«Hey, ich habe keine Ahnung!»

Michèle Roten hat ein feministisches Buch über das Muttersein geschrieben. Die «Magazin»-Kolumnistin über Versagensängste, das Wichtigste für einen gesunden Babyschlaf, und warum man alle guten Vorsätze getrost vergessen kann.

Bisweilen genervt, aber dennoch verschossen: Michèle Roten mit ihrem Sohn Eduard.

Bisweilen genervt, aber dennoch verschossen: Michèle Roten mit ihrem Sohn Eduard.

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Eine dringende Bitte: In Ihrem Buch kommen auch Genderthemen wie Frauenquote oder Karrierekiller Baby zur Sprache. Könnten wir diese für einmal beiseite lassen?
Warum?

Na ja, weil mich das Anstubsen dieser Megathemen ehrlich gesagt gelangweilt hat. Weil ich ein Mann bin. Weils den Rahmen hier sprengen würde. Und weil ich dieses Interview auch aus eigennützigen Gründen führe. Ich werde bald zum ersten Mal Vater. Gratuliere.

Ich bin zurzeit vor lauter widersprüchlichen Infos schon ganz gaga.
Kenn ich, ging mir genauso. Total verunsichert, oder? Ich hatte keinen Plan.

Ich weiss gerade nicht, ob mich das jetzt beruhigen oder zusätzlich verunsichern soll.
Ich rate dringend davon ab, sich allzu viele Vorstellungen zu machen. Wenn ich höre, wie zum Beispiel werdende Eltern den genauen Ablauf der Geburt inklusive Musik festlegen… das ist doch Quatsch. Am Schluss ist man nur gestresst, enttäuscht oder fühlt sich sogar noch als Versagerin.

Sie erzählen in Ihrem Buch, wie Sie die Geburt Ihres Sohnes erlebt haben. Ein Kaiserschnitt.
Ou, auch so ein Thema. Irgendwann, ich lag schon eine Zeit lang in den Wehen, sagten die Ärzte: Wir würden Ihnen jetzt dringend zu einem Kaiserschnitt raten. Da sagt man dann nicht: Nö. Ich hätte eigentlich eine Spontangeburt gewollt, weils mich einfach interessiert, wie es ist, ein Kind zu gebären. Ich war offen für alles: Akupunktur? Ja, her damit. Wassergeburt? Klar, probieren wir auch. Dass es schliesslich ganz anders kam, war dann aber auch o. k.

Es heisst, Kaiserschnitt gebe eher Schreibabys.
Na super, noch eine Theorie.

Sie führen auch eine praktische Checkliste auf für den Mann, der seine Frau nach der Geburt aus dem Spital abholt. Sie fragen zum Beispiel: «Ist der Kühlschrank voll mit allem, was die Frau am liebsten mag?» Oder: «Wohnung geputzt?» Hat Ihr Mann alles abhaken können?
(lacht) Im Gegenteil. Mein Mann stiess nach der Geburt mit ein paar Freunden auf seinen Sohn an und brach sich danach bei einem Velo- sturz die Schulter. Wir hatten bei meiner Rückkehr nichts da: Keine Stilleinlagen, keine Salbeikompressen, um die entzündeten Brustwarzen zu pflegen. Nicht mal Windeln. Aber das war natürlich auch mein Versäumnis.

Was taten Sie dann?
Na, wir gingen einkaufen. Man kriegt ja eh alles irgendwie hin. Aber es ist schon ein schräger Moment, wenn man das Spital verlässt. Ich dachte nur: Hey, ihr könnt mir das nicht einfach mit nach Hause geben! Ich habe keine Ahnung! Es war wie ein Hightechgerät, bei dem ich nicht mal wusste, wie man es ein- und ausschaltet.

Und wie haben Sie den Knopf gefunden?
Durch die Zeit. Ein Beispiel: Auf Verpackungen von Nuggis steht, man müsse die Dinger vor dem Gebrauch auskochen. Am Anfang macht man das noch, religiös. Wenn man unterwegs ist, spült man sie halt nur heiss ab und hat dann ein wahnsinnig schlechtes Gewissen. Wird mein Kind jetzt sterben an diesem nicht ausgekochten Nuggi? Man verliert vor lauter Unsicherheit durch die Überforderung den gesunden Menschenverstand. Erst eine Weile später habe ich bei ein paar Dingen gemerkt, wie sehr ich mich ins Bockshorn habe jagen lassen.

Reden wir über Nachtruhestörung. Für mich, der sich eines tiefen, gesunden Schlafs rühmen darf, ein eminent wichtiges Thema. Muss ich mir Sorgen machen?
Ich kann Sie da nicht beruhigen, häufiger ist die Nacht ein Problem, selten wirklich easy.

Sie schreiben von der Engländerin Anastasia Baker, die Nightnannys vermittelt. Erfahrene Kinderbetreuerinnen übernehmen für eine oder mehrere Nächte die Betreuung.
Eine brillante Geschäftsidee. Allein in London koordiniert Baker über 200 Frauen. Ich sehe es ja bei mir. Es gibt Momente, wo ich fast jeden Preis zahlen würde, um mal durchzuschlafen.

Ist Outsourcing wirklich die Lösung?
Unter Umständen, ja. Bei Bakers Modell gehts aber auch darum, dass manchmal jemand von aussen helfen kann. Selbst blickt man irgendwann einfach nicht mehr durch.

Sie erzählen von Maxine, der Babyflüsterin.
Ja! Diese Hebamme sagt, dass es fürs Schreien des Babys während der Nacht manchmal ganz profane Gründe gibt: So fand sie heraus, dass sich ein Kind ständig am Bett den Kopf stiess. Maxine polsterte das Teil, dann war Ruhe. Die Frau hat drei goldene Regeln. Wollen Sie sie hören?

Ich bitte ausdrücklich darum! Das Zimmer bleibt dunkel, kein Augenkontakt und keine Gespräche. Das Baby müsse spüren, dass es zwar nicht allein sei, aber dass die Nacht Ruhe bedeute.

Klingt einleuchtend. Noch eine letzte Frage: Machen Kinder glücklich?
Manchmal nerven sie gewaltig. Das muss man auch mal sagen dürfen, ohne gleich als Rabenmutter dazustehen. Ich kann aber festhalten: Ich bin richtig verschossen in meinen Sohn. Und in vielen Momenten ist er einfach vor allem eines: extrem lustig. Das ist unglaublich bereichernd. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.09.2013, 14:51 Uhr

Michèle Roten

Die 34-Jährige lebt mit ihrem zweijährigen Sohn Eduard und ihrem Mann in Zürich. Die Journalistin hat eine regelmässige Kolumne im «Magazin», soeben ist ihr Buch «Wie Mutter sein» im Echtzeit-Verlag erschienen.

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