Ein schlimmer Finger

Er lege an jede Lunte Feuer, sagt der Künstler von sich. Eine dieser Explosionen vertrieb ihn einst aus den USA. Dem «Züritipp» hat der Künstler vorgeführt, wie er seine Collagen macht, und erklärt, warum er einen Stock mit Veloglocke braucht.

Journey's Last Leg aus dem Jahr 2005.

Journey's Last Leg aus dem Jahr 2005.

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Tomi Ungerer ist begeistert. Die «Erotische Blume» (siehe oben links), die so obszön wirkt, besteht aus nichts anderem als seinen Fingern. Und was ist mit diesem Teil hier, der an eine Eichel oder eine Klitoris erinnert? «Das ist mein Daumen, den ich abgeleckt habe, damit er so feucht glänzt», erklärt der Künstler. «Widerlich, nicht wahr?» Und er lacht mit dem Stolz eines Kindes, dem ein Streich gelungen ist.

Ungerer ist in Zürich, weil am 30.?Oktober seine Ausstellung im Kunsthaus aufgeht. Sie präsentiert nicht den Autor von Kinderbuchklassikern wie «Die drei Räuber» oder den satirischen Zeichner von «The Party», sondern den weniger bekannten Collagisten und Objektkünstler. Deshalb heisst die Ausstellung «Incognito».

Aber mit Zürich ist Ungerer schon seit Jahrzehnten verbunden durch den Verleger Daniel Keel. Der hatte dem Künstler nach New York geschrieben, wohin der Elsässer 1956 gezogen war. Und so kam es zur kontinuierlichsten ­Arbeitsfreundschaft von Ungerers Karriere, denn Keels Diogenes-Verlag brachte ab 1960 sowohl die satirischen Erwachsenen- als auch die Kinder­bücher des Künstlers heraus.

Diese Kombination war es aber auch, die den 1931 in Strassburg geborenen Ungerer 1971 aus den USA vertreiben sollte. An einer Tagung der amerikanischen Kinderbuchbibliothekare Ende der 60er-Jahre in New York wurde er von einem Bibliothekar attackiert: wie Ungerer es wagen könne, Kinderbücher zu machen, wenn er daneben Plakate gegen den Vietnamkrieg produziere und schweinische Bücher wie das «Fornicon».

«Da ist mir der Kragen geplatzt», erzählt Ungerer und wirkt fast ein bisschen zerknirscht: «Ich sagte zu dem Mann: ‹Wenn die Leute nicht ficken würden, dann gäbe es keine Kinder. Und wenn es keine Kinder gäbe, wären Sie alle in diesem Raum arbeitslos. Ich zeichne beides: das Ficken und die Kinder.› Ich hätte andere Wörter verwenden können, doch das tat ich nicht. An jenem Tag habe ich mir selbst mein Grab geschaufelt. Meine Bücher verschwanden aus den Bibliotheken, kein amerikanischer Verlag traute sich mehr, meine Sachen zu drucken.»

Aber Daniel Keel hielt ihm die Treue und hatte viele Ideen für gemeinsame Projekte. So schlug er zu Beginn ihrer Zusammenarbeit vor, Ungerer solle ein Buch über den Herzinfarkt machen, das sei «die Krankheit des Jahrhunderts». «Ich wusste damals, also vermutlich 1961, gar nicht, dass es diese Krankheit gab», erzählt der Künstler und zieht an seiner Selbstgedrehten. «Und mittlerweile habe ich selbst schon drei Herzinfarkte hinter mir.» Über Ironien dieser Art kann er sich immer wieder ausschütten vor Lachen.

Doch von einem Büchlein wie «Der Herz­infarkt» und seinen frühen Collagen (siehe die Stripteasetänzerin oben links) will er heute nichts mehr wissen. Er habe zwei Schlussstriche unter sein Werk gezogen, sagt er: Als 2007 in Strassburg das Musée Tomi Ungerer eröffnet wurde mit 8000 seiner Zeichnungen und seiner Spielzeugsammlung. «Seither bin ich das Phantom in meiner eigenen Oper.»

