Grüne Initiative nervt Öko-Landwirte

Die Grünen wollen nur noch hochwertiges Essen importieren lassen. Bei Gesinnungsfreunden aus der Agrarbranche laufen sie damit auf.

Die Grünen fordern, auch importiertes Essen solle den Schweizer Standards entsprechen: Eine Kuh und ein Urner Biobauer mit seinem Alphorn in Erstfeld. (28.April 2010)

Die Grünen fordern, auch importiertes Essen solle den Schweizer Standards entsprechen: Eine Kuh und ein Urner Biobauer mit seinem Alphorn in Erstfeld. (28.April 2010) Bild: Urs Flüeler/Keystone

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Ob Broccoli aus China oder Pouletfleisch aus Brasilien: Steht ein Lebensmittel in einem Schweizer Einkaufsregal, soll es hiesigen Standards entsprechen. Diese Forderung bildet das Herzstück der neuen Volksinitiative, die am Samstag von der Delegiertenversammlung der Grünen lanciert wurde. Fleisch und Gemüse dürften demnach nur importiert werden, wenn sie umwelt- und tierfreundlich produziert wurden – «mindestens» nach den Anforderungen, wie sie für Schweizer Bauern gelten.

Nun aber zeigt sich: Just aus dem ökologisch orientierten Teil der Agrarbranche erhalten die Grünen Absagen. Die Agrarallianz, die wichtigste Dachorganisation der umweltnahen Landwirtschaft, werde die Initiative nicht unterstützen, sagt Geschäftsführer Christof Dietler.

Überforderter Staat?

Dietler findet es zwar legitim und begrüssenswert, dass die Grünen eine Diskussion über die «Folgen unseres Konsumverhaltens» anstiessen. Er bezweifelt aber, dass sich ihre Initiative effektiv umsetzen liesse: Dem Staat werde hier «doch wacker viel» an Kontroll- und Regulierungstätigkeit aufgebürdet. Das Ziel möglichst hochwertiger Importe lasse sich besser erreichen, wenn man eine kritische Konsumentenhaltung fördere und den Markt spielen lasse. Dietler verweist etwa auf die Eigeninitiative der Migros: Der Grossverteiler hat unlängst beschlossen, nur noch tierische Produkte zu importieren, die nach Schweizer Tierschutzstandards produziert wurden.

Fritz Rothen, Geschäftsführer von IP Suisse, ist gleicher Ansicht: «Wir sehen, wie viel Aufwand es nur schon macht, umweltschonend und tierfreundlich arbeitende Bauernbetriebe im Inland zu zertifizieren.» Müsste der Staat eine entsprechende Kontrollmaschinerie an der Grenze hochziehen, «hätten wir vielleicht einen Lebensmittelskandal nach dem anderen». Die Grossverteiler verfügten dank ihrer Kaufkraft über bessere Steuerungsmöglichkeiten.

Rothen und Dietler ärgern sich aber vor allem über falsche Prioritätensetzung. «Die Agrarpolitik 2014–2017 bringt ökologisch grosse Fortschritte. Jetzt wäre es nötig, dass man diese Reform sorgfältig umsetzt – und nicht ständig neue politische Forderungen aufstellt», sagt Dietler. Er zielt damit insbesondere auch auf den Schweizerischen Bauernverband, der eine Volksinitiative für mehr «Ernährungssouveränität» aufgegleist hat. «Statt schon wieder Unruhe zu stiften, würden wir unseren Bauern besser helfen, neue Märkte zu erobern, beispielsweise in den Nachbarländern», findet Dietler.

Ungewöhnliche Verbündete

Lässt sich ein Initiativprojekt durchziehen, wenn es bei den potenziell wichtigsten Allianzpartnern auf Skepsis stösst? «Wir erhalten von Vertretern der ökologischen Landwirtschaft auch viel Unterstützung», betont Nationalrat Bastien Girod (Grüne, ZH). Die grüne Initiative hindere Grossverteiler nicht daran, auf eigene Faust die Qualität des importierten Essens zu verbessern: «Der Initiativtext hält ausdrücklich fest, dass der Bund hierfür Zielvereinbarungen mit Importeuren und Detailhändlern abschliessen kann.» Im Übrigen, so Girod, «gefällt es Umweltverbänden am Anfang nicht immer, wenn die Grünen bei einem ihrer Themen das Lead übernehmen».

Trösten können sich die Grünen in jedem Fall damit, dass sie für einmal auch über einen ungewöhnlichen Verbündeten verfügen dürften. Der Bauernverband hat bereits verlauten lassen, er betrachte das grüne Volksanliegen als willkommene Ergänzung zu seinem eigenen Initiativprojekt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.01.2014, 10:00 Uhr

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