Die S-Bahn-Pendler wohnen nicht am «lätzen» Ufer

Die rechtsufrige Eisenbahnlinie ist mit ihren modernen Zügen und der hohen Frequenz das Paradestück der Zürcher S-Bahn. Erstmals fuhr 1894 ein Zug an der Goldküste.

Postkarte aus dem frühen 20. Jahrhundert. Das Überschreiten der Gleise scheint noch nicht verboten gewesen zu sein.

Postkarte aus dem frühen 20. Jahrhundert. Das Überschreiten der Gleise scheint noch nicht verboten gewesen zu sein.

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Heute sind die Herrliberger möglicherweise froh darüber, dass ihr Bahnhof auf (Feld-)Meilemer Boden liegt. Somit müssen sie sich nicht mit der geplanten, aber nicht bewilligten Mobilfunkantenne bei der Station Herrliberg-Feldmeilen beschäftigen. Ganz anders sah es jedoch an einem Mittwoch im Frühling vor 113 Jahren aus. Herrliberger warfen Steine und brennende Torfstücke auf den vorbeifahrenden Zug. Ihr Zorn richtete sich aber nur indirekt gegen die Festgesellschaft, welche mit einem Reisli am 14. März 1894 die Eröffnung der rechtsufrigen Eisenbahn feierte. In der Planung war nämlich Herrliberg als Standort für einen Bahnhof übergangen worden. Sogar die Bundesanwaltschaft musste sich mit dem Angriff auf den Zug befassen. Drei Männer wurden zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt und hatten für den Sachschaden von 7 Franken aufzukommen.

«Lasst die Steuern, lasst den Staub»

Abgesehen von diesem Terroranschlag, wie man den Vorfall heute wohl nennen würde, verlief die Eröffnung der 30,27 Kilometer langen Strecke Stadelhofen-Rapperswil (der Teil Stadelhofen-Hauptbahnhof kam erst am 1. Oktober 1894 dazu) in Minne. Es regnete zwar, doch das dürfte die Honoratioren, die ja in der Eisenbahn trocken blieben, wenig gekümmert haben. Um 12.20 Uhr gings in Zürich los. Zwei bekränzte Lokomotiven zogen 14 Wagen den See hinauf. Überlieferte Zwischenhalte mit Festivitäten gab es in Zollikon, Küsnacht, Meilen, Stäfa, Uerikon und Feldbach. In Zollikon war eine Inschrift zu lesen, deren Gehalt nicht viel an Aktualität eingebüsst hat:

Kommt, ihr Städter, nun in Schaaren
Mit der Bahn heraufgefahren!
Lasst die Steuern, lasst den Staub,
Wohnet hier im grünen Laub!
Baut hier Häuser, Villen fein –
Zollikon muss grösser sein!

Das feierliche Bankett im Rapperswiler Hotel Schwanen am See dauerte mehrere Stunden. Um 19 Uhr fuhr die Festgesellschaft zurück nach Zürich. Der Strecke entlang begleiteten sie Feuerwerksraketen und -sonnen. Nur in Herrliberg säumten schwarze Fahnen das Trassee, und im Unter-Grüt streckten zwei Böögge dem Zug die Zunge heraus. Dann kam es zum eingangs erwähnten Zwischenfall: Zur nächtlichen Beleuchtung der Böögge waren Torf, Petrol und Rebstickel herbeigeschafft worden, die Werkzeuge des nun heftig auf die Loks und Waggons niederprasselnden Protests.

Betrieben wurde die Strecke damals von der Nordostbahn, später wurde die «Rechtsufrige» dann von den Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) übernommen. Es fuhren täglich acht Züge in beide Richtungen. Der erste verliess Rapperswil um 4.45 Uhr und war um 5.58 Uhr im Stadelhofen. Ultimo war um 21.10 Uhr, wenn die letzte Eisenbahn Zürich verliess, um 22.22 Uhr das obere Ende des Sees zu erreichen. Gegen Ende des Ersten Weltkrieges erzwang der Kohlenmangel eine Einschränkung des Betriebes. Unter anderem fuhren gewisse Kurse nur noch bis Stäfa. Diese Notmassnahmen veranlassten die SBB dazu, die Elektrifizierung der Linie an der Goldküste voranzutreiben. 1926 wurde der Betrieb mit Strom aufgenommen. Im gleichen Jahr weihte Küsnacht die Station Goldbach ein; eine weitere im Heslibach wurde zur Planungsleiche.

Später kam der Mittagsschnellzug von Zürich ohne Halt bis Herrliberg in den Fahrplan. Er fuhr bis Mai 1969 – ungeachtet der von der Gemeinde Küsnacht und deren 600 Pendlern geäusserten geharnischten Protesten. Ab Mai 1969 hielt der Kurs zusätzlich an der Station Erlenbach. Ein beschleunigter Abendzug bediente seit 1929 Küsnacht, Meilen und ab dort alle Stationen.

Schwarzes Jahr 1971

Am 26. Mai 1968 wurde der Halbstundentakt zwischen Zürich und Rapperswil eingeführt. Damals verkehrten bereits die roten «Mirage»-Züge, der sogenannte Goldküstenexpress, die in den Neunzigerjahren revidiert sowie neu hellgrau und blau lackiert wurden. Mit dem Fahrplanwechsel im kommenden Dezember werden sie definitiv ausgemustert.

Ein schwarzes Jahr erlebten die «Mirages» 1971. In Feldmeilen und Uerikon kollidierten je zwei Triebzüge. Sechs Personen starben infolge des Unfalls in Feldmeilen, 17 wurden verletzt. An den Rettungsarbeiten beteiligte sich damals auch der junge Meilemer Christoph Blocher, der heute in Herrliberg ansässige Alt-Bundesrat.

Zehn Jahre später, 1981, bewilligte das Zürcher Stimmvolk den Bau der S-Bahn. Diese fährt seit 1990 am rechten Ufer und im ganzen Kanton. Im gleichen Jahr wurde auch der Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) aus der Taufe gehoben. Die neuen Doppelstöcker verdrängten am rechten Ufer die «Mirages». Einzig auf der Strecke der S 16 kamen diese noch zum Einsatz. Die Zukunft wird gemäss aktueller Strategie die S 20 bringen. Diese soll die S 7 entlasten und in den Stosszeiten den Viertelstundentakt ermöglichen.

Versöhnt mit dem Heimatland

Darauf dürften sich die heute oft wegen Überfüllung der S-Bahn zum Stehen gezwungenen Pendler freuen. Wie hiess es doch bereits bei der Eröffnung der Goldküsten-Linie 1894 in einem weiteren Gedicht? «Wir glaubten bald, die Welt sei verkehrt/Und unsre Hütten stehen am lätzen Strand;/... Die Sonnenseite ist doch nicht vergessen/... Wir sind versöhnt mit unserm Heimatland!»

Quelle: Werner Neuhaus: Aus den Annalen der Rechtsufrigen. Th. Gut + Co. Verlag, Stäfa 1983 (vergriffen, dem Autor zur Verfügung gestellt von Bruno Gadola aus Oetwil am See). (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.10.2008, 22:16 Uhr

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