Die eigene Wohnung auf Airbnb vermieten?

Horrorgeschichten umranken die erfolgreiche Tauschbörse Airnbnb. Würden Sie Ihr Daheim einem Fremden vermieten, der im Internet gebucht hat? Nehmen Sie an unserer Umfrage teil und diskutieren Sie mit.

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Ja

Sexpartys! Übergriffige Vermieter! Edelbordelle! Überlastete Callcenter! Man liest zurzeit unschöne Dinge über Airbnb und den etwas hilflosen Versuch des Wohnungsvermittlers, den eigenen Erfolg in geordnete Bahnen zu lenken.

Was bei den Horrorgeschichten oft vergessen geht: Es gibt Abertausende von Menschen, die gute Erfahrungen mit Airbnb gemacht haben. Die in letzter Not ein Zimmer fanden (versuchen Sie einmal in Busan während des Filmfestivals ein Hotel zu buchen) oder die für einen Betrag, der für ein schäbiges 3-Stern-Etablissement in einer dunklen Ecke der Stadt gereicht hätte, ein richtig schönes Appartement bewohnten.

Keine Scheu also vor fremden Wohnungen – ist ja im Grunde nichts anderes als ein Hotelzimmer. Aber umgekehrt? Die eigene heilige Wohnung einem Wildfremden anvertrauen?

Aus eigener Erfahrung (nicht via Airbnb, sondern über andere Kanäle) weiss ich: So schlimm ist das nicht. Die Weltreise mit der Liebsten hätten wir uns nicht leisten können, wenn während der sechs Monate nicht eine fünfköpfige Familie unsere 3-Zimmer-Wohnung gehütet hätte. Noch heute fahre ich mit dem Finger die Kratzspuren auf unserem Balkontisch entlang und denke an den Schnee auf dem Kilimandscharo (okay, das ist übertrieben). Aber: Die kleineren Einbussen (ein altes Velo und ein ebenso alter und hässlicher Schrank waren plötzlich weg) habe ich gern in Kauf genommen. Dass die Familie, die sich während unserer Reise in die Wohnung gepfercht hatte, den Aufenthalt weniger gut überstand als die Wohnung (die Eltern trennten sich – es war halt schon sehr eng), tut mir zwar noch heute leid, spricht aber nicht gegen das Vermieten an sich.

Seit einigen Jahren kommt stets während der Uhrenmesse Baselworld der charmante Stéphane für eine Woche in unsere Wohnung. Der perfekte Anlass, um endlich die Fenster zu putzen, die Böden richtig sauber zu machen und in der Küche auch jene Schränkchen abzuwischen, die unter dem Jahr unbeachtet bleiben.

Kommt hinzu: Stéphane, den ich nicht näher kenne, ist der perfekte Gast. Die einzigen Spuren, die er hinterlässt, bestehen aus hochwertigen Papiertaschen aller Uhrenmarken dieser Welt, absurd teuren Werbegeschenken, Strandtüchern, Pralinés und einmal sogar einer Peitsche (was wollte die Uhrenfirma ihren Kunden wohl damit sagen?). Wir gewinnen auf der ganzen Linie: Die Firma von Stéphane kommt zu einer im Vergleich günstigen Unterkunft. Wir kommen zu einer im Vergleich sehr grosszügigen Entschädigung. Einmal die Bettwäsche ausgewechselt und die Peitsche entsorgt – und man hat ein Gefühl, als wäre nie jemand da gewesen.

Nein

Der menschliche Körper ist eine Fabrik, und jede Fabrik produziert Abfall. Eben las ich im Heftli aus der Apotheke, wie sich die Haut erneuert: Unablässig werden Zellen aus dem Untergrund Richtung Oberfläche gearbeitet. Dort trocknen sie aus und sterben ab. Tag für Tag sind es mehr als zehn Gramm.

Und wo rieseln die toten Zellen hin? Mir egal, solange es nicht mein Bett ist! Im Hotel ertrage ich jeweils schwer die Vorstellung, dass andere vor mir in die Matratze schwitzten, von der mich bloss ein dünnes Leintuch trennt. Nie würde ich dort mit nackten Füssen herumlaufen; wer weiss, was da alles am Boden klebt und lebt. Das Hotel kann ich wieder verlassen. Es ist ein Allerweltsort, an dem ich nicht lange bleibe. Fremdes Terrain. Meine Wohnung aber ist mein Reduit. Die letzte Bastion. Mein Kontrollraum. Mein Schicksal. Meine erweiterte Intimzone. In ihr darf nur einer sekretieren: ich. Dazu allenfalls eine sehr ausgewählte Zweitperson.

Airbnb ist Horrorkino im Kopf. Wenn ich mir das vorstelle: ein übermässig transpirierender Spanier in meinem Heim. Eine Schuppenflechten-Irin. Ein Kenianer mit windiger Verdauung. Oder irgendeine andere Person, die in meiner Badewanne absurde Patschuli-Essenzen entfesselt, mit Cowboystiefeln über mein schönes Parkett kratzt oder mein geliebtes Le-Creuset-Pfännchen für unterklassige Gerichte missbraucht.

Es gibt offenbar Personen, die mit all diesen Dingen kein Problem haben. Aus ihrer Sicht ist unsereins tendenziell ein Neurotiker. Ich meinerseits sehe sie als Verlustkreaturen. Ihnen geht etwas Natürliches ab: der angeborene Höhlensinn. Ein Sensorium des Intimen. Nur weil ihnen diese Urempfindung mangelt, können sie locker Wohnungskommunismus betreiben; nur darum stellen sie ihr Zuhause freiwillig jemandem zur Verfügung, der irritierende Geruchsmoleküle hinterlässt. Oder Flöhe. Die Airbnb-Weltbürger kommen mir etwas unfühlsam vor. Es gibt Leute, die wohnen bewusst, mit einer verletzlichen Liebe. Andere Leute hausen bloss.

In den Achtzigern, im Studium, lebte ich in Bern in einer grossen WG. Zwei, drei Mitbewohner untervermieteten ihr Zimmer in den Sommerferien. Einer dieser Untermieter war ein Malaysier. In der WG-Küche briet er Abend für Abend Minifische. Er drehte den Herd an, goss Öl auf die glühende Platte, warf die stinkenden Fischlein drauf – pfannenloses Kochen.

Seither finde ich: «Fremde Länder, fremde Sitten» ist eine gute Sache. Aber sicher nicht in meiner Wohnung.

Erstellt: 11.11.2014, 22:47 Uhr

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