Gummipärchen auf Zunge

Allerlei Tafeln: Eine Schau der graphischen Sammlung der ETH Zürich zeigt, wie Essen und Trinken über die Jahrhunderte dargestellt wurden.

Christian Rothacher: «Ohne Titel (Speck)» Foto: Graphische Sammlung ETH

Christian Rothacher: «Ohne Titel (Speck)» Foto: Graphische Sammlung ETH

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Eine alte Frau hält eine Pfanne über eine niedrige Feuerstelle, darin brutzeln drei Pfannkuchen. Um sie herum steht eine Handvoll kleiner und grosser Kunden, die sich – man sieht es den Gesichtern an – auf das Backwerk freuen. Nur ein kleiner Knabe im Vordergrund verzieht die Miene, weil ein Hündchen ihm seinen Kuchen streitig macht.

Besagte Szene entstammt einer Radierung aus dem 17. Jahrhundert, gestaltet hat sie Rembrandt. Sie ist nur eines der fast 150 Exponate der Ausstellung «Das Auge isst mit», die zurzeit in der graphischen Sammlung der ETH Zürich gezeigt werden. Dafür hat sich die Kuratorin Eva Korazija aus dem rund 150'000 Grafiken umfassenden Fundus bedient – entstanden ist eine Schau, die sich mit allerlei Aspekten des Essens und Trinkens befasst.

Natürlich hängt an einer Wand eine von Warhols Suppendosen. Es erstaunt auch nicht, dass die gut im Fundus vertretene, vor fünf Jahren verstorbene Zürcher Malerin Hanny Fries mehrfach vertreten ist. Und, wie angedeutet, sind diverse ältere Motive ausgestellt.

Da erfährt man beispielsweise, dass Fleisch schon in früheren Jahrhunderten als sättigendes Essen für die Mehrbesseren galt, Muscheln und Gemüse aber dem einfachen (und teilweise ungesund mageren) Volk als Nahrung dienten. Besonders eindrücklich eingefangen ist dies auf den Darstellungen «Die magere Küche» und «Die fette Küche» von Pieter van der Heyden von 1563.

Wut vor dem leeren Tisch

Der Wert der Ausstellung liegt weniger in den vielleicht etwas unklar definierten Schwerpunkten wie Nahrungsmittelproduktion, Aphrodisiaka, Gasthäuser und Trunkenheit. Nein, der Reiz liegt wohl eher in denjenigen Motiven, die man auch von anderswo her kennt und die offenbar über Jahrhunderte unverändert geblieben sind: So sieht man auf einem Werk von Honoré Daumier aus dem 19. Jahrhundert einen Gast in einem französischen Lokal (in Paris?), der schon seit fünf Viertelstunden auf sein Beefsteak wartet und wütend auf den leeren Tisch vor sich zeigt.

Sympathisch um die Ecke

Die Ausstellung lohnt sich nicht zuletzt wegen der knapp gehaltenen, teilweise aber sehr pointierten Werksbeschrieben, welche die Kuratorin zu den Grafiken getextet hat. So nennt sie die Liebespaare, die sich in einer Radierung des 1955 geborenen Josef Felix Müller auf einer Zunge räkeln, augenzwinkernd «Gummipärchen». Oder zeigt einen Nachtfalter aus dem 18. Jahrhundert und begründet dies mit Goethe, von dem die folgenden Reime stammen: «So frisst’s Würmlein frisch Keimlein Blatt, das Würmlein macht das Lerchlein satt, und weil ich auch bin zu essen hier, mir das Lerchlein zu Gemüte führ.» Das ist sympathisch um die Ecke gedacht.

Der Hund isst mit

Und wer nicht nur auf die abgebildeten Tische von Staatsbanketten, Abendmahlen, Arme-Leute-Familien und Mönchsgelagen schaut, sondern auch drunter, entdeckt eine Gemeinsamkeit bei unzähligen der gezeigten Darstellungen: Überall liegen am Boden Hunde. Teils fette, teils magere – und einer isst sogar elegant aus einem Teller. Ja, man beginnt aus solchen Details zu lesen, wenn man sich für «Das Auge isst mit» ein wenig Zeit nimmt.

Bis 18. Januar. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.11.2014, 17:38 Uhr

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