Es rumort in der Volksseele

Was verbindet einen Spielfilm über kriminelle Gehörlose und einen Dokumentarfilm über Demonstrationen? Beide stammen aus der Ukraine und werden im Xenix gezeigt.

Auf dem Bild nicht zu hören, aber hier wird die ukrainische Nationalhymne gesungen.

Auf dem Bild nicht zu hören, aber hier wird die ukrainische Nationalhymne gesungen.

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Plemya Nett sieht er aus, dieser junge Mann, ein bisschen wie ein Teddybär. Am Ende des Films werden wir ihn dann mit anderen Augen betrachten. Denn Sergei (Grigory Fesenko) ist in ein Internat für Gehörlose gekommen, wo er von Anfang an übers Ohr gehauen wird. Hier kann nur überleben, wer sich den kriminellen Gegebenheiten anpasst: Bald tut Sergei mit bei Überfällen auf einsame Einkaufende und fungiert als Zuhälter, wenn zwei Schul­kameradinnen sich bei Fernfahrern prostituieren. Als er sich jedoch in eines dieser Mädchen verliebt, kommen ihm seine Gefühle in die Quere.

Lange schon wollte der ukrainische Regisseur Myroslaw Sla­bosh­pytsky dem Stummfilm die Reverenz erweisen. Nun hat er einen Film mit Gehörlosen gedreht, die sich untereinander bestens verständigen können – wer aber der Gebärdensprache unkundig ist, bleibt aussen vor. Und genau das wollte der Regisseur: Wir sollen nur aus dem, was wir sehen, Schlüsse ziehen, die Gebärdensprache wird nicht übersetzt. Aussen vor bleibt auch die Kamera bei manchen Szenen; bei anderen rennt sie mit in diesem Wolfsrudel junger Leute.

Gibt es einerseits Passagen, in denen man rätselt, was da wohl gerade verhandelt werde, macht der Regisseur die Dinge in anderen ­Sequenzen geradezu überdeutlich. Dazu passt, dass Sergei im Werk­unterricht sorgfältig einen Holzhammer herstellt – und diesen dem Lehrer später auf den Kopf haut.

Slaboshpytsky zeigt uns eine Welt, in der ohne Bestechung nichts läuft, und Leute, die einander quälen. Ob das eine Al­­legorie auf die Ukraine ist? «Plemya» stimmt einen nicht froh. Aber dafür geht ­einem dieser Film noch lange nach. (bod)

Do–So 21.30 Uhr, Mo–Mi 21 Uhr

Maidan
«Darf ich die Hymne vorsingen?», fragt der ältere Herr, als er die Kamera entdeckt. Er begleitet sich auf der Gitarre, während er den Untergang der Feinde besingt und den Mut der Kosaken. Der ukrainische Dokumentarfilmer Sergei Loznitsa schafft intime Einblicke in die Protestbewegung auf dem Maidan. Hunderttausende von Demonstranten haben sich auf dem grossen Platz in Kiew versammelt. Im November 2013 hatte die Regierung unter Präsident Wiktor ­Janukowitsch angekündigt, die Verhandlungen mit der EU auszusetzen. Das weckte den Zorn der europafreundlichen Bevölkerung.

Nachdem die Unruhen begonnen haben, begibt sich Loznitsa mit der Kamera unter die Demonstranten und hält den Protest in langen, unbewegten Einstellungen fest. Auf einen Kommentar verzichtet er. Ob er nun die gewaltigen Versammlungen auf dem Maidan zeigt oder die Zubereitung von Sandwichs in einem Hinterzimmer: Man hat das Gefühl, dabei zu sein.

Loznitsa dokumentiert aber auch die Monotonie eines Protestes, der sich über Monate hinzieht. Die Nationalhymne zum Beispiel hört man, bis sie einem zum Halse heraushängt. Das fordert dem Publikum stellenweise einige Geduld ab.

Wenn aber die Spannungen zwischen den Demonstranten und der Polizei eskalieren, ist der Film wieder mitreissend und bestürzend. Da fegen Wasserwerfer Leute von der Strasse oder wird ein Polizist unter den Jubelschreien der Meute angeschossen. Der Film endet mit der Flucht von Janukowitsch, aber dem Triumph steht die Beerdigung der Toten gegenüber – sowie das Wissen, dass die Krimkrise vor der Tür steht. (ggs)

Do–So 19 Uhr (tipp)

Erstellt: 25.02.2015, 13:53 Uhr

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