«Ich sehe einen Trend hin zu den grösseren Parteien»

Die Zürcher Wahlen sind ein Signal für den eidgenössischen Urnengang im Herbst, sagt Politologe Andreas Ladner.

Die neuen Zürcher Regierungsräte der FDP Carmen Walker Späh, links, und Thomas Heiniger, rechts, werden von Parteimitglied Beat Walti, Mitte, nach den Wahlen in Zuerich begrüsst.

Die neuen Zürcher Regierungsräte der FDP Carmen Walker Späh, links, und Thomas Heiniger, rechts, werden von Parteimitglied Beat Walti, Mitte, nach den Wahlen in Zuerich begrüsst. Bild: Ennio Leanza/Keystone

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Herr Ladner, die Wähler im Kanton Zürich setzen neuerdings vermehrt auf die FDP: Die Freisinnigen sind die Gewinner der Kantonsratswahlen. Wie erklären Sie sich den starken Zuwachs?
Die FDP ist trotz ihres Erfolges noch nicht dort, wo sie einst stand. Sie startete von einem tiefen Niveau aus, konnte das jetzt aber korrigieren.

Aber es ist unbestritten: Die FDP reitet auf einer Erfolgswelle. Das war bereits bei den Wahlen in Baselland und Luzern der Fall. Warum?
Wirtschaftsfragen stehen derzeit stärker im Vordergrund als Umweltthemen. Kommt hinzu, dass die FDP mit ihrem jetzt wiedergewählten Regierungsrat Thomas Heiniger ein starkes Zugpferd im Wahlkampf vorweisen konnte. Die Wähler haben am Wochenende eine Partei bevorzugt, die sie für wirtschaftskompetent halten.

Philipp Müller, Präsident der FDP Schweiz, bemüht sich, nach seinem eher elitären Vorgänger Fulvio Pelli die Partei bürgernaher zu positionieren. Ist der Sieg der FDP in Zürich also auch auf den sogenannten Müller-Effekt zurückzuführen?
Ich würde das sehr zurückhaltend werten. Es ist heikel, den Erfolg einer Partei allein am Parteipräsidenten festzumachen. Sicher zeigt Philipp Müllers Arbeit Erfolge. Aber zu behaupten, einzig wegen Müller gehe es bei den Freisinnigen wieder aufwärts – das wäre doch wohl arg übertrieben.

Aber der Parteipräsident ist das wichtigste Aushängeschild einer Partei.
Das Auftreten des Präsidenten ist wichtig, klar, wie auch der Entscheid, welche Themen eine Partei besetzt. Aber Erfolg resultiert immer aus dem Zusammenspiel verschiedener Elemente. Mit Bundesrat Johann Schneider-Ammann hat die FDP ja kein wahnsinniges Zugpferd im Bundesrat, trotzdem hat die Partei Erfolg.

Philipp Müller hat angekündigt, er wolle bei den eidgenössischen Wahlen im Herbst mit seiner FDP, die derzeit national einen Wähleranteil von 15,1 Prozent erreicht, die SP mit ihrem Wähleranteil von 18,7 Prozent überholen. Ist das ein realistisches Ziel?
Das klingt mir ein bisschen sehr nach Wahlkampfrhetorik. Obwohl die FDP bei den kantonalen Wahlen in Baselland, Luzern und jetzt in Zürich zugelegt hat, wächst sie noch immer auf einem insgesamt gesehen tieferen Niveau als die SP.

Grüne und Grünliberale gehören zu den Verlierern der Zürcher Wahlen. Ist der Wähler ein derart untreues Wesen, dass er vier Jahre nach dem AKW-Unfall von Fukushima seinen Glauben an die Ökoparteien schon wieder verloren hat und sich von ihnen abwendet?
Es ist tatsächlich so, dass sich die Wähler heute weniger stark an eine Partei gebunden fühlen als früher. Die Parteibindungen sind zurückgegangen. Die neuen, jungen Parteien, vor allem die Grünliberalen, mussten und müssen darum mit Schwankungen rechnen. Für sie ist es schwierig, sich zu etablieren. Ich sehe darum einen Trend hin zu den grösseren Parteien. Das mag paradox erscheinen angesichts der Tatsache, dass sich die kleinen Parteien in Zürich gut gehalten haben, schliesslich konnten alle die Fünf-Prozent-Klausel überwinden. Aber der Trend hin zu den Grossen ist da.

Wo kamen in Zürich die vielen neuen Stimmen für die FDP her? Von ehemaligen Wählern der Grünliberalen?
Bestimmt sind nicht alle Stimmen von Wählern der Grünliberalen und Grünen zur FDP gewandert, sondern nur ein Teil. Bevor die Wählerströme genauer analysiert sind, lässt sich diese Frage aber nicht mit letzter Klarheit beantworten.

Ein Fazit der Zürcher Wahlen lautet: Für den Bürger kommt Ökonomie wieder vor Ökologie. Sehen Sie noch eine Akzeptanz für die Energiewende, die Bundesrat und Bundesparlament anstreben?
Ich würde vom Wahlergebnis in Zürich nicht darauf schliessen, dass die Energiewende erledigt wäre. Das wird auf nationaler Ebene diskutiert und entschieden. Aber klar, die ökologische Bewegung ist geschwächt worden, das lässt sich nicht wegdiskutieren. Die Wähler sind der Meinung, es gebe derzeit wirtschaftliche Probleme, welche die Schweiz lösen müsse, sie setzen darum auf wirtschaftsfreundliche Kräfte.

Die Grünliberalen buchstabieren rückwärts, die BDP schwächelt – ist die «neue Mitte» schon wieder tot?
Bei den Grünliberalen sieht es etwas weniger schlimm aus als bei der BDP. Trotzdem ist es nicht ausgeschlossen, dass die BDP bei den nationalen Wahlen mit ihrer Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf doch noch Wähler mobilisieren und punkten kann.

Der Sitz von Eveline Widmer-Schlumpf wackelt doch jetzt schon ganz gewaltig.
Die Frage nach der Legitimität des BDP-Bundesratssitzes wird sich stellen – aber erst nach den eidgenössischen Wahlen.

Im Kanton Zürich lebt ein Fünftel aller Wahlberechtigten landesweit, die Wahlen haben Signalcharakter für den eidgenössischen Urnengang im Herbst. Ihre Prognose?
Die FDP ist im Plus, die Grünen sind im Minus. Bei den Grünliberalen wage ich noch keinen Schluss, die BDP hingegen wird sich kaum ins Plus retten. Doch es bleibt ein Unsicherheitsfaktor von etwa zehn Prozent. (Basler Zeitung)

Erstellt: 13.04.2015, 10:36 Uhr

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Politologe Andreas Ladner (Bild: © Christian Lanz)

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