Halbstarke terrorisieren Anwohner

Die Esso-Tankstelle in Effretikon ist ein nächtlicher Treffpunkt. Die Nachbarn haben genug.

Hier belästigen die Halbstarken ihre Opfer: Esso Tankstelle in Effretikon.

Hier belästigen die Halbstarken ihre Opfer: Esso Tankstelle in Effretikon. Bild: David Baer

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«Schlampe, wenn ich dich allein erwische, kommst du dran!» Dies schmetterte unlängst ein betrunkener junger Kerl einer Effretikerin ins Gesicht. Die Frau wohnt in der Nähe der ­Esso-Tankstelle im Ortszentrum und aus Angst vor Repressalien will sie ungenannt bleiben. Der Kampfansage ging ein nächtliches Trinkgelage in der Nähe der Tankstelle an der Rikonerstrasse voraus. «Der Lärm raubte uns mitten in der Nacht den Schlaf», erinnert sich die Effretikerin. Sie fasste sich darum ein Herz und forderte die Jugendlichen auf, Rücksicht zu nehmen. «Wegen solcher Drohungen traut sich keiner mehr, etwas zu sagen», weiss sie.

Seit die Tankstelle mit ihrem Shop bis um Mitternacht geöffnet hat, würden sich gerade in den Sommermonaten Nacht für Nacht Jugendliche bei der Tankstelle treffen. Bei offenen Auto­türen liessen sie die Bässe dröhnen, würden mit quietschenden Reifen um die Zapfsäulen Slalom fahren und mit überhöhter Geschwindigkeit losrauschen. «Und am Morgen darauf sieht es dann aus, wie wenn eine Bombe eingeschlagen hätte», empört sich die Frau. Verrupfte Zeitungsbündel, Kot und Urin an den Wänden und hinter den Containern, Bier- und Wodkaflaschen in den Hecken und in den Gärten – Spuren, die von den nächtlichen Treffen zeugen. «Und wenn wir uns wehren und die Jungen in die Pflicht nehmen wollen, müssen wir damit rechnen, dass es am nächsten Tag noch schlimmer wird. Oder sie rächen sich, indem sie nachts an unserer Türe läuten.» Die Anwohner hätten genug, aber ballten die Faust im Sack.

Nicht mit Albtraum gerechnet

Seit über zehn Jahren wohnt die Effretikerin in der unmittelbaren Nachbarschaft der Esso-Zapfsäulen. «Wir waren uns damals bewusst, dass wir neben einer Tankstelle einzogen – mit diesem Albtraum haben wir aber nicht gerechnet», sagt sie. Sie kenne keinen anderen Ort, in dessen Herzen eine Tankstelle bis um Mitternacht offen sei. «Im Zentrum von Effretikon sinkt dadurch die Lebensqualität», bedauert sie. Sie habe etliche Male die Polizei angerufen, aber «irgendwann mag auch ich nicht mehr». Den Ordnungshütern windet sie grundsätzlich ein Kränzchen. «Sie kommen, wenn wir anrufen, und nehmen unsere Anliegen ernst.»

Die Stadt müsse die Tankstellenbetreiberin in die Pflicht nehmen, fordert die Anwohnerin. «Wir sind selbst immer wieder froh um den Shop, aber so kann es nicht weitergehen.» Mit einem Schreiben richtet sie sich nun an die Behörden: «Ich bitte Sie, zu überprüfen, ob die Tankstelle nur noch bis 22?Uhr geöffnet sein darf.»

Dies fordert auch ein anderer Nachbar der Tankstelle. Er hat die aggressive Seite der nächtlichen Gelage ebenfalls zu spüren bekommen. «Ich habe zwei Jahre lang versucht, nett zu sein. Es half nicht.» Als er dann zu schrofferem Ton überging, lautete die Replik eines Halbstarken: «Ich bring dich um! Irgendwann, irgendwann!» Auch dieser Tankstellen-Nachbar fürchtet sich vor Racheakten und will darum nicht namentlich genannt sein. «Wir können mit einem Ladenschluss um 22?Uhr das Problem nicht lösen», vermutet er. Es gehe aber darum, diesen Treffpunkt im Herzen der Stadt aufzulösen.»

Eine weitere Anwohnerin fühlt sich mit dieser «unerträglichen Situation» von der Stadt im Stich gelassen. «Die Behörden spielen das Problem herunter», klagt sie. Statt hochtrabende Grossprojekte wie das «Mittim» zu planen, täte die Stadt besser daran, der bestehenden Wohnqualität Sorge zu tragen. «Wir müssen für die Jugendlichen Raum schaffen, in welchem sie sich bewegen und aufhalten können.»

Auch eine Seniorin kämpft seit den längeren Öffnungszeiten der Tankstelle gegen die Zustände in ihrem Quartier. «Heute kämpfe ich gegen meine persönliche Resignation.» Sie erwartet von der Stadt, dass sie sich über das Warum dieses ausartenden Benehmens Gedanken mache. «Das Fehlverhalten soll Folgen haben, man muss mit der Symptombekämpfung aufhören», rügt sie. Sie sei sich aber bewusst, dass dies ein sehr komplexes Problem sei, das mit Integration und gesellschaftlichen Schwierigkeiten zu tun habe. «Wir müssen auch die Eltern in die Pflicht nehmen.»

Andreas Zanni ist Leiter der Abteilung Sicherheit von Illnau-Effretikon. Er bestätigt, dass Beschwerden eingegangen sind, will dazu aber keine Stellung nehmen. «Ich will dem politischen Prozess nicht vorgreifen. Es sind parlamentarische Vorstösse hängig, die der Stadtrat erst beantworten muss.» Die politischen Verantwortlichen weilen in den Ferien und waren nicht erreichbar.

Öffnungszeiten kein Thema

Der Tankstellenbetreiberin ist das Problem bekannt: «Auch uns stören diese Umstände», sagt Esso-Sprecher Bertrand Cornaz. Er zeigt Verständnis dafür, dass sich die Anwohner von diesem Treffpunkt gestört fühlen. «Darum und weil wir unsere Kunden nicht verärgern wollen, haben wir einen Securitas-Mitarbeiter engagiert.» Dieser sei jeweils am Wochenende präsent und bleibe bis Ladenschluss. Weitere Massnahmen seien nicht geplant: «Irgendwann ist es auch Sache der Polizei.» Esso habe aber nicht die Absicht, die Öffnungszeiten der Tankstelle wieder auf 22?Uhr zu beschränken.

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Erstellt: 21.07.2010, 21:20 Uhr

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