Immer mehr Mädchen und junge Frauen erkranken an Fitnesssucht

Das Ideal des perfekten Frauenkörpers hat sich gewandelt. Selbst Mädchen im Primarschulalter zählen bereits Kalorien.

Das Idealbild von jungen Frauen und Mädchen passt sich dem von jungen Männern an. Foto: Holger Salach

Das Idealbild von jungen Frauen und Mädchen passt sich dem von jungen Männern an. Foto: Holger Salach

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Dünn war gestern. Heute muss ein Frauenkörper schlank und definiert zugleich sein. Also: sehnige Oberarme, muskulöser Bauch und athletische Beine. Dieses Ideal verkörpern Tausende von Influencerinnen und Fitnessmodels in den sozialen Netzwerken. Und lösen damit vor allem eines aus: Unzufriedenheit.

Über 60 Prozent der Mädchen im Teenageralter gefällt der eigene Körper nicht. Sie fühlen sich zu dick und zu schlaff. Das zeigt eine neue Untersuchung der Gesundheitsförderung Schweiz. Studienverfasserin Franziska Widmer Howald sagt: «Das neue Schönheitsideal gleicht sich demjenigen der Männer an.» So möchte jede Dritte nicht nur leichter sein, sondern auch mehr Muskeln haben.

Fotos entsprechen nicht zwingend der Realität

Dieser Wunsch kann allerdings fatal sein für die Gesundheit. Damit bei einem weiblichen Körper am Bauch ein Sixpack sichtbar ist, darf der Körperfettanteil nicht höher als 10 Prozent sein. «Mindestens 10 Prozent Fett sind aber lebenswichtig», sagt Widmer Howald. Fällt der Anteil darunter, kommt es zur Störung des Menstruationszyklus und zum Verlust von ­Knochenmasse.

Ungeachtet dessen vermitteln Fitnessmodels über Youtube oder Instagram: «Trainiert! Dann kommt das Sixpack automatisch. Schaut mich an.» Dass sie dabei ihr Wohlergehen gefährden und die Fotos nicht zwingend der Realität entsprechen, blenden Followerinnen oft aus. Stattdessen trainieren sie noch härter, halten Diäten und geraten in einen Fitnesswahn.

«Weil sie ihre ganze Energie dafür einsetzen, den Idealen zu entsprechen, nehmen sie ihren Körper nicht wahr und untergraben ihr Selbstwertgefühl», beschreibt Widmer Howald die Problematik. Immer mehr Mädchen und junge Frauen sind davon betroffen. Fitnesssucht ist nicht als Krankheit anerkannt. «Doch das wäre zwingend. Denn es kann eine Vorstufe von Essstörungen sein.»Dem stimmt Bettina Isenschmid zu. Die Chefärztin des Kompetenzzentrums für Essverhalten und Adipositas am Spital Zofingen beobachtet diesen Zusammenhang oft. Sorgen bereitet ihr, dass zunehmend ganz junge Mädchen in die Sprechstunde kommen, die den vermeintlichen Körperidealen nacheifern. «Bereits Acht-, Neunjährige haben das Gefühl, zu dick zu sein, und zählen Kalorien oder treiben übermässig viel Sport», sagt Isenschmid.

Workout mit Fitnessmodel Anllela Sagra. Video: Youtube/Fitness Girls

Ein Grund dafür: Der Druck, körperlich perfekt zu sein, ist so gross wie nie. «Das führt zu deutlich mehr Essstörungen, und zwar ­bereits im Primarschulalter.» Schweizweite Zahlen gibt es nicht. Die Universität Freiburg hat jedoch 700 Kinder im Alter zwischen 8 und 13 zu ihrem Essverhalten befragt. Dabei hat sich herausgestellt, dass bis zu 30 Prozent Symptome einer Störung aufweisen, beispielsweise selektiv essen.

Andrea Wyssen, Psychologin der Universität Freiburg geht davon aus, dass sich die Situation noch zuspitzen wird. «Eine Vielzahl von Mädchen und jungen Frauen definiert ihre Identität primär über das Aussehen und vernachlässigt dabei ihre Fähigkeiten und Eigenschaften.» Das geht so weit, dass sie ihr Selbstwertgefühl von «Likes» abhängig machen. Und stehen so unter permanenten Zwang der Selbstdarstellung.

Selbstvertrauen ist der beste Schutz

Aber nicht nur die sozialen Medien beeinflussen Teenager. Auch die Eltern spielen eine entscheidende Rolle. Sie sind Vorbild. Gerade Mütter formen den Blick von Mädchen auf den eigenen Körper – im Negativen wie auch im Positiven. «Ist sie mit sich sowie ihrer Figur zufrieden, überträgt sich das auf die Tochter», sagt Ernährungswissenschaftlerin Marianne Botta.

Als wichtig erachtet sie zudem: gemeinsam am Familientisch zu essen, Genuss vorzuleben und die Sorgen der Kinder ernst zu nehmen. «Auch wenn es im ersten Moment sonderbar anmutet, mit einer Achtjährigen über vermeintlich dicke Oberschenkel zu diskutieren.» Die Selbstwahrnehmung sei dabei oft verzerrt. Das erlebt Botta im Alltag in ihrer Praxis in Ittigen BE. Nach TV-Sendungen wie «Germany’s Next Topmodel» melden sich etliche junge Frauen bei ihr. Sie wollen einen Termin, um Tipps zum Abnehmen zu erhalten. Sitzen die Klientinnen dann Botta gegenüber, stellt sich oft heraus: Hier gibt es nichts zu optimieren.

Dann fragt Botta die jungen Frauen: «Was wird besser, wenn du fünf Kilo leichter bist und ein Sixpack hast?» Die Antworten erschrecken: alles. «Sie sind überzeugt, wenn ihr Körper näher am Schönheitsideal ist, werden sie einen Freund finden, werden sie im Kollegenkreis beliebter sein, werden sie überhaupt ein besseres Leben haben.» Botta, selber Mutter von acht Kindern, ist jedoch überzeugt: «Gesundes Selbstvertrauen ist der beste Schutz.» Dadurch seien sie genügend stark, Ja zu sich und Nein zur Sucht zu sagen. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 21.01.2018, 07:09 Uhr

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