Malaysia

Halb Asien in einer Stadt

Kuala Lumpur, die Hauptstadt Malaysias, ist ein asiatischer Schmelztiegel: Malaien, Chinesen, Inder leben hier gemäss ihrer jeweils eigenen Kultur. Das widerspiegelt sich in Architektur, Küche und Volksfesten.

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Heute sind sich Paul und Luke nicht einmal beim Essen einig. Zum ersten Mal seit Tagen dürfen wir draussen sitzen. Statt in einem schicken klimatisierten Restaurant in Downtown Kuala Lumpur, umgeben von den glitzernden Fassaden der Wolkenkratzer, essen wir in einer chinesischen Garküche. In dieser Ecke der Stadt sind die Gebäude einstöckig, die Dächer flach, und die Atmosphäre ist entspannt. Wir sitzen auf Plastikstühlen unter den Bäumen. Gekocht wird in grossen Töpfen über einem Gasfeuer.

Es ist nach acht Uhr abends und bereits seit fast zwei Stunden dunkel. Heiss ist es immer noch. Die dampfende Kräutersuppe mit reichlich Ingwer gibt uns den Rest. Der Schweiss fliesst in Strömen. Das Fleisch – Schwein – ist gewöhnungsbedürftig. Knorplig, fettdurchzogen, sehr chinesisch. Doch die Stimmung ist ausgelassen. Paul, der Führer, ist in seinem Element. Luke, den Fahrer, hat er in den Feierabend geschickt. Hier hätte er ohnehin keinen Happen runtergekriegt.

Muslimische Dominanz

Zum ersten Mal, seit wir angekommen sind, isst Paul mit uns. Paul ist Chinese und heisst eigentlich Wu Tien-Wa. Er ist einer von gut 5 Millionen Malaysiern chinesischer Abstammung. Sie kamen, wie Pauls Urururgrossvater, auf der Suche nach Arbeit – und landeten Anfang des 19. Jahrhunderts in den Zinnminen, dem ersten Industriezweig Malaysias. Er ist der Ältere, Seriösere. Stets darauf bedacht, auf unsere Wünsche einzugehen und die Geschichte hinter der Geschichte zu erzählen. Er ist aber auch distanziert und ein wenig unnahbar.

Luke heisst tatsächlich Luke (also, eigentlich Lukman) und ist Malaie. Die Malaien machen etwa die Hälfte der 28 Millionen Einwohner aus. Sie sind Muslime und stellen die regierende Elite des Landes. Für sie gelten die islamischen Gesetze. Darum ist Luke auch an diesem Abend nicht dabei. Schweinefleisch ist für ihn tabu. Er dürfte sich nicht einmal in einem Restaurant aufhalten, das nicht «halal» ist (das ist das arabische Wort für Dinge, die nach islamischem Recht zulässig sind). Und die Chinesen lieben Schwein.

Historische Spannungen

Für uns ist das ein Glücksfall. Die ganzen fünf Tage, die wir mit Paul unterwegs sind, gibt er nie so bereitwillig Auskunft wie an diesem Abend – beim Essen, in seiner Welt. Offiziell gestaltet sich das Zusammenleben der verschiedenen Volksgruppen in Malaysia harmonisch. Die Kampagne «One Malaysia» von Premierminister Najib Razak soll das noch unterstreichen. Tatsächlich aber sind die Spannungen gross. Das hat auch historische Gründe. Unter der Kolonialherrschaft der Briten brachten es die Chinesen und die Inder zu wirtschaftlichem Wohlstand, unter den Malaien hingegen war Armut weit verbreitet.

Nach Rassenunruhen Ende der 60er-Jahre suchte der damals noch junge malaysische Staat, Asymmetrien in der Gesellschaft zu beseitigen, indem er Malaien mit einer «New Economic Policy» gezielt bevorzugte. Die Förderpolitik legte etwa Quoten fest für den Anteil Malaien, die an den Universitäten ausgebildet werden mussten. Ausserdem wurde beschlossen, dass jedes öffentlich kotierte Unternehmen zu 30 Prozent in der Hand von Malaien sein muss. Die Förderpolitik hat Wirkung gezeigt: Die Malaien besetzen heute praktisch alle Schlüsselpositionen in der Politik und spielen auch in der Wirtschaft eine wichtige Rolle. Chinesen und Inder – die dritte wichtige Ethnie – sind in der Regierung stark untervertreten und empfinden die Förderpolitik zunehmend als Diskriminierung.

