Hinwil organisiert keine Kultur mehr

Kürzlich präsentierte der Gemeinderat Hinwil sein neues Kulturkonzept. Die Kultur- kommission soll nicht mehr Veranstalterin sein. Das stösst auf Kritik.

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Kultur soll von Privaten organisiert werden. Dieser Meinung ist der Gemeinderat von Hinwil. Kürzlich erläuterte Beat Heller (SVP), Gemeinderat und Präsident der Kulturkommission, in der Dorfzeitung «Top Hinwil», wie das neue Kulturkonzept aussehen soll. Auf ihrer Homepage will die Gemeinde ein Formular zum Download bereitstellen. Damit können Hinwiler Kulturschaffende einen Antrag auf Unterstützung einreichen. Dieser wird durch die Kulturkommission geprüft und allenfalls unterstützt. Heller hofft, dass mit dem jetzigen Konzept mehr Anlässe als früher stattfinden werden. Dafür sei ein Betrag im «bisherigen Rahmen vorgesehen». Über diesen werde aber die Gemeindeversammlung mit dem Gesamtbudget der Gemeinde entscheiden müssen.

Das ist ein krasser Unterschied zur früheren Arbeit der Kulturkommission, die bis anhin selbst Anlässe organisierte. Jedes Mitglied der Kommission war für einen Anlass im Veranstaltungsjahr zuständig, die Gemeinde unterstützte diese mit einem «Kulturkredit» von 60'000 Franken. «Wir boten ein Abonnement an, womit man statt alle sechs nur fünf Anlässe zahlen musste und einen festen Sitzplatz hatte», erinnert sich die frühere Gemeinderätin Verena Wolfensberger, die bis 2006 die Kulturkommission präsidierte. So traten in den 1990er-Jahren einige bekannte Künstler in Hinwil auf: Dimitri, Gardi Hutter, Lorenz Kaiser oder Massimo Rocchi sind nur einige Beispiele. Die Kulturkommission unterstützte 1998 auch das Openair «Grab the Mountain» beim Start und in den folgenden Jahren mit Defizitgarantien – heute ist das kleine Openair am Bachtel ein grosser Erfolg.

Keine visionären Ideen

«Mangelndes Interesse an Besuchern kann kaum der Grund gewesen sein, daran etwas zu ändern», sagt Verena Wolfensberger. Ihrer Meinung nach hat der Gemeinderat die Pflicht, sich aktiv um Kultur im Dorf zu kümmern. Mit dem neuen Konzept ist sie nicht einverstanden. «Der Gemeinderat stiehlt sich damit aus der Verantwortung.» Auch bei der Bürgerinitiative Hinwil stösst der gemeinderätliche Vorschlag auf Widerstand. «Für mich ist das kein seriöses Konzept», erklärt Hans Rudolf Aeberli, «sondern ein Schnellschuss, damit man nicht an die Gemeindeversammlung muss.» Das Konzept enthalte überhaupt keine visionären Ideen. Aeberli bemängelt, die Bevölkerung werde nicht einbezogen.

Die Präsidentin der SP, Hanna Rau, befürchtet Budgetkürzungen und Preissteigerungen. Wenn alles den privaten Veranstaltern überlassen werde, kämen in Hinwil nur noch diejenigen mit einem dicken Portemonnaie in den Genuss von Veranstaltungen. Früher sei es ein erklärtes Ziel gewesen, einerseits mit günstigen Eintrittspreisen allen den Besuch von Kulturveranstaltungen zu ermöglichen, andererseits diese in die Aussenwachten zu bringen. «Leider werden die bis zu den letzten Gemeinderatswahlen gut funktionierenden Kommissionen immer mehr abgewertet», kritisiert Rau. Christian Kuster, Präsident der FDP, findet das neue Konzept allerdings gar nicht so schlecht: «Kultur auf privater Basis ist oft die bessere Lösung», erklärt er, «ich verstehe den Anspruch an die Gemeinde, Kultur anzustossen, sowieso nicht ganz.» Es sei aber sinnvoll, Anfragen im Sinn der Allgemeinheit zu unterstützen.

Den Vorwurf, das Kulturkonzept sei ein Schnellschuss, lässt Kommissionsmitglied Max Gemperle nicht gelten: «So etwas geht halt so lange, da steckt seriöse Arbeit dahinter.» Laut Gemeinderat Beat Heller war eine ganze Sitzungsperiode nötig gewesen, um sich die Frage nach der besten Lösung gründlich zu stellen. «Wir hoffen nun auf ein breites Angebot», sagt er. Die Kulturkommission werde keineswegs abgewertet: «Wenn ein Gemeinderat alleine entscheiden würde, wäre das zu einseitig», sagt Heller. In der Kommission werde schliesslich die Bevölkerung einbezogen.

Giftiges Gesprächsklima

In den letzten Jahren gab es rund um die Kulturkommission allerdings immer wieder Unstimmigkeiten. Im Frühling 2006 wurde der Gemeinderat neu gewählt. Beat Heller übernahm von Verena Wolfensberger den Vorsitz der Kulturkommission und setzte diese teilweise neu zusammen. In den Legislaturzielen des Gemeinderats für die Jahre 2006–2010 tauchte erstmals die Idee auf, das ganze System zu reorganisieren. In der Kommission wurde die Idee mit einem privaten Kulturverein und einer Leistungsvereinbarung präsentiert. Die Kulturkommission konnte noch Änderungen vorschlagen, bevor das Geschäft am 20. September 2007 an die Gemeindeversammlung kam – und abgelehnt wurde. Begründung: Das Projekt sei zu wenig ausgereift, es müsse überarbeitet werden. Ein Jahr später präsentierte der Gemeinderat nun die neuen Ideen.

Vorerst arbeitete die Kommission nach dem alten System weiter, doch die Zusammenarbeit schien nicht mehr reibungslos zu funktionieren. Die Sitzungen fanden noch drei bis vier Mal im Jahr statt und wurden sehr kurzfristig einberufen. Von ungeordneten Abläufen und einem giftigen Gesprächsklima ist die Rede. Peter Studer trat nach zwei Jahren im Februar 2008 aus der Kommission aus. «Nachfragen bei Unklarheiten war nicht immer möglich oder unerwünscht», erinnert er sich heute. Im Juli verliess Ellen Brunner die Kommission. «Ich bin wegen der Umgangsformen ausgetreten», erklärt sie. Sie sei als Bremsklotz gesehen und böswillig angegriffen worden. Dabei hätten aus ihrer Sicht nur Dinge wie beispielsweise eine Vereinsgründung gründlicher überlegt werden sollen. Ausserdem hätte es Brunner sehr begrüsst, wenn die Kommission Einsicht gehabt hätte in eine detaillierte Abrechnung der Veranstaltungen – was unter Hellers Vorgängerin Verena Wolfensberger möglich war.

Offenbar wurden auch Anfragen von Kulturschaffenden ignoriert. Die Organisatoren der Konzertreihe «fiori musicali» reichten ein detailliertes Gesuch um finanzielle Unterstützung von vier Konzerten im Jahr 2008 ein. Eine Antwort haben sie bis heute nicht erhalten. Nun versucht eine Interessengruppe auf privater Basis, etwas für die Kultur in Hinwil zu tun.

Gemeinderat Beat Heller widerspricht: Die Kommission habe weiterhin gut funktioniert. Die beiden Austritte hätten persönliche Gründe gehabt. «Weder die Arbeit selbst noch die Kommission hatte damit etwas zu tun», sagt er. Zwischenmenschliche Probleme gebe es überall. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.10.2008, 22:08 Uhr

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