Und dann war da 2010 die Ausstellung «Eklips». Der Unternehmer Reinhold Würth hatte Ungerer zahlreiche Collagen und Objekte abgekauft und in seiner Kunsthalle in Schwäbisch Hall ausgestellt. «Danach war ich für die nächsten Jahre von wirtschaftlichen Zwängen befreit, konnte machen, was ich wollte.» So entstanden die neuen Collagen und Objekte, von denen im Kunsthaus ein kleiner Teil gezeigt wird. «Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich zufrieden mit dem, was ich mache», sagt er. Und frühere Arbeiten bezeichnet er als «alte Scheisse».

Hier muss man den Mann vor sich selbst in Schutz nehmen. Ein Besuch im hinreissenden Musée Tomi Ungerer zeigt, wie vielfältig sein Werk ist und dass er Klassiker geschaffen hat, die man sich in jedes Kinderzimmer wünscht: «Crictor, die gute Schlange», «Das Biest des Monsieur Racine», «Kein Kuss für Mutter», um nur ein paar zu nennen. Es sind Kinderbücher, welche nicht heuchlerisch sind, sondern Erwachsene zeigen, die trinken, rauchen, streiten und sich auch sonst blöd benehmen. Das finden besorgte Erzieher bedenklich, Kinder aber lieben diese Bücher.

Verspätet zur eigenen Beerdigung

Tomi Ungerer ist immer ein Provokateur gewesen. «Ich lege weiterhin an jede Lunte Feuer», schreibt er im Buch «Besser spät als nie. Neue Gedanken und Notizen», das dieser Tage bei Diogenes erscheint. Und manchmal wird er halt von den Explosionen selbst in Mitleidenschaft gezogen, wie die erwähnte Episode mit den Bibliothekaren zeigt. Aber er ist auch einer, der sich nicht unterkriegen lässt. «Don’t hope, cope» heisst sein selbst erfundener Wahlspruch: Man solle nicht hoffen, sondern Schwierigkeiten frontal angehen.

«Ich bin dankbar für all meine Probleme», sagt er. «Es sind Herausforderungen.» Und so sieht das in der ungererschen Praxis aus: Seit Jahren plagen ihn Augenbeschwerden, weshalb er keine Distanzen mehr erkennen kann und nicht weiss, wann sein Aquarellpinsel das Papier berührt. Deshalb schafft er Collagen und Objekte, denn dafür braucht es keinen Pinsel. Einer Polyneuropathie wegen spürt er ausserdem den Boden nicht mehr unter den Füssen. Wenn er unterwegs ist, muss er also befürchten, andere Menschen unfreiwillig anzurempeln. Deshalb geht er am Stock. Und an diesem hat er eine Veloglocke befestigt. «Dring, dring», macht die, «hier kommt Tomi Ungerer.»

Seit 1976 wohnt er mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Irland. Und am 28.November wird er 84. Kürzertreten kommt aber nicht infrage. «Ich erwache am Morgen, und da ist schon eine lange Schlange von Ideen, die alle darauf warten, benutzt zu werden», schreibt er in «Besser spät als nie». Und: «Ich werde noch verspätet zu meiner Beerdigung kommen, den Sarg unter einem Arm und Blumen in der Hand.»

Noch ist es allerdings nicht so weit: Als ­Reaktion auf Tod und Krankheiten in seinem Umfeld habe er, um sich selbst zu trösten, eben ein neues Kinderbuch geschaffen, erzählt er. Und aus Supermarktanzeigen in Zeitungen hat er gerade lauter Abbildungen von Fleischstücken herausgeschnitten für eine Collage. Freudig breitet er sie auf dem Tisch aus: «Fleischlandschaften mit einem Schinkenhimmel! Du lieber Mensch, das wird etwas. Bei mir ist immer noch die Hölle los. Ich kann immer noch Begeisterung empfinden. Das ist ein Riesenluxus.» Dann macht er sich mit seinem Stock davon. Dring, dring, da geht Tomi Ungerer. (Zueritipp)

Erstellt: 28.10.2015, 15:43 Uhr

Der Künstler Tomi Ungerer.

Ausstellung

168 Werke präsentiert die von Cathérine Hug kuratierte Ausstellung: 150 Collagen und 18 Objekte. Entstanden sind sie zwischen den Fünfzigerjahren und heute. Es ist das erklärte Ziel der Kuratorin, nicht den Satiriker und Kinderbuchautor Ungerer vorzustellen, sondern dessen freie künstlerische Arbeiten. Die Ausstellung ist in zehn thematische Gruppen gegliedert, die von «Kindheit im Krieg» bis «Ornament und Kritik» reichen.

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