Innerhalb einer Woche halb Asien bereist

Wir merken von solchen Spannungen eigentlich nichts. Im Gegenteil. Die Vorteile, dass die verschiedenen Volksgruppen so stark an ihrer Kultur und an ihrer Herkunft hängen, sind offensichtlich – für uns ist es, als hätten wir innert einer Woche halb Asien bereist. Wir pendeln zwischen Indien, China, Malaysia. Sogar ein bisschen Arabische Halbinsel spielt mit. Als islamisches Land ist Malaysia eine begehrte Feriendestination für die Bewohner der Golfstaaten. Darum sieht man auch so viele verschleierte Frauen. Die Malainnen tragen nur Kopftuch. Gleichzeitig ist es sauber, es gibt richtige Toiletten und ein funktionierendes öffentliches Verkehrssystem. Malaysia ist eines der reicheren Länder Südostasiens, der Bevölkerung geht es gut, die Arbeitslosigkeit ist tief.

Luke ist das pure Gegenteil von Paul. Er hat ein breites Grinsen im Gesicht, trägt sein Batikhemd, das in Malaysia als Uniform eines Touristikmitarbeiters gilt, immer einen Knopf zu weit offen und die im Nacken etwas längeren gewellten Haare zurückgegelt. Er ist immer dann, wenn man ihn braucht, gerade mit etwas anderem beschäftigt und geht auf Fragen oder Kritik grundsätzlich nicht ein.

Auch als wir Luke fragen, ob er einen Malaien kennt, der nicht Muslim ist, dreht er sich um, als hätte er uns nicht gehört. Erst später merken wir, wie dumm die Frage war. Denn wer seine Religion aufgibt, gibt auch seinen Status als Malaie auf. Er erhält einen neuen Pass, eine neue Identität. Unter Ethnie steht dann «anderes» – wie bei den Ureinwohnern Borneos. Über so etwas will Luke nicht reden, und für einen kurzen Moment ist sein Grinsen verschwunden.

Das Zelebrieren der Tradition

Am besten gefällt es uns immer dann, wenn wir für ein paar Stunden völlig abtauchen können in eine dieser unterschiedlichen Welten. Etwa auf dem chinesischen Imbi-Markt. Es ist der Morgen nach dem Essen in der chinesischen Garküche. Wir verzichten auf Konfi-Brot, Eier und Cornflakes im Hotel und wagen das Experiment mit leerem Magen. Und sind begeistert, als wir zwischen Nudelsuppe, Fried Rice und Frühlingsrollen ein altes Mütterchen erspähen. Über einem mit Kohlen gefüllten Fass auf Rädern giesst sie eine Pfanne mit einem Teig aus, bestreut diesen mit gehakten Erdnüssen und Zucker, schmiert Butter darüber, halbiert den Fladen in der Mitte und klappt ihn zusammen, Erdnussseite auf Erdnussseite. Das Resultat schmeckt köstlich. Aber das Mittagessen müssen wir heute auslassen, es wäre schlicht zu viel des Guten.

Genau so, wie wir zwischen verschiedenen Kulturen hin und her driften, wechseln wir auch zwischen Vergangenheit und Moderne. Die einzelnen Volksgruppen halten so stark an den Traditionen ihrer Herkunftsländer fest, dass in Malaysia Bräuche fortbestehen, die in ihren Herkunftsländern an Bedeutung verloren haben. Eines der besten Beispiele hierfür ist das Thaipusam-Fest der malaysischen Inder. Zehntausende von Hindus pilgern je nach Mondphase jeweils Ende Januar oder Anfang Februar von Kuala Lumpur aus zu den 12 Kilometer entfernten Batu-Höhlen, einem weit verzweigten Kavernensystem. Vor dessen Eingang prangt die 43 Meter hohe goldene Statue des Hindu-Gottes Murugan. Das Fest zieht jedes Jahr Hunderttausende von Schaulustigen an, letztes Jahr wohnten 1,5 Millionen Menschen der Prozession bei.

Berührt und abgestossen

Thaipusam ist ein Opferfest, auf das sich die Gläubigen Wochen und Monate im Voraus vorbereiten. Sie halten vegetarische Diät, fasten wochenlang strikt und bringen sich in eine religiöse Trance. Den Weg zum Tempel beschreiten sie mit einer Opfergabe – viele Gläubige hängen sich für den Marsch Gewichte wie Zitronen oder Kokosnüsse mit Haken ans Fleisch oder durchstechen Zungen, Wangen oder Handflächen mit Speeren. Sie tragen aufwendige Konstruktionen mit Blumen auf Kopf oder Rücken, mit Metallstreben, die die Haut durchdringen. Das Verrückte: Die Gläubigen fühlen keine Schmerzen. Es fliesst kein Blut. Es bleiben keine Narben.

