Franz Fischlin kennt hier niemand

«Tagesschau»? Fehlanzeige. Was Jugendliche über die No-Billag-Abstimmung denken – Reportage aus einer Berufsschule.

SRF-Moderator Franz Fischlin: Nachrichtensendungen wie die «Tagesschau» laufen während des Nachtessens berieselnd mit. Bild: SRF

SRF-Moderator Franz Fischlin: Nachrichtensendungen wie die «Tagesschau» laufen während des Nachtessens berieselnd mit. Bild: SRF

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Die Schreinerlehrlinge trudeln in kleinen Grüppchen ein. Schon beim Blick an die Beamerprojektion verdreht einer die Augen: «Nein, Sie, können wir nicht ein anderes Thema behandeln?» Über diesen «No Billag»-Kram möge er nichts mehr hören. Die Lehrerin für Allgemeinbildung an der Technischen Fachschule Bern lächelt die Kritik des 18-Jährigen professionell weg. «Mütze runter», sagt sie, und los gehen zwei Lektionen zur ­aktuellen Abstimmungsdebatte. Die Stunde beginnt mit einem Blick in die Forschung: Wie sieht die Mediennutzung der Jugendlichen heute aus?

Einer, der dieser Frage für die so­genannte James-Studie im Zweijahresrhythmus nachgeht, ist Daniel Süss, Professor für Medienpsychologie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. «Die Jugendlichen konsumieren grundsätzlich noch TV, aber ihr Zugang hat sich geändert», sagt Süss. So habe besonders das Streamen, also das zeitversetzte Fernsehschauen, zugenommen. Einzig bei Sportereignissen würden die Jungen noch live zuschalten. Die letzte Studie von Ende 2016 zeigt, dass ein Drittel der 12- bis 19-Jährigen täglich oder mehrmals pro Woche einen Film oder eine Serie streamt – Tendenz steigend. So erstaunt es auch nicht, dass neben der beliebtesten Website Youtube neu auch die Videostreaming-Seiten Bs.to und Netflix in der Rangliste auftauchen. Dagegen hat Facebook an Beliebtheit eingebüsst.

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Dies zeigt sich auch beim Vergleich verschiedener Social-Media-Plattformen: Eine Studie der Interessensgemeinschaft elektronische Medien beispielsweise verzeichnet bei Facebook seit 2014 eine Abnahme der Beliebtheit von 27 Prozent zugunsten von Seiten wie Instagram und Snapchat. «Jugendliche befinden sich in einer Lebensphase, in der sie sich immer wieder innerlich und äusserlich neu positionieren», sagt Süss. Darin fügen sich Plattformen mit einem dynamischen Angebot besser ein, die beispielsweise Videoclips nach dem Betrachten löschen, als eine Seite wie Facebook, die mit ihrer statischen Timeline einem ewigen Fotoalbum gleicht.

«Die News finden mich»

Und woher beziehen die Jugendlichen ihre Informationen? Ein Blick auf die Studie des Forschungsinstituts Öffentlichkeit und Gesellschaft von 2017 zeigt, dass gerade noch 14 Prozent der 18- bis 24-Jährigen ihre Hauptinformationsquelle im Fernsehen sehen. Beim Radio sind es gar nur deren 11 Prozent.

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Schreinerlehrling Dominic ist besonders überrascht über den präsentierten Informationszugang: Dass gerade der Radiokonsum so tief sei, könne er kaum glauben. «Bei uns im Lehrbetrieb läuft das Gerät den ganzen Tag.» Waschechte Fernsehgucker dagegen gibt es in der Klasse kaum noch. Es sei eher so, dass man ab und an bei den Eltern dazusitze, wenn diese die News auf TeleBärn guckten, oder die «Tagesschau» während des Nachtessens berieselnd mitlaufe.

Auch Gratiszeitungen finden in der Klasse nur noch vereinzelte Leserinnen und Leser. Petra ist eine davon; vor allem wegen des Sudoku – «aber auch sonst erhalte ich da alle Infos, die ich benötige». Sie erntet für diese Aussage einen Lacher von Robin, der, wenn es zu den Medien kommt, nur der SRG vertraut: «Die berichten, was wirklich geschehen ist – ‹20 Minuten› schreibt währenddessen bloss, wie Entchen gerettet werden.» Sandro dagegen sucht Nachrichten nicht aktiv: «Die finden mich einfach.» Via Push-Nachricht auf dem Smartphone oder in Timelines der sozialen Medien. Einzig wenn er etwas über seine Lieblingsgames erfahren möchte, googelt er aktiv danach. Michael konsumiert seine News im Postauto vom Bildschirm oder via «HerrNewstime», einem deutschen Youtube-Kanal, der Informationen zu neuen Webvideos enthält. Auch Dominic sucht sich seine Informationen online: «Ich vertraue keinem einzelnen Medium», erklärt er. Aber wenn er verschiedene Quellen vergleiche, wisse er am Ende, was wahr sei.

10.35-Uhr-Pause: Schon nach Sekunden ist von einem Mobiltelefon die Stimme eines SRF-Sportmoderators zu hören. Die Sportfans der Klasse wollen wissen, was gestern in der Champions League vor sich ging.

