«In Japan bin ich immer noch ein Elefant»

Schon seit Mitte der Achtziger fühlt sich Doris Dörrie Japan verbunden. Ihr neuer Film handelt von der Fukushima-Katastrophe. Sie erzählt von Radioaktiver Erde und der Schwierigkeit, in Japan Katzen zu finden.

Echte Katzen sieht man in Japan nie. Dafür halt so einen Katzenmann in der Fussgängerzone.

Echte Katzen sieht man in Japan nie. Dafür halt so einen Katzenmann in der Fussgängerzone.

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Diesen März jährt sich die Katastrophe von Fukushima zum fünften Mal. Wie präsent ist das Thema heute in Japan?
Die Regierung verdrängt das vor allem. Man räumt zwar auf, denn 2020 kommen die Olympischen Spiele, aber Konsequenzen hat man ?keine gezogen. Die AKW, die man damals abgeschaltet hat, gehen wieder ans Netz, alternative Energien werden kaum gefördert. Als wir letztes Jahr Demos in Japan gefilmt haben, waren diese nicht besonders gross.

Aufnahmen davon sieht man am Ende des Abspanns.
Vor allem sieht man ältere Menschen. Die Jungen interessieren sich kaum dafür. Haupt­sache, man hat Strom für das Smartphone.

Wollten Sie den Film machen, um das Thema wieder ins Bewusstsein zu rufen?
Nicht unbedingt. Dass der Film gerade jetzt ins Kino kommt, ist eher ein Zufall. Ich bin ein halbes Jahr nach der Katastrophe nach Japan gereist und war sehr bestürzt: Die komplette Zerstörung, die Menschen in den Notunterkünften. Da fing das an, dass ich eine Geschichte darüber erzählen wollte.

Sie haben dann vor Ort gefilmt. Seit dem Erdbeben und der Flut ist das Land verwüstet, die Häuser sind zerstört. Absurd ist das Bild von Plastiksäcken, die zu gewaltigen Halden aufgestapelt sind; darin ist radioaktive ?Erde gelagert. Und diese Säcke liegen dann einfach herum.
Viele dieser Plastiksäcke wurden inzwischen auch weggespült. Es gab eine Springflut, durch welche die radioaktive Erde ins Meer geschwemmt wurde.

Viele der Opfer leben nach wie vor in Notunterkünften, man sieht sie nun im Film.
Sie haben sich darüber gefreut, dass sich jemand für sie interessiert. Die jungen Leute sind weggezogen, übrig bleiben die Alten. In ihre zerstörten Häuser können sie aber natürlich nicht zurück. Also leben sie weiterhin in diesen Lagern, isoliert und vergessen.

An einer Stelle stehen Bewohner solcher Lager vor der Kamera. Als wollten sie sagen: «Wir sind immer noch da.»
Es war mir nicht nur wichtig, diese Menschen zu zeigen, sie schauen einen auch an und holen sich so etwas von ihrer Würde zurück.

Das erste Mal reisten Sie 1985 nach Japan, als «Mitten ins Herz» am Tokyo International Film Festival lief. Seither waren Sie immer wieder im Land und haben schon vier Filme dort gedreht. Was fasziniert Sie so an Japan?
Es fühlt sich für mich gleichzeitig wahnsinnig fremd und wahnsinnig vertraut an. Dazu gibt es diese riesigen Gegensätze: einerseits das Verweilen im Moment, wie in der Teezeremonie, anderseits ist da diese schrille Populärkultur.

Merkwürdig ist zum Beispiel der Katzenmann, der zu Beginn des Filmes auftaucht.
Das ist ein Büroangestellter, der in seiner Freizeit diese grossen Katzenköpfe bastelt, mit echtem Katzenhaar. Ich weiss nicht genau, wo er die herhat, denn in Japan sieht man nirgends echte Katzen, obwohl die Menschen so verrückt nach den Tieren sind. Dieser Mann setzt sich nun so einen Katzenkopf auf und stellt sich in die Fussgängerzone. Er will dafür kein Geld, sondern einfach nur die Passanten erfreuen. Das ist auch etwas typisch Japanisches.

Rosalie Thomass spielt eine Deutsche, die nach Fukushima reist, um den Menschen zu helfen. Sie begegnet einer alten Geisha, dargestellt von Kaori Momoi. Wie lief die Zusammenarbeit der beiden Frauen?
Kaori Momoi ist in ihrem Land sehr berühmt, man nennt sie die «Meryl Streep von ­Japan». Dennoch hat sie mit uns während der Dreharbeiten sieben Wochen in Wohncontainern gelebt, ohne sich zu beschweren. Vor Ort gab es ein Krematorium, zwei Puffs und einen Supermarkt, sonst nichts. Kaori Momoi hatte aber auch eine gewisse Stacheligkeit, die eine Herausforderung für Rosalie war.

