Klopfende Herzen vor Urnenabstimmung

Michael Gutscher und Monika Bühler wollen in der Villa am Aabach «Kunst-Service» bieten. Ob sie mit der Arbeit beginnen können, entscheidet Uster am 28. September an der Urne.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Gelbrote Umzugskartons stehen im Wohnzimmer. Die Katze Mulan sucht einen Weg nach draussen, scharrt an der Eingangstür - sie traut sich noch nicht auf die Katzenleiter. Die Küche ist gleichzeitig das Badezimmer. Vis-à-vis von der Spüle steht die Dusche. Das Pendant zum Herd ist das Waschbecken mit den Zahnbürsten. Die Toilette befindet sich einen Stock tiefer. Erst seit ein paar Wochen wohnen sie hier an der Neuwiesenstrasse: Monika Bühler und Michael Gutscher, Gewinner des Konzept-Wettbewerbs für die Villa am Aabach.

Mit seinem Vorschlag hatte das Paar, das seit drei Jahren in Uster wohnt, die siebenköpfige Jury überzeugt. Es erhielt einen Mietvertrag für die Wohnung in der Villa, begann die erste Ausstellung zu organisieren, kündigte die alte Wohnung und die Jobs. Doch dann ergriff die SVP das Behördenreferendum gegen den vom Stadtparlament bewilligten Villa-Kredit von jährlich 300'000 Franken. Das wirkte wie eine Vollbremsung. Nun muss der Stadtrat den Entscheid des Volkes abwarten. Für Michael Gutscher hiess das: Schnell wieder zurück in den alten Job, rasch musste eine andere Wohnung her. «Wir hoffen, dass wir die Kartons gar nicht erst fertig auspacken müssen», meint Monika Bühler. Wir sitzen an einem Holztisch im Wohnzimmer und reden: Über Usters Arbeitsplätze, über Usters Entwicklungschancen, über die Lebensqualität in Uster, über das schöne Licht in Uster, über ein Kunstmuseum für Uster, über die Katze Mulan, die sich neu zurechtfinden muss. Gefunden wurde sie über ein Inserat. Bühler: «Da stand:‹Rot gepunktetes Einzelkind zu vergeben›. Ich musste sie einfach zu uns holen.»

Nächtelang am Konzept gearbeitet

Monika Bühler ist das älteste von sechs Geschwistern. Sie lächelt, wenn sie von früher redet. Von der grossen chaotischen und jungen Familie, in der sie aufgewachsen ist. Musizieren, spontanes Singen und Verantwortung übernehmen, das prägte sie. Auch heute singt sie regelmässig, nimmt Gesangsstunden. Auch heute fördert sie noch ihre Geschwister. «Ich ermutige Menschen, ihr ganzes Potenzial zu leben.» So wie ihren Bruder, der als Fussballprofi versucht, seinen Weg zu machen.

Wenn Monika Bühler redet, ruhen ihre Augen auf dem Gegenüber, sie erzählt fliessend, ihre Hände liegen auf dem Tisch, ihr Rücken berührt die Stuhllehne, sie hört zu, lässt zu Wort kommen und fragt nach, wenn sie Präzision wünscht. Ihr Lebenspartner Michael Gutscher sitzt gross und schlank auf seinem Stuhl. Seine Stimme wechselt die Tonhöhe, wenn er von der Villa spricht. Die Hände kommen in Fahrt. Nächtelang habe er am künstlerischen Konzept gearbeitet. Monika habe die Ausschreibung der Stadt gesehen, und bei ihm habe es sofort «Klick» gemacht. Da war es - sein Thema!

In den nächsten sechs Wochen hingen überall an den Wänden gelbe Zettel mit Konzeptideen. «Nächtelang habe ich an dem Konzept gearbeitet. Wir haben uns gefragt: Was braucht Uster? Was für eine Stadt ist Uster? Wie wird sie sich entwickeln?» So weit er sich zurückerinnern kann, hat er sich für die Wechselwirkung von Kunst und Gesellschaft interessiert. Kunst könne so viel, lacht er. «Mir klopft das Herz», sagt er und meint damit, dass Kunst eine Position beziehen kann zur Welt. «Viele Menschen werden in Ausstellungen allein gelassen. Laufen durch Räume und fragen sich: Was hat das mit mir zu tun? Eine gelungene Ausstellung», so Michael Gutscher, «bezieht Stellung, ist mutig, bietet eine Sicht an.» Dieser Blick auf die Welt müsse nicht angenommen werden, doch die angebotenen Widerhaken weckten das Denken, eröffneten neue Denkräume. «Ich bin sensibel, mich bewegt die Welt», stellt der Sohn eines Professors, mit Studium und Handwerkslehre, fest. In New York arbeitete er als Dekorationsmaler.Zurzeit ist er wieder in seinen bereits gekündigten Job tätig und renoviert alte Kirchen.

Uster mit der Welt verbinden

Während des Gesprächs sagt Monika Bühler: «Es ist interessant zu hören, was Michael meint, wenn eine dritte Person dabei ist.» Michael Gutscher lässt seine Lebenspartnerin ausreden, schaut sie an, formuliert im Anschluss seine Gedanken. Der Dialog erinnert an eine Ping-Pong-Partie, bei dem beide daran interessiert sind, den Ball im Spiel zu halten. Sie arbeiten zusammen, und doch hat jeder seinen eigenen Bereich. Monika Bühler studierte Philosophie und Dienstleistungsmanagement und ist beim Villa-Konzept eher für den betriebswirtschaftlichen Teil verantwortlich, Michael Gutscher eher für den künstlerischen. Zu ihrem Konzept «Kunst-Service» verrät Michael Gutscher so viel: «Das neue Konzept ist zugänglich. In dem Sinne, dass jeder mitdenken soll und darf. Wir öffnen die Villa. Wir aktivieren Usters Schnittstellen von Gewerbe und Handwerk, von hier ansässigen Kunstschaffenden - und verbinden sie mit den Themen der Welt.»

Drei Fragen leiten das Paar: Woher komme ich? Wer bin ich? Und wohin gehe ich? Drei Fragen, die alle Menschen sich immer wieder mal stellen. Die Energie, die Bühler und Gutscher ausstrahlen, ist die von modernen fragenden Menschen. Sie versuchen etwas zu gestalten und haben etwas zu verschenken. Sie wollen beitragen zu einem lebendigen Uster und zeigen, dass Denken durchaus Spass machen kann. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.08.2008, 07:00 Uhr

Blogs

Mamablog Papa rettet das Klima

Never Mind the Markets Nullzinsen trotz Boom

Die Welt in Bildern

Es herbstelt: Sonnenaufgang im Morgennebel bei Müllrose, Ostdeutschland (19. September 2017).
(Bild: Patrick Pleu) Mehr...