«Die ‹Zürichsee-Zeitung› hat jetzt gute Überlebenschancen»

Das Jahr 2010 markiert das Ende der «Zürichsee-Zeitung» als Familienbetrieb. Verleger Theodor Gut muss für den Verkauf an Tamedia Kritik einstecken. Doch er ist überzeugt, das Richtige getan zu haben.

Theodor Gut vor dem Stäfner Hauptsitz der Zeitung. Er wird noch bis 2013 deren Verleger sein.

Theodor Gut vor dem Stäfner Hauptsitz der Zeitung. Er wird noch bis 2013 deren Verleger sein. Bild: Reto Schneider

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Theodor Gut, Ihre Familie hat die «Zürichsee-Zeitung» fast 100 Jahre lang geprägt und 80 Jahre lang geführt. Wie gehen Sie damit um, dass Sie als Totengräber dieser Tradition in die Geschichte eingehen werden?
Ein Familienunternehmen kann nur weiterexistieren, wenn jemand bereit ist, es zu leiten. Tatsächlich war 2009 nach intensiven Gesprächen klar, dass von der jüngeren Generation niemand meine Nachfolge antreten will. Da wussten wir, dass wir verkaufen müssen.

Beim gut rentierenden Radio Zürisee scheint Ihre Nachfolge kein Problem zu sein: Es bleibt im Besitz der Familie Gut. Das weckt den Verdacht, dass es beim Verkauf der Zeitung nur ums Geld ging.
Natürlich hat das Geld eine Rolle gespielt, schliesslich steckte ein grosser Teil unseres Familienvermögens in der Firma. Die Zeitung ist aber in einer ganz anderen Lage als das Radio. Die Chancen, dass eine Zeitung von der Grösse der «Zürichsee-Zeitung» allein überleben kann, werden immer kleiner. Das Marktumfeld beim Radio dagegen ist viel geschützter, weil jeder eine Konzession braucht, der einen Sender lancieren will. Zudem ist das Interesse in der vierten Familiengeneration da, das Radio weiterzuführen.

Als Käuferin der «Zürichsee-Zeitung» trat Tamedia auf, zu der auch der «Tages-Anzeiger» gehört. Also ausgerechnet jener Betrieb, der am See lange als Erzfeindin galt. Warum haben Sie nicht an die NZZ verkauft?
Die NZZ war der Auffassung, dass sie mit den drei Landzeitungen – «ZürichseeZeitung», «Zürcher Oberländer» und «Zürcher Unterländer» – finanziell nichts Gescheites hätte anfangen können. Denn der Konkurrenzkampf der Landzeitungen mit den Regionalsplits des «TagesAnzeigers» wäre weitergegangen und verschärft worden. Die NZZ war angesichts dieser Aussichten nicht bereit, viel Geld zu investieren, weshalb sie im Bieterverfahren auch kein hohes Gebot abgegeben hat.

Wenn Sie einen idealen Käufer hätten wählen können: Wie hätte der ausgesehen?
Wir haben nicht denjenigen gewählt, der am meisten geboten hat – sondern denjenigen, der uns das beste Konzept präsentiert hat. Und das war Tamedia.

Zwei Unternehmer – Alfred Meili und Walter Frey – haben mitgeboten, wobei Frey angeblich weit mehr als Tamedia bezahlen wollte, nämlich 35 Millionen Franken.
Wir haben mit allen Beteiligten abgemacht, dass wir ihre Namen nicht bekannt geben. Die Einzigen, die offiziell mitgeboten haben, sind Tamedia und NZZ. Alles andere sind Spekulationen, zu denen ich mich nicht äussere. Es stimmt aber, dass Privatpersonen zum Teil sehr hohe Preise in Aussicht gestellt haben.

Warum haben Sie nicht an einen Privatmann verkauft?
Da gab es eine ganze Reihe von Gründen. Der wichtigste war, dass wir die «Zürichsee-Zeitung» nicht in eine Zukunft entlassen wollten, von der wir nicht überzeugt waren. Ein privater Investor hätte sich mit Verträgen herumschlagen müssen. Die NZZ etwa hätte unter gewissen Umständen ein Vorkaufsrecht gehabt, weshalb wir einen unappetitlichen Rechtsstreit nicht ausschliessen konnten. Mit Tamedia konnte sich die NZZ dagegen verständigen, weil sie ihr die «Thurgauer Zeitung» abkaufen wollte.

