Die sauren Zeiten sind vorbei

Am 1. Mai öffnen 70 Zürcher Winzer ihre Keller. Darin gibt es auch spannende Tropfen zu entdecken. Denn: Das Image des Zürcher Weins mag nicht das beste sein, doch werden in der Region vermehrt Spitzenweine gekeltert.

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«Wir verkaufen Emotionen.» Erich Meier (39) aus Uetikon am See ist nicht Werber, sondern Winzer. Einer mit hohen Ansprüchen an seinen Wein. Aber auch einer, der weiss: Heute reicht es nicht mehr, hervorragenden Wein zu machen, man muss ihn auch richtig verkaufen. «Das Weinbusiness wird in den nächsten Jahren noch härter», ist er überzeugt. Mit seinen Weinen allerdings hat er keine Absatzschwierigkeiten: Die rund 32 000 Flaschen, die er jährlich produziert, sind jeweils innert Monaten ausverkauft. Wie bei einem guten Bordeaux bestellt man bei Meier vor. Am 1. Mai, dem Tag der offenen Weinkeller, ist sein Degu-Raum immer rappelvoll.

Auch auf dem Weingut Nadine Saxer in Neftenbach werden Hunderte Besucher erwartet für den 1. Mai. Jürg Saxer hat das Weingut gegründet und vor 22 Jahren zu seiner Haupteinkommensquelle gemacht. Seit zwei Jahren führt es seine 36-jährige Tochter Nadine mit ihrem Mann Stefan Gysel. «Die Jungen sind wichtig», betont Jürg Saxer. «Sie machen es hoffentlich besser als wir.» Er selber gilt als etablierter Zürcher Winzer, der früh auf Qualitätswein umstellte. «Guter Wein war mir seit Beginn ein Anliegen, aber erst etwa vor 15 Jahren haben wir auf kompromisslose Qualität umgestellt», so Saxer. «Eigentlich hätten wir das früher machen müssen.»

«Wir Zürcher müssen uns nicht verstecken»

Früher, da war Zürcher Wein oft gleichzusetzen mit saurem Landwein. «Beerli-Wii», wie Jürg Saxer sagt. Der Traubenertrag wurde so hoch wie möglich gehalten, beim Keltern war man teils wenig vorsichtig. «Und trotzdem verkauften alle Winzer erstaunlicherweise allen Wein», so Saxer. «Eine Umstellung war aus wirtschaftlicher Sicht nicht zwingend.» Doch mit Wirtschaftskrise und Weinmarktliberalisierung in den Neunzigerjahren kam der Absatz von lokalem Wein ins Stocken. Wer überleben wollte, musste sich etwas einfallen lassen. Nicht zuletzt darum gibt es heute ausgezeichneten Wein aus dem Kanton. Pinot noir etwa, der in der Blinddegustation auch mit Burgundern mithalten kann. «Wir Zürcher müssen uns nicht verstecken», sagt Nadine Saxer.

Hat der Kanton Zürich das Potenzial, ein grosses Weingebiet zu werden? Ja, sagen Nadine Saxer und Erich Meier, von den Lagen her absolut. Von Vorteil für Zürcher Winzer ist, dass Weine aus kühlen Gegenden mit tendenziell tiefem Alkoholgehalt derzeit angesagt sind. Meier jedoch sieht die Regiovermarktung auch kritisch: «Es gibt viele Kunden, die sich vom alten Negativimage abschrecken lassen. Sie müssen von guten Weinen überzeugt werden.» Für die Vermarktung seiner Weine setzt Meier darum nicht auf die Region, sondern auf seinen Namen. «Auch wenn ich stolz bin, Zürisee-Winzer zu sein.»

Meier ist Quereinsteiger. Ursprünglich gelernter Schreiner, kam er via Zweitausbildung zum Wein. 1999 übernahm er das Weingut der Eltern in Uetikon am See. Von Beginn weg hatte er mit seinem Wein Erfolg. Heute gehört er zu den Vorzeigewinzern des Kantons: jung, dynamisch, einer, der sich gut vermarktet, gleichzeitig aber authentisch ist und Spitzenweine produziert. «Leider gibt es auch viel Neid», gibt er zu bedenken. Er sieht Potenzial für weitere junge Winzer, die aussergewöhnliche Weine machen und diese auch gut vermarkten.

Was ist eigentlich Zürcher Wein?

