Die Winzer können mal wieder richtig Wein machen

Der Jahrgang 2010 befindet sich derzeit in den Fässern und Tanks. Er hat zwar (noch) nicht einen so guten Ruf wie der 09er, doch er verspricht volle und langlebige Tropfen.

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Spannend ist das Adjektiv, das Erich Meier spontan benutzt, wenn man ihn nach dem Jahrgang 2010 befragt. «Ich kann mal wieder richtig Wein machen», sagt der Uetiker Winzer. Er zapft mit einer riesigen Pipette Räuschling aus einer Barrique, gibt die trübe Flüssigkeit in ein Glas und hält dieses dem Besucher unter die Nase. Bananen- und Hefenoten verbreiten sich. Dies ist die typische Gäraromatik.

Der Räuschling ist vorerst fertig. Gärung und biologischer Säureabbau sind abgeschlossen. Er wird sich aber durch die Lagerung im Fass und auf der Flasche weiterentwickeln. Bei anderen Mosten mit weniger natürlicher Säure hat Meier keinen Abbau durchgeführt. Dies meint er mit «Wein machen». Der 2010er gibt ihm viel mehr Möglichkeiten als der «Jahrhundertjahrgang» 2009, der von einem eher schwachen Säuregehalt der Trauben und hohen Alkoholwerten geprägt gewesen ist. «Da konnte man nicht mehr viel beeinflussen, der Wein war im Nullneun schon beim Wümmen praktisch gemacht», sagt Meier.

Spielen mit Säureabbau

Der diesjährige Rebensaft ist eine grössere Herausforderung. «Es braucht Feingefühl. Ich muss mir viel stärker als in anderen Jahren überlegen, was für ein Produkt ich will, und bin nicht einfach dem Schicksal überlassen», erklärt Meier, der aber betont, mehr Säure bedeute nicht einen sauren Wein.

Spannend nennt den 2010er auch der Männedörfler Eric «Rico» Lüthi und meint ebenfalls das «Spielen mit dem Säureabbau». Zwar sei der Ertrag vor allem bei den weissen Sorten circa 20 Prozent tiefer ausgefallen. Gründe dafür seien das eher schlechte Wetter im Frühling und die Rebkrankheit Mehltau. Doch die Qualität sei gut, wenn man die Reben gepflegt und die Menge des Traubengutes reduziert habe.

Lüthi spricht von einer dank der langen Reifezeit «gewaltigen Aromatik» bei den Weissen und der Möglichkeit, mit etwas Restzucker die Säure einzubinden. Das ergibt langlebige, kräftige, volle Weine. Die Roten sind wegen der guten Reife der Kerne und Häute gerbstoffreich, dunkel und aromatisch. Die Tannine sorgen im Zusammenspiel mit der Säure für Haltbarkeit. Zum qualitativ guten Ergebnis hat unter anderem der optimale Oktober mit warmen, trockenen Tagen und kalten Nächten beigetragen. So konnten die Beeren in Ruhe reifen.

Falsches Image

Erst jetzt, da die Weine 2010 in den Fässern und Tanks reiften, könne man sagen, wie sie beschaffen seien, sagt Meier. Leider werde in der Regionalpresse oft schon bei der Lese spekuliert. Deshalb sei unberechtigterweise ein schlechter Eindruck des aktuellen Weins vermittelt worden. Der Uetiker verspricht fruchtige, robuste Weine mit schöner Struktur sowie viel Kraft in Gaumen und Abgang. Dass sie mässig viel Alkohol hätten, komme dem Trend im Geschmack der Konsumenten entgegen. Im Vergleich bezeichnet er die 09er-Tropfen als «extreme Charmeure, elegant, früh trinkfertig, zugänglich und abgerundet». Der 10er hat also bestimmt mehr Charakter.

Meier und Lüthi sind junge, innovative Winzer. Sie versuchen sich mit modernsten Kelterungsmethoden und einem aktiven Marketing neue Kundenkreise zu erschliessen. Lüthi nennt etwa seinen Riesling-Silvaner wie international üblich Müller-Thurgau. Bei den Roten ist der Einsatz von Holzfässern schon beinahe Standard geworden. Beide Winzer nehmen oft an Prämierungen teil, und ihre Weine werden dort regelmässig ausgezeichnet.

Jahr wird Verkaufsargument

Ist auch der Jahrgang, um den etwa im Bordelais ein Riesentanz veranstaltet wird, ein Verkaufsargument? Teilweise, sagt Lüthi. Es gebe zwei Gruppen von Kunden: die Treuen, die jährlich bei «ihrem» Winzer kaufen. Und diejenigen, die bewusster auswählen. Diese besuchen dann etwa den Weinpavillon in Meilen und können dort Jahrgänge quer vergleichen. Die öffentliche Meinung spielt gemäss Lüthi auch eine Rolle. So habe es auf den vorletzten angeblichen «Jahrhundertjahrgang» 2003 einen Run geben, und den 02er habe plötzlich niemand mehr gewollt.

Meier glaubt, dass der Jahrgang den Kaufentscheid in einem gewissen Mass beeinflusst. Die Kundschaft habe das Jahr 2009 im Kopf und sei daher dem neuen Wein gegenüber eher skeptisch, sagt er. Dies auch, weil 2010 den Ruf habe, verregnet gewesen zu sein. Da die Kunden der hiesigen Weinbauern praktisch alle aus der Region kommen, prägt das unmittelbare Erleben des Wetters am Zürichsee die Kauflust.

Nicht zuletzt spielt die Zuwanderung eine Rolle. Die meist relativ wohlhabende und oft international ausgerichtete neue Kundschaft möchte ältere, trinkreife Weine kaufen, weil sie keine für die Lagerung geeigneten Keller hat. Die Winzer halten deshalb ihre Produkte zurück, anstatt sie wie früher sofort ins Angebot zu nehmen. So wird es möglich, die verschiedenen Jahrgänge zu vergleichen. Doch eines ist klar: Egal, ob es ein sogenannt gutes oder schlechtes Jahr gewesen ist, die Preise für Weine von der Goldküste bleiben stabil. Aus- beziehungsweise Aufschläge, wie sie beim Bordeaux gang und gäbe sind, können sich die Weinbauern nicht leisten.

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Erstellt: 26.11.2010, 20:26 Uhr

Prüft in seinem Weinkeller den neuen Räuschling: Erich Meier. (Bild: Michael Trost )

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