kunstbetriebs.

Insgesamt wurden so 2530 Franken gesetzt. Den Gewinn zahlte die Künstlerin nach Bekanntgabe der Preisträger an die Wettsieger aus. Damit war der Spass freilich zu Ende: Zweimal wurde die an der Hochschule Luzern tätige Dozentin von der Polizei einvernommen. Die amtliche Kommission des Lotterie- und Wettmarkts, die Comlot, hatte Belobrovaja wegen «Widerhandlung gegen das Lotteriegesetz» angezeigt. Dieses verbietet Veranstaltungen, bei denen gegen Leistung eines Einsatzes ein Gewinn in Aussicht gestellt wird.

«Ich wollte keine Kohle machen, sondern einzig Raum für Diskussionen schaffen», sagt Belobrovaja. Die Comlot habe ihr zwar vorgeschlagen, die Kunstwette ohne Geld durchzuführen. «Das aber ist künstlerisch absurd. Ich will mich als Aktionskünstlerin in der realen Gesellschaft einbringen. Wirkung erzielen kannst du nicht mit Dingen, die so tun als ob.»

Dass die Zürcherin darauf vom Statthalter mit 500?Franken und nach Einspruch mit 200?Franken vom Bezirksgericht gebüsst wurde, mutet wie eine Posse an. Selbst in Juristenkreisen wird befürchtet, dass der in Art.?21 der Bundesverfassung festgehaltene Grundsatz, wonach die Freiheit der Kunst gewährleistet sei, immer mehr zur Alibiübung verkommt. «Es geht nicht um den Geldbetrag, sondern um Grundsätzliches», bestätigt Belobrovajas Anwalt Herbert Pfort­müller, der beim Obergericht erneut Berufung gegen die Busse eingelegt hat. «Wir wollen keine Bussenreduktion, sondern einen Freispruch.» Komme hinzu, dass besagter Gesetzesartikel über die Kunstfreiheit in der Praxis des Bundesgerichts noch nie zugunsten der Kunst ausgelegt worden sei. Marina Belobrovaja, ein Präzedenzfall? «Wir gehen bis nach Strassburg, wenn es sein muss», frohlockt sie mit einem Augenzwinkern.

Sucht die Künstlerin den Kick des Gesetzesbruchs und der Grenzüberschreitung? «Illegalität nein. Grenzüberschreitung schon», meint sie. Dass ihr Beharren auf der Kunstfreiheit viel Juristenfutter und Umtriebe nach sich zieht, nimmt sie in Kauf. Macht Kunst unter diesen Umständen überhaupt noch Spass? «Total», findet Belobrovaja und lacht. Der Fall Marina ist bereits Teil ihres Kunstprojekts geworden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.02.2012, 16:10 Uhr

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