Die Frauen in der Geschichte bauen das Haus der Geisha wieder auf. Was war das für ein Haus, in dem sie gedreht haben?
Wir haben mit den Leuten, die dort wohnten, Kontakt aufgenommen. Zum Glück haben sie die Katastrophe überlebt. Aber viele der Nachbarn sind tatsächlich umgekommen, im Film sieht man die Fundamente der zerstörten Häuser. Das ist tatsächlich so passiert, wie wir es erzählen.

Die beiden bekommen es dann auch mit Geistern zu tun.
Der Geisterglaube ist in Japan sehr stark, vor allem im Norden Japans, wo die Katastrophe passiert ist. Wir hatten Probleme, Statisten zu finden, um die Geister zu spielen, denn gerade vor den Menschen hat man Angst, die eines plötzlichen Todes gestorben sind und nicht begreifen, dass sie tot sind.

Interessant ist nun, dass auch die Deutsche die Gespenster sieht.
Das lässt sich ja leicht übertragen. Ich glaube nicht an Geister, aber wir alle tragen insofern Gespenster mit uns herum, als dass wir in unseren Erinnerungen Menschen haben, die wir verloren haben oder vermissen.

In Maries Geschichte stecken sicher auch Ihre Erfahrungen mit Japan.
Natürlich. Ich bin über die Jahre über zwanzigmal durch Japan gereist, aber ich bin immer noch eine Fremde. Die Architektur ist nicht für uns Menschen aus dem Westen gemacht: Es ist alles so klein. Rosalie Thomass wirkt neben Kaori Momoi riesig, ein Elefant eben. Auch ich bin immer noch ein Elefant und mache vieles falsch; als Ausländer wird man nie alles richtig machen können.

Seit «Erleuchtung garantiert» von 1999, als Sie das erste Mal in Japan drehten, arbeiten Sie mit kleineren Teams.
Bei grossen Produktionen muss man den General spielen, man muss Hierarchien beachten. Dank der heutigen Technik geht das auch im kleinen Rahmen. Damals bei «Erleuchtung garantiert» haben wir mit einer kleinen Digitalkamera im Kloster gedreht, ich glaube, wir gehörten zu den Ersten, die das so gemacht haben. Mit einem kleinen Team kann man sich zudem leichter in die Realität einschleichen und von dort aus eine Geschichte erzählen. Wenn man hingegen mit einer grossen Produktion ankommt, gibt man den Leuten gleich zu verstehen: «Das ist bloss Fiktion.»

Wie wurde «Grüsse aus Fukushima» in Europa aufgenommen?
Man versteht die Gemeinsamkeiten. Nach einer Vorführung kam ein alter Herr zu mir, der meinte: «Das sieht im Film ja ganz ähnlich aus wie bei uns nach 1945.»

Tragisch ist ja, dass eine solche Katastrophe passieren muss, damit sich die Leute der Energieproblematik bewusst werden.
Ist es den Leuten denn bewusst geworden? Jedes Mal, wenn man eine Suchmaschine aufruft, braucht das Energie. Macht man sich darüber wirklich Gedanken? Ich selber bin da auch widersprüchlich: Ich verzichte zu Hause auf einen Wäschetrockner, aber dann steige ich ohne mit der Wimper zu zucken ins Flugzeug und fliege nach Japan oder Los Angeles. Es ist sehr unbequem, den eigenen Energieverbrauch zu überdenken.

*Seit der Erfolgskomödie «Männer» (1985) gehört Doris Dörrie zu den berühmtesten Filmemachern Deutschlands. Aber auch?als Schriftstellerin ist sie erfolgreich («Das blaue Kleid»). Daneben doziert sie in München als Professorin für Film und inszeniert Opern. Sie ist Japan seit vielen Jahren tief verbunden und hat sich in Filmen wie «Kirschblüten – Hanami» (2008) mit dem Land auseinander­gesetzt. (tipp)

Erstellt: 23.03.2016, 14:28 Uhr

Doris Dörrie*

Grüsse aus Fukushima

Nachdem sie ihre Hochzeit im letzten Moment vermasselt hat, flüchtet Marie (Rosalie Thomass) nach Japan. Dort arbeitet sie als Clown für ein Programm, das Opfern der Fukushima-Katastrophe Lebensfreude zurückgeben soll. Doch Marie zweifelt am Sinn ihrer Aufgabe. Bis sie eine alte Geisha (Kaori Momoi) trifft, die versucht, im Alleingang ihr zerstörtes Haus wieder aufzubauen. Marie bietet sich ihr als Hilfskraft an. Doris Dörrie zeigt die deutsch-japanische Annäherung anhand zweier Frauen, die sich den Gespenstern ihrer Vergangenheit stellen müssen. Neben den märchenhaften Elementen begeistern vor allem die Zusammenstösse der beiden eigenwilligen Heldinnen, aber auch die faszinierenden Einblicke in den japanischen Alltag jenseits der Klischees. (ggs)

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