«Zwei am Morge»

Während der zweiten Lektion dreht sich zwischen den Arbeitsblättern bald einmal alles um die SRG. Fabian fragt sich, wofür die drei Buchstaben genau stehen, während Dominic die Institution «das Unterste» findet – die kassiere zu hohe Gebührengelder. Auf die Frage der Lehrerin, wie die Schüler sich denn eine TV-Welt ohne SRF vorstellen, gehen die Meinungen auseinander. Robin würde Sendungen wie «Einstein» und «SRF bi de Lüt» vermissen, während Cheryl überzeugt ist, dass dann überall nur noch Werbung, so «‹Bachelor›-Scheiss» oder mies ­geschauspielerte Richtersendungen laufen würden. Nicht vermissen würde man Moderator Roman Kilchsperger, da ist man sich einig. «Und was haltet ihr von Franz Fischlin?», fragt die Lehrerin, als es um den Lohn der SRG-Mitarbeiter geht. Der Name des «Tagesschau»-Moderators sagt jedoch niemandem etwas.

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Dass sich die jüngere Zielgruppe mehrheitlich im Netz aufhält, ist auch der SRG nicht entgangen. Ihre Social-Media-Zahlen sind entsprechend be­eindruckend: Die fünf Unternehmenseinheiten (SRF, RTS, RSI, RTR und Swiss­info) betreiben gemeinsam 110 Facebook-, 54 Twitter-, und 32 Instagram-Konten sowie 44 Youtube-Kanäle. Dazu gehören laut SRG aber auch Accounts von Moderatoren, die vorwiegend geschäftlich genutzt würden.

Seit März 2016 entwickelt bei SRF zudem der neu gegründete Bereich «Junge Zielgruppen» Onlineformate für Kinder, Teenager und junge Erwachsene. «Ziel ist es, Themen abzudecken, die im TV für die Zielgruppen zu kurz kommen», sagt Bereichsleiter Stefano Semeria. Dazu gehörten Sendungen rund ums Erwachsenwerden, die Berufswahl, Sexualität und Liebe. Dies verbunden mit einer Sprache, die die Jugendlichen sprächen, und mit einem starken regionalen Bezug, sagt Semeria.

Abgesetzte Formate

Vom «True Talk», der Vorurteile der Gesellschaft in Interviews mit Betroffenen direkt konfrontiert, bis zum Erklär­format «Clip und klar!» ist alles mit dabei. Zuletzt wurde die Morgenshow «Zwei am Morge» mit den als Comedy-Duo bekannten Influencern Julian Graf und Ramin Yousofzai lanciert. Am erfolgreichsten ist mit 8,6 Millionen Facebook-Videostarts der «True Talk». Doch nicht immer lief es so rosig: Die Jugendformate «Jenny-Wanessa» und «vo Mutzebächer» wurden bereits wieder eingestellt, «da der gewünschte Publikumsdialog nicht entstand oder wir kein weiteres Entwicklungspotenzial gesehen haben», sagt Stefano Semeria.

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Bei den Schreinerlehrlingen in Bern sind die Onlineformate noch kaum bekannt. Nachfragen zeigen aber, dass eine Handvoll schon einmal über einen «True Talk» gestolpert ist, das Format aber nicht als SRF zugehörig erkannt hat. Zudem gibt es einen Fan der neuen Morgenshow: Jonas hat schon früher einen Instagram-Kanal des Duos abonniert und ist den beiden in ihre neue «Zwei am Morge»-Show gefolgt. Sein Fazit: «Schon noch witzig.»

«SRF informiert sehr gut über den Sport.»Robin, Schüler

Kurz vor dem Pausengong werden die Lehrlinge nochmals aktiv. Das Los entscheidet, wer vor der Klasse das vorbereitete Wahlstatement präsentieren muss. Robin macht den Anfang: Er würde Nein stimmen: «SRF informiert gut über Geschehenes und sehr gut über den Sport.» Dieser Meinung ist auch Florian und ergänzt: «Die Schweiz soll sich danach endlich bessere Probleme suchen als dieses SRF-Gestürm.» Petra wäre es egal, Ja zu stimmen, wenn es nur das Fernsehen betreffen würde. Beim Radio würde sie aber keine Kompromisse machen. Das gehöre zu ihrem täglichen Leben.

Ob die Berufsschüler ihre Meinung auch an der Urne ausdrücken, ist eine andere Frage. Die Statistik zeigt, dass nur 28 Prozent junge Wähler bis 29 Jahren in der letzten eidgenössischen Abstimmung ihre Stimme abgegeben haben. Einer, der sein Couvert aber bereits eingeworfen hat, ist Sandro: Das mache er immer, sagt er grinsend. «Sonst zahlen wir in Bern auch bald eine Busse fürs Nichtwählen, wie die in Schaffhausen.»


Video: Die No-Billag-Initiative in 150 Sekunden erklärt

Keine Ahnung von No Billag? Inlandredaktorin Claudia Blumer erklärt im Video, worüber wir am 4. März abstimmen. Video: Tamedia


(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.02.2018, 07:04 Uhr

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