Natürlich, nicht jeder Winzer muss eine solche persönliche Präsenz an den Tag legen, wie das Meier macht. Es gibt auch Zürcher Weinbauern, die still und leise erfolgreich wirtschaften. Urs Pircher aus Eglisau etwa, der seit Jahrzehnten hervorragenden Wein mit internationalem Renommee macht und der stets ausverkauft ist. Doch ein solches Weingut sei organisch gewachsen, sagt Meier. «Jeder muss eine Strategie finden, die für ihn stimmt.»

Die Weinmacher sind heute als Identifikationsfiguren sicher gefragter als früher. «Unsere Kunden wollen Persönlichkeit», sagt Jürg Saxer. Der Winzer aus Neftenbach ist auch Präsident des Branchenverbandes Zürcher Wein und hat die Zeichen der Zeit erkannt. «Wir möchten mehr in Kontakt kommen mit der Bevölkerung. Qualitativ hat sich viel getan, nun geht es darum, dies zu kommunizieren.» Seit wenigen Wochen hat der Branchenverband eine Partnerschaft mit Zürich Tourismus und Gastro Zürich. Im Kanton sollen flächendeckend Weinwanderwege entstehen, einige sind bereits realisiert. Und am 1. Juli präsentieren sich erstmals Spitzenwinzer des Kantons an einem Anlass im Fraumünster. «Wir haben ja eine sehr komfortable Lage», sagt Saxer.

«Würde jeder Zürcher pro Jahr drei Flaschen Wein aus der Region kaufen, wären unsere drei Millionen Liter weg.» Das Potenzial ist also vorhanden. Bei vielen stimmt heute auch die Qualität. Doch hört man sich um, spürt man auch: So richtig gefunden hat sich der Zürcher Wein noch nicht. «Die Zürcher Weinbauern sind in einem Umbruch, es gibt Generationenwechsel, man muss sich am Markt neu finden», sagt etwa Erich Meier. «Nun geht es bei vielen darum, ein neues Profil zu erstellen von sich und dem Betrieb.» Und dann ist auch die Frage, für welche Sorten die Region steht. «Nachdem früher alles reguliert gewesen ist durch das Sortenregister, gibt es heute fast einen Wildwuchs», sagt Weinexperte Andreas Keller, der den 1.-Mai-Anlass organisiert. Hier sei auch die AOC gefragt. «Es müssten Sorten definiert werden für Zürich, die Tradition haben.» Pinot noir für Rotwein, Riesling-Silvaner oder Räuschling für Weisswein. Keller: «Mit den Jahren können sich auch neue Sorten als AOC etablieren. Chardonnay etwa, der sehr wohl eine Chance hat, zu einem typischen Zürcher Wein zu werden.» Trends wie der vom überholzten Chardonnay seien glücklicherweise vorbei, so Keller.

Aber: «Dass junge Winzer beim Experimentieren auch mal über die Stränge schlagen, gehört halt dazu.» Auch bei Nadine Saxer wurde Chardonnay eine Zeit lang im Barrique ausgebaut. «Doch wir haben aus Rückmeldungen von Kunden gemerkt, dass das bereits nicht mehr gefragt ist.» Trends, glaubt sie, könne man sich nicht entziehen. Und: «Neuste Technologie kombiniert mit höchster Präzision gehört heute zum Weinmachen sowieso dazu», sagt sie. Ihr Vater ergänzt: «Die jungen Winzer schlafen im Herbst ja fast auf den Tanks – das war bei uns noch ganz anders.»

Dass heute für guten Wein sehr viel persönlicher Einsatz dazugehört, zeigt sich auch am Beispiel Erich Meier: «Meine Familie geht jeweils in die Ferien, wenn im Herbst die Trauben geerntet werden. Ich bin dann quasi nonstop im Keller und sonst nicht zu gebrauchen.»

212 Winzer vom Thunersee bis zum Alpenrhein empfangen am 1. Mai Gäste in Kellern und Rebbergen. Im Kanton Zürich beteiligen sich 70 Winzer. Nebst Wein gibt es bei vielen dazu passendes Essen, bei manchen auch ein Unterhaltungsprogramm.

1. Mai 11 bis 18 Uhr. Zudem teilweise auch 4. und 5. Mai. www.offeneweinkeller.ch (Zueritipp)

Erstellt: 24.04.2013, 16:04 Uhr

Offene Weinkeller Deutschschweiz

212 Winzer vom Thunersee bis zum Alpenrhein empfangen am 1. Mai Gäste in Kellern und Rebbergen. Im Kanton Zürich beteiligen sich 70 Winzer. Nebst Wein gibt es bei vielen dazu passendes Essen, bei manchen auch ein Unterhaltungsprogramm.
www.offeneweinkeller.ch

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