«Ein Haufen aufgeschreckter Hühner»

Das Plädoyer des Unternehmers Hansjörg Wyss für die bilateralen Verträge sei ein Weckruf, sagt Politikberater Mark Balsiger. Den müssten die politischen Kräfte nun nutzen.

Nach der Annahme der Zuwanderungsinitiative geht es um die bilateralen Verträge mit der EU: Ein Fahnenschwinger.

Nach der Annahme der Zuwanderungsinitiative geht es um die bilateralen Verträge mit der EU: Ein Fahnenschwinger. Bild: Keystone

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Herr Balsiger, der Unternehmer Hansjörg Wyss hat gestern die Wirtschaft dazu aufgerufen, für die bilateralen Verträge mit der EU zu kämpfen. Was kann ein solcher Auftritt überhaupt bewirken?

Wyss hat ein flammendes Plädoyer für den Wirtschafts- und Forschungsstandort Schweiz gehalten. Er sorgt sich um unser Land und bringt die aktuelle Lage auf den Punkt. Mit seinem Renommee und der grossen Glaubwürdigkeit ist er genau die richtige Person für einen solchen Weckruf.

Warum? Ein erfolgreicher Unternehmer ist doch noch lange kein guter Politiker.

Wyss will und muss auch kein Politiker sein. Er ist ein hervorragender Botschafter. Gerade weil er sich sonst in der Öffentlichkeit sehr zurückhält, ist sein Name auf dem politischen Parkett frisch und unverbraucht.

Was bringt das?

Mir kommt das Beispiel des Club Hélvetique in den Sinn. Diese Leute haben interessante Ideen. Sie werden in der Öffentlichkeit aber von vielen sofort als linksliberale Träumer abgestempelt. Ich beobachte diese Tendenz in der Schweiz seit einiger Zeit: Die politischen und wirtschaftlichen Kräfte diskutieren nicht mehr miteinander, um Lösungen für das Land zu finden. Die Akteure haben die Bereitschaft verloren, einander zuzuhören. Man schaut vor allem, woher die Idee oder die Botschaft kommt. Ist es der falsche Absender, hat sein Vorschlag keine Chance. Dieses Problem hat Herr Wyss nicht.

Und was raten Sie Herrn Wyss nun, damit sein Weckruf nicht einfach so verhallt?

Wyss machte den Anfang, nun müssen andere übernehmen. Ich erwarte von den Wirtschaftsverbänden, dass sie Herrn Wyss für seinen Einsatz zumindest anerkennen. Aber eigentlich müssten sie ihn ins Boot holen. Schauen, wie man zusammen etwas erreichen könnte.

Die Wirtschaftsverbände geben sich sehr zurückhaltend.

Ich wäre enttäuscht, wenn Economiesuisse und Co. diese Gelegenheit nicht nutzen würden.

Herr Wyss ist an einer Tagung von Wissenschaftlern, Vertretern der Universitäten, aufgetreten. Diese beklagen die Konsequenzen, die die Annahme der Zuwanderungsinitiative für sie habe. Hört das Stimmvolk auf solche Stimmen?

Mental sind wir in der Schweiz alle näher bei den Bauern als bei Wissenschaftlern. Alles Akademische beäugen wir mit Argwohn. Die Wissenschaft hat aber recht, wenn sie politischer werden will. Eine gemeinsame Kampagne der Hochschulen fände ich richtig, gerade sie haben viel zu verlieren. Aber allein werden sie nicht den gewünschten Erfolg haben.

Wie denn sonst?

Es gibt zurzeit einen bunten Haufen, der sich um die bilateralen Verträge mit der EU sorgt. Die Verfechter des bilateralen Wegs gleichen aber einem Haufen aufgeschreckter Hühner. Sie müssen sich zusammenraufen: Parteien, Hochschulen, Wirtschaftsvertreter und Gewerkschaften müssen zusammenspannen. Nur so können sie glaubwürdig vermitteln, dass die bilateralen Verträge wirklich wichtig sind. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.10.2014, 18:17 Uhr

Mark Balsiger

Ist Politikberater und Kampagnenexperte in Bern.

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