Flug an die Grenze der Stadion-Verbotszone

In São Paulo spielt die Schweiz heute gegen Argentinien. Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Reporter Sebastian Rieder setzte sich in den Helikopter – und tat es den vielen Stadtfliegern gleich.

Häusermeer bis zum Horizont: São Paulo im magischen Licht der Dämmerung.
Video: Sebastian Rieder

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Not macht erfinderisch, und das Gesetz hat nichts dagegen. Wer in São Paulo dem Stau entkommen will, der schnappt sich ein Helikoptertaxi. Das klingt zwar abgehoben, ist in der grössten Stadt Brasiliens unter den Superreichen aber der ganz gewöhnliche Alltag. Ein Blick auf den Horizont, egal zu welcher Zeit, lässt nur erahnen, wie dicht der Verkehr auch am Himmel ist.

Rund 200 Flüge finden pro Tag statt, eine Zahl, die São Paulo noch vor New York und Tokio an die Spitze aller Städte mit der grössten Hubschrauberdichte der Welt katapultiert. Knapp 500 Helikopter waren im vergangenen Jahr registriert, für die WM 2014 drehen sich noch viel mehr Rotoren über der Metropole mit mehr als 10 Millionen Einwohnern. «Der Luftverkehr hat noch einmal dramatisch zugenommen», sagt Rafael Kiam, seit sechs Jahren Pilot beim Aviatikunternehmen Gold Wings.

250 Landeplätze im Zentrum

Der Name kommt nicht von ungefähr, denn das Business mit den Hubschraubern boomt seit der Jahrtausendwende – die Flucht vor dem Superstau ist die effizienteste Art, Zeit zu sparen und die Nerven zu schonen. Kein Wunder, denn zusammengezählt ergeben in São Paulo alle Autos, Busse, Lastwagen und Motorräder ungefähr 7 Millionen Fortbewegungsmittel.

Die kleine Luxusreise hat natürlich ihren Preis, unter 300 Franken setzt sich kein Pilot ins Cockpit. Dafür gibt es in der Megacity so viele Heliports wie in keiner anderen Stadt. Von den geschätzten 250 Landeplätzen im Zentrum befinden sich fast alle auf den Dächern von Hochhäusern. Fast ein Dutzend offizielle Helitaxiunternehmen zählt São Paulo, der Konkurrenzkampf nimmt stetig zu.

Ausflüge bei Nacht in die gängigsten Clubs

Genutzt wird das Angebot vor allem von Geschäftsleuten, die von Termin zu Termin jagen, oder von der gut betuchten Elite, die sich dem Stress im Grossstadtdschungel nicht aussetzen will. Sogar Ausflüge bei Nacht in die gängigsten Clubs erfreuen sich grosser Beliebtheit. «Natürlich ist das dann mehr zum Spass, aber wir fliegen rund um die Uhr», sagt der 31-jährige Pilot Rafael Kiam. «Während der WM sorgen vor allem die Fussballfans für Hochbetrieb.»

Ganz so frei, wie sich das Schweben in der Luft anfühlt, ist die hochgefragte Fortbewegungsart aber auch wieder nicht. «Während der WM gelten unzählige Sicherheitsmassnahmen. Es gibt viel mehr geregelte Zonen», sagt Kiam und erwähnt das Stadion im Nordosten der Stadt. «Wir dürfen uns der Fussballarena höchstens auf 2 Meilen nähern.»

Erstellt: 01.07.2014, 10:25 Uhr

Artikel zum Thema

Das Fussballfieber reicht bis in den Regenwald

Die WM-Euphorie in Brasilien hat auch die Indios im Amazonas erfasst. Tief im Dschungel verfolgen die Ureinwohner jeden Schritt von Stürmerstar Neymar. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Klebriger Protest: Eine PETA (People for the Ethical Treatment of Animals) Aktivistin protestiert im Vorfeld der Mailänder Fashion Week gegen die Lederindustrie indem sie sich mit schwarzem Schleim übergiesst. (18. Februar 2020)
(Bild: Flavio Lo Scalzo) Mehr...