Die Trainingshosen-Taktik des iranischen Staatspräsidenten

Hassan Rohani schaute sich das 0:0 seines Teams gegen Nigeria zu Hause auf dem Sofa an. Und übermittelte damit klare Signale an seine Landsleute.

«Bin stolz auf unsere Jungs.»: Das twitterte der iranische Präsident Hassan Rohani zusammen mit diesem Bild. Foto: Twitter

«Bin stolz auf unsere Jungs.»: Das twitterte der iranische Präsident Hassan Rohani zusammen mit diesem Bild. Foto: Twitter

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Der iranische Präsident hatte es sich für das erste WM-Spiel seines Landes ganz gemütlich gemacht. Hassan Rohani, für gewöhnlich im langen dunklen Gewand und mit weissem Turban auf dem Kopf zu sehen, sass im kurzen weissen Polo-Shirt und einer dunklen Trainingshose vor dem Fernseher; auf dem Tisch ein Glas Tee, ein Schale Obst sowie ein Schüsselchen mit Bonbons und eines mit Pistazien und anderen Knabbersachen, wie es in iranischen Haushalten üblich ist.

Ein solches Foto verbreitete zumindest Rohanis Twitterkanal nach dem Spiel der Iraner gegen Nigeria, der bis dahin mit Abstand schwächsten Partie dieser Weltmeisterschaft. Mitsamt dem Zitat des Präsidenten: «Bin stolz auf unsere Jungs.»

Die deutsche Bundeskanzlerin Merkel in der Kabine, so mancher Staats­chef auf der Tribüne, und Rohani daheim auf dem Sofa. Mit einer solchen Szene lässt sich das derzeit gern gepflegte Image unterlegen, das den 2013 ins Amt gewählten Kleriker als bescheidenen, netten und irgendwie anderen Vertreter des Regimes ausweist, der nach langen Jahren der Feindschaft sogar die Gesprächsfäden mit den USA wieder aufzunehmen beginnt – während manche innenpolitischen Kritiker meinen, dass sich bei der wirtschaft­lichen Situation und der Zahl der Hinrichtungen gegenüber der Ära von Mahmoud Ahmadinejad nicht viel geändert habe.

100 000 Männer im Stadion

Politik und Fussball sind im Iran jedenfalls eng verflochten. Das Land ist extrem fussballbegeistert, täglich erscheinen fast ein Dutzend Sportzeitungen. Bei Aufeinandertreffen der beiden Teheraner Grossclubs Persepolis und Esteghlal, bei denen die Ministerien kräftig mitreden, kommen regelmässig mehr als 100 000 Zuschauer ins ­Azadi-Stadion der Hauptstadt – männliche Zuschauer, denn Frauen dürfen offiziell keine Männer-Wettkämpfe besuchen und müssen sich kreative Wege suchen, um doch in die Sportstätte zu kommen: So wie jüngst beim Volleyball-Spiel zwischen dem Iran und Brasilien, als die Gäste ihre weiblichen Fans mit in die Halle bringen durften und sich kurzerhand auch ein paar Iranerinnen mit blau-gelb-grünen Fahnen und blau-gelb-grün beschminkten Wangen auf die Tribüne schmuggelten.

Allerdings weiss auch das Volk den Fussball zu nutzen. Als sich das Team Melli, wie die Nationalmannschaft genannt wird, für die WM 1998 in Frankreich qualifizierte und bei diesem Turnier auch noch die USA bezwang, gab es auf Teherans Strassen die bis dahin wohl grössten nicht kontrollierten Menschenaufläufe seit der Islamischen Revolution 1979 – und wussten die Ordnungshüter zunächst nicht so recht, wie sie damit umgehen sollten. Solche Zusammenkünfte sind ihnen suspekt. Auch darauf zielt Rohanis Botschaft natürlich ab: Fussball lässt sich auch alleine zu Hause schauen, nicht nur in einer grösseren Menschenmenge.

Das TV überträgt zeitverzögert

Dass die Mannschaft von Carlos Queiroz (früher Trainer bei Real Madrid und ­Assistent bei Manchester United) beim laufenden Turnier wieder einmal einen Grund zu einer grossen gemeinschaftlichen Feierstunde auf der Strasse liefert, ist eher nicht anzunehmen; dafür dürfte die Qualität die Mannschaft um den früheren Wolfsburger Ashkan Dejagah in den Partien gegen Argentinien und Bosnien-Herzegowina schlicht nicht ausreichen. Genügend politisch-gesellschaftliche Aspekte gibt es gleichwohl. Das Fernsehen überträgt die Spiele leicht zeitverzögert, um gegebenenfalls Szenen mit allzu knapp bekleideten Frauen herauszuschneiden.

Daneben beschäftigt die Fans das Fehlen des Altmeisters und früheren Bayern-Profis Ali Karimi im Kader. Manche Beobachter erklären das mit dessen Alter (35) und den entsprechenden Folgen für den Körper; andere verweisen auf Karimis immer noch feine Technik und das noch kurz vor der WM erklungene Lob von Queiroz für den Mittelfeldspieler. Sie sehen als Grund für die Nichtberücksichtigung Karimis dessen Solidaritätsaktion mit der oppositionellen grünen Bewegung vor fünf Jahren, was ihm einflussreiche Kreise angeblich immer noch vorhalten.

Eine andere interessante Personalie ist Mittelfeldakteur Andranik Teymourian. Der 31-Jährige war bereits beim WM-Turnier 2006 dabei und ist seit Jahren der einzige Spieler der Mannschaft, der aus der armenischstämmigen Minderheit des Landes kommt, die nur ein paar Hunderttausend Mitglieder hat. Christen haben im Iran zwar weitaus weniger Probleme als in manchem arabischen Staat in der Nachbarschaft. Dennoch war es im Land ein grosses Thema, als Teymourian beim Vorbereitungsspiel gegen Weissrussland im Mai in Abwesenheit des regulären Captains Javad Nekounam die Armbinde trug.

Erstellt: 18.06.2014, 08:13 Uhr

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