Erstaunlich

Eine alte Lehrerin kämpft gegen die Schulleitung, die einen Knaben in ein Erziehungsheim stecken möchte. Ein systemkritischer Film aus Kuba.

Der Elfjährige züchtet Tauben, um sich und seiner Mutter das Leben in Havanna zu ermöglichen.

Der Elfjährige züchtet Tauben, um sich und seiner Mutter das Leben in Havanna zu ermöglichen.

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Der freche Knabe, dessen Schulleistungen zu wünschen übrig lassen, weil er für seine süchtige Mutter sorgen muss; die strenge, aber herzensgute Lehrerin, die sich für den Elfjährigen einsetzt – bei so einer Konstellation ist die Kitschgefahr gewaltig gross. Doch das ist das Erstaunliche am kubanischen Film «Conducta»: Er setzt zwar durchaus auf ­Gefühle, stürzt aber weder in die Sentimentalität ab, noch wankt man als Zuschauer danach mit einer Depression aus dem Kino.

Fast noch erstaunlicher ist, dass dieser Film nicht nur zu hundert Prozent mit staatlichen Geldern finanziert wurde, sondern dass man dem Regisseur Ernesto Daranas und den Studierenden des Filminstituts ICAIC völlig freie Hand liess. Den fertigen Film zeigte Daranas dann dem Kultur­ministerium und der Bildungsministerin, die sagte, der Film sei schonungslos, aber die Wahrheit, und sie werde ihn ihrem ­ganzen Kader vorführen.

Ein Drehbuch schrieb Daranas nicht. Er wollte die Geschichte vielmehr mit seinen Filmstudierenden und aus der Zusammenarbeit mit den Kindern entwickeln. 7000 Kinder wurden zu Casting-Workshops geschickt, daraus 100 für Improvisationsübungen ausgewählt. Man sagte ihnen, dies werde ein Film über ihr Leben, und so fühlten sich alle mitverantwortlich. Während die meisten sich selbst spielen, stellt der 12-jährige Armando Valdés mit Chala einen Knaben aus ganz anderen Lebensumständen als seinen eigenen dar: Chala züchtet ­Tauben und ernährt Hunde, die dann bei illegalen Kämpfen eingesetzt werden. So verdient er Geld, das für Essen und Strom sorgen sollte, doch von der Mutter für ihre Rauschzustände aufgezehrt wird.

Armando versorgt die Tiere mit einer Routiniertheit, dass man das Gefühl hat, das habe er immer schon getan. Aber auch die Lehrerin Carmela wird von der Schauspielerin Alina Rodriguez absolut überzeugend verkörpert. So ist ein Film entstanden, der in Kuba Furore gemacht hat: Bei Vorführungen springen Leute auf und rufen: «Genau so ist es! Endlich sagts mal einer!» Und dass so was gesagt werden darf, ist ein Fortschritt. Allerdings erklärt Regisseur Daranas: «Die Regierung von Raúl hat offen zu Kritik aufgerufen, auch selbst vieles kritisiert und Fehler eingestanden. Doch das wars. Bewirkt hat diese Kritik nichts.» (Zueritipp)

Erstellt: 25.02.2015, 14:01 Uhr

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