Ich bin der Grösste

Roger Waters baut wieder einmal seine Mauer auf. In einem so mächtigen wie verwunderlichen Riesenspektakel. Eine Annäherung im Strudel der Gefühle.

Das Böse spielen, das Böse sein: Roger Waters in seiner Rolle als totalitärer Stadionrocker.

Das Böse spielen, das Böse sein: Roger Waters in seiner Rolle als totalitärer Stadionrocker.

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Lassen Sie sich von Ihrem demütigen Musikredaktor (IdM) kurz nach Griechenland entführen. Und zwar nicht, weil zwei Mitglieder der englischen Band Pink Floyd, als «The Wall» 1979 aufgenommen wurde, aus steuerlichen Gründen in Griechenland residierten. Nein, im Sommer 1980 erhielt IdM, elf Jahre alt, von seinem Vater die Audiokassette von «The Wall» geschenkt. Im Kämmerchen hörte er sie sich täglich an, anstatt die Sommertage an der Meeresbrandung zu verbringen. Davon, dass es solche Rockmusik gab, hatte IdM keine Ahnung gehabt.

Jeder Song ging in den nächsten über. Seltsame Geräusche kamen aus den Boxen des tragbaren Kassettengeräts, beruhigende (Babylallen, Vogelgezwitscher) und gewalttätige (Sirenen, unbestimmbares Geschrei, zerberstende Fernsehapparate). Die Gitarren klangen wie futuristische Dampfwalzen. Wie war das zu verstehen? In IdMs schmächtigem Brustkorb wuchs Begeisterung heran, er lernte etwas Wildes, Übersteigertes kennen, das es ausserhalb von Musik nicht zu kaufen gab.

Gerade dieses Übersteigerte begründete den Triumph von «The Wall». Und die Ablehnung, die die Platte von Kritikerseite immer wieder erfuhr. Roger Waters, in jenen Jahren der – vermutlich diktatorische – Sturkopf von Pink Floyd, hatte das Konzept der Rock-Oper zum Äussersten getrieben. Harsche Effekte standen über musikalischen Subtilitäten. Die Macht des individuellen Gefühls war wichtiger als eine schlüssige Geschichte. Denn warum genau wurde da jemand mit einer überbehütenden Mutter, einem bösen Lehrer und einer untreuen Gattin zum Rock-Faschisten? Und wer zum Teufel war der grausige Richter, der ihn dazu verurteilte, die Mauer niederzureissen, um «vor seinesgleichen entblösst» dazustehen?

Der Vorwurf, den viele Schreiber zwei Jahre nach der Siegesfeier des Punk Roger Waters machten, war der einer überteuerten Wehleidigkeit. Es schien ihn mässig zu kümmern. 1990 führte Waters «The Wall» im Niemandsland des Potsdamer Platzes in Berlin vor einer knappen halben Million Menschen auf. Mit den Scorpions, Sinéad O’Connor, Van Morrison und anderen. Und als die digitale Konzerttechnik neue Dimensionen harscher Effekte erschloss, ging er 2010 mit dem Monsterwerk wieder auf Tour.

Die Mauer, die im Lauf der ersten Konzerthälfte zwischen Publikum und Band hochgezogen wurde, war nun eine Projektionsfläche. Sie liess sich in Sekundenschnelle scheinbar wieder öffnen und schliessen. Graffiti erschienen auf ihr, die sich auf aktuelle Konflikte bezogen. Und jetzt, auf der Open-Air-Reise, soll das Bauwerk doppelt so breit sein wie noch 2011 im Hallenstadion.

Riesig ist auch der Zwiespalt: Eine Liedersammlung, in welcher der unheilvolle Wunsch der Massen nach übergrossen Weltraumgefühlen schon im ersten Lied zynisch angesprochen wird, wird in einem mehr als übergrossen Spektakel dargeboten. Aber es gibt Schlimmeres als Zwiespälte, und «The Wall» stellt den Irrsinn, um den es geht, passenderweise mit irren Mitteln dar. Mit Dampfwalzengitarren, Geschrei, gepressten Klagegesängen, Explosionen, Bildergewittern. Bis heute steht IdM ungläubig grinsend und bisweilen kopfschüttelnd vor dieser Oper. Wäre er elf, würde er jetzt vollständig durchdrehen.

Eintritt 108–199 Franken (Zueritipp)

Erstellt: 04.09.2013, 15:17 Uhr

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