Wir sind bereits beim Anblick der Bilder, die die ersten Meter der heiligen Hallen säumen, seltsam fasziniert; berührt und abgestossen zugleich. Wir haben die 272 Stufen bis zum Eingang des Höhlensystems mit nichts als einem Fotoapparat und einer Flasche Wasser in der Hand erklommen und finden den Schmerz in der schwülen Hitze mehr als ausreichend, auch ohne Selbstkasteiung.

An diesem Tag bilden wir uns zum ersten Mal ein, die Folgen der sozialen Spannungen zwischen den Ethnien hautnah mitzuerleben. Luke war schon am Morgen zu spät gekommen, was Paul kommentarlos hingenommen hat. Jetzt hat sich Luke ganz offensichtlich verfahren. Während wir hinten im Bus vor Wut kochen, lässt sich Paul im Beifahrersitz nichts anmerken. Nachdem wir zum dritten Mal an der gleichen markanten Wohnsiedlung vorbeigefahren sind, haben wir ihn geweckt. Er hat das Kommando übernommen, aber sein Ton ist ruhig, sachlich. Dabei hätte Paul allen Grund gehabt, Luke zur «Schnecke» zu machen, finden wir. Und sind ein wenig enttäuscht.

Die Bananenblattregel

Vielleicht war es aber auch nur der Hunger, der uns grantig machte. Die Erdnuss-Pancakes sind verdaut, der Aufstieg in die Höhlen steil, und unser Magen knurrte schon, als wir die Wohnsiedlung zum ersten Mal passierten. Keine Stunde später tunken wir den letzten Rest Sauce mit dem Reis vom Bananenblatt, das uns im kleinen Restaurant unter den Bäumen als Teller dient. Übrig bleiben bloss ein paar Hühnerknochen und Fischgräte. Wir klappen das Blatt zu – auf welche Seite zeigt die Öffnung wieder? – und lehnen uns satt und glücklich zurück.

Paul und Luke erklären uns gemeinsam, was es mit dem Bananenblatt auf sich hat, angeblich eine typisch malaysische Tradition – auch wenn das Essen offensichtlich indisch ist. Schliesst man es falsch herum, gilt das als Zeichen, dass es nicht geschmeckt hat.

Wir hören nicht richtig hin, sondern sind fasziniert von der plötzlichen Harmonie. Paul und Luke, Luke und Paul. Verwickelt in einen leidenschaftlichen Dialog. Und wenn wir nach dieser Woche in Kuala Lumpur etwas verstanden haben, dann das: Beim Essen sind sich die Malaysier einig, unabhängig von ihrer Herkunft – ausser es gibt Schwein.

Diese Reportage kam auf Einladung von Tourism Malaysia und Etihad Airways zustande. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.10.2012, 13:16 Uhr

(Bild: TA-Grafik str)

Reisetipps

Malaysia ist mit knapp 330'000 Quadratkilometern etwas grösser als Italien und besteht aus zwei durch das Südchinesische Meer getrennten Landesteilen, der malaiischen Halbinsel im Westen und Teilen der Insel Borneo im Osten. Informationen bietet das staatliche ­Fremdenverkehrsamt: www.tourism.gov.my

Beste Reisezeit: An der Ostküste und im Zentrum bringt der Monsun von Oktober bis März viel Regen, es ist feuchtheiss. Optimale Reisezeit ist die Trockenzeit von April bis August. An der Westküste der Halbinsel kann das ganze Jahr über in feuchtheissem Klima gereist werden. In der nördlichen Region um Penang gibt es von Mai bis September und in der südlichen Region von April bis September mehr Regen. In Sarawak und Sabah auf Borneo gibt es von November bis Februar viel Regen. April bis Juli ist die beste Reisezeit.

Anreise: Keine Direktflüge ab der Schweiz. Günstigstes Angebot: Oman Air ab Zürich via Muskat. Auch Thai Airways ab Zürich via Bangkok. Ab Zürich und Genf: Emirates (via Dubai), Qatar Airways (via Doha) sowie KLM und Malaysia Airlines (via Amsterdam). www.ebookers.ch

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www.tui.ch/flextravel
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