«Die Rebellen sind an einer Wegscheide angelangt»

Mit zunehmender Kontrolle muss die syrische Opposition auch ihre moralische Überlegenheit beweisen. Berichte über Exekutionen und Angriffe auf religiöse Minderheiten beunruhigen westliche Politiker.

«Rache und Erschiessungen oder Menschenrechte und Gerechtigkeit»: Kämpfer in Aleppo. (3. August 2012)

«Rache und Erschiessungen oder Menschenrechte und Gerechtigkeit»: Kämpfer in Aleppo. (3. August 2012) Bild: AFP

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Das wackelige Video zeigt mehrere blutbefleckte Gefangene, die durch eine lautstarke Menge geführt und vor die Wand gestellt werden. Die Männer ducken sich, versuchen die Augen von den mit Sturmgewehren bewaffneten Schützen abzuwenden. Mehr als 30 Sekunden dauert das Feuer.

Die Weltgemeinschaft wirft dem syrischen Präsidenten Baschar al-Assad Kriegsverbrechen vor - doch in diesem grausamen Video, das seit vergangener Woche für Aufregung sorgt, sind syrische Rebellen die Bösen. «Freie Syrische Armee für immer!» und «Gott ist gross!» rufen sie bei den Hinrichtungen.

«Das ist abscheulich»

«Die Aufständischen tragen in den Gebieten, die unter ihrer Kontrolle stehen, die Verantwortung dafür, dass Racheakte und Gewalt gegen Wehrlose unterbleiben», sagte der deutsche Aussenminister Guido Westerwelle am Mittwoch.

Patrick Ventrell, Sprecher des US-Aussenministeriums, wurde noch deutlicher. «Das ist abscheulich und widerspricht der Art von Kampf für die Freiheit und ein neues Syrien, nach dem die breite Opposition sucht», sagte er am Donnerstag.

«Standesrechtliche Exekutionen von jeder Seite sind widerlich und nicht mit internationalem Recht vereinbar», sagte Ventrell, «die Verantwortlichen müssen zur Rechenschaft gezogen werden».

An einer Wegscheide angelangt

Es kursieren verschiedene Videos, in denen die Gewalt syrischer Rebellen ihre moralische Überlegenheit infrage stellt. «Die Freie Syrische Armee (FSA) und bewaffnete Opposition sind dadurch, dass sie zunehmend Kontrolle erlangen, an einer Wegscheide angelangt», sagte Nadim Houry, ein Analyst der in New York ansässigen Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch.

«Sie können jetzt den Weg von Rache und Erschiessungen nehmen und damit das Verhalten der regimetreuen Kräfte kopieren», sagte Houry. Oder die Rebellen «fällen eine wirklich eigene Entscheidung, mit der sie zeigen, dass sie nicht für Rache kämpfen, sondern für Menschenrechte und Gerechtigkeit.»

Rebellen versichern Einhaltung von Genfer Konvention

FSA-Sprecher Ahmed Kassaem, auf das Video angesprochen, bekräftigte: «Die FSA greift keine Zivilisten an.» Nach Recherchen der Nachrichtenagentur AP zählen die in dem Video gezeigten Männer zu der berüchtigten Barri-Bande, die in Aleppo seit Monaten schwer bewaffnet gegen friedliche Demonstranten vorgeht.

Und Abdel Rassak Tlass, ein FSA-Anführer, sagte, seine Gruppe werde sich an die Genfer Konvention halten und mit Gefangenen gemäss internationalem Recht umgehen.

«Wir stehen gegen ein barbarisches Regime auf, das Häftlinge und Gefangene schon immer gequält und so brutal behandelt hat, dass viele zu Tode kamen», sagte Tlass. «Wir können so ein Verhalten niemals übernehmen, das im Wesen für das steht, wogegen wir revoltieren.»

Die Vorfälle und Versprechen in Syrien sind kaum zu überprüfen. Sicher ist aber, dass das Fehlverhalten der Rebellen es dem Westen erschwert, Assads Verbündete China und Russland im Rahmen der UNO von Sanktionen gegen Syrien zu überzeugen. (Von Zeina Karam, AP )

Erstellt: 05.08.2012, 07:49 Uhr

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Der Repräsentant der Syrisch-Orthodoxen Kirche in Deutschland, Simon Jacob, sagte der Zeitung, die Christen in Syrien würden verfolgt und vertrieben. «Es hat sogar brutale Hinrichtungen gegeben. Die Lage erinnert an die der anhaltenden Christenverfolgungen im Irak.» Wenn Staatschef Baschar al-Assad gestürzt werde, werde sich die Situation durch das entstandene Machtvakuum für die Christen in Syrien weiter verschlechtern.

Grünen-Chefin Claudia Roth sagte, die Bundesregierung solle den Nachbarstaaten von Syrien jetzt umfangreiche Unterstützung bei der Aufnahme und Unterbringung der Flüchtlinge anbieten. «Und auch selbst unbürokratisch sein, in dieser Situation Flüchtlinge aufzunehmen», sagte Roth der «Bild am Sonntag».
(afp)

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