Hält Ihre Freude über den Verkauf noch immer an, oder gab es Momente, in denen Sie Ihren Schritt bereut haben – etwa, als Tamedia bekannt gab, dass das Druckzentrum Oetwil (DZO) geschlossen wird?
Insgesamt bin ich nach wie vor überzeugt, dass wir mit Tamedia eine gute Lösung gefunden haben. Aber es gibt einen Punkt, der uns alle schmerzt, und das ist die Schliessung des DZO. Die Gründe von Tamedia leuchten zwar ein. Aber im Herzen tut es doch elend weh. Keiner der Angestellten dort kann etwas dafür, dass es im Zeitungsdruckgeschäft Überkapazitäten gibt und es für Tamedia keinen Sinn macht, in Oetwil und Zürich – also im Umkreis von 25 Kilometern – zwei Druckzentren zu betreiben, die nicht ausgelastet sind.

Auf der Strasse hört man oft Aussagen wie «Wir sind enttäuscht von der Familie Gut». Wie gehen Sie damit um?
Persönlich habe ich nur etwa zwei negative Reaktionen erhalten. Aber es ist mir bewusst, dass hinter meinem Rücken auch negativ geredet wird. Aus der Branche habe ich dagegen viele positive Rückmeldungen erhalten. Dort sieht man zu Recht, dass die «Zürichsee-Zeitung» für die nächsten drei, vier Jahre gute Perspektiven hat zu überleben.

Das sagen Sie voller Überzeugung? Absolut. Ich glaube nicht, dass Tamedia ein Flunkerprodukt aufgebaut hat mit uns und den anderen Landzeitungen.

Kritiker monieren, dass die Versprechungen von Tamedia im Fall der «Thurgauer Zeitung» eine geringe Halbwertszeit hatten. Warum soll das bei der «Zürichsee-Zeitung» anders sein?
Ich glaube daran, nicht nur aus Idealismus oder Selbstschutz. Tamedia deckt den Zürcher Zeitungsmarkt derart geschickt ab, dass es für einen Konkurrenten unglaublich schwierig sein wird, Fuss zu fassen. Und im nächsten Jahr können wir ein Budget aufstellen, von dem wir früher nur träumen konnten.

Der Preis dafür ist aber die Meinungsvielfalt im Kanton und den Gemeinden.
Wenn man zurückblickt, war es doch so: Als der Tagi ab 2005 seine Regionalsplits lancierte, haben alle aufgeschrien, besonders die Gemeinden. Die ZSZ werde kaputt gemacht, hiess es, und überhaupt «Tagi pfui!». Dann sahen sie plötzlich, dass es eigentlich noch interessant ist, zwei Zeitungen zu haben. Jetzt, wo der Tagi seine Regionalseiten mit unseren Inhalten füllt, ist plötzlich die Meinungsvielfalt in Gefahr. Dabei haben wir doch jetzt die gleiche Situation wie vor 2005.

Trotzdem nehmen manche Gemeinden die Übernahme der «ZürichseeZeitung» zum Anlass, über eigene Publikationsorgane nachzudenken – im Namen der Meinungsvielfalt.
Ich verstehe schon, dass es einer Gemeinde sympathischer ist, wenn es zwei oder drei Zeitungen gibt, die über das lokale Geschehen berichten. Aber nennen Sie mir mal eine Gemeinde in der Schweiz, wo das noch der Fall ist. Ob es eine gute Lösung ist, eigene Blätter zu lancieren, die von den Gemeinden finanziert werden, bezweifle ich.

Wie kann ein Produkt wie die «Zürichsee-Zeitung» Ihrer Meinung nach langfristig überleben?
Sicher braucht es dazu eine vernünftige Konjunktur. Das Wichtigste ist aber, dass man auf dem regionalen News- und Inseratemarkt der Beste ist. Für die Journalisten heisst das, dass sie ihre Region besser kennen müssen als jeder andere, der in diesem Gebiet Informationen verbreitet. Jemand, der in Stäfa wohnt, wird immer wissen wollen, was hier läuft. Vielleicht wird die abonnierte Tageszeitung eines Tages nicht mehr der Hauptträger der Mediennutzung sein, aber Informationen werden immer gefragt bleiben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.12.2010, 07:36 Uhr

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