Latein muss sein!

Viele wollen den Lateinunterricht am Gymnasium abschaffen. Dabei ist er ein Gewinn.

«Das Leben des Brian»: Der Lateinschüler verlässt die Nachhilfestunde an der Mauer. Foto: Alamy

«Das Leben des Brian»: Der Lateinschüler verlässt die Nachhilfestunde an der Mauer. Foto: Alamy

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«Romanes eunt domus» schmiert der Titelheld in der Monty-Python-Komödie «Das Leben des Brian» an die Palastmauer des Pilatus – und wird dabei prompt von einem römischen Militär erwischt. Der zwingt ihn, die Aufforderung «Römer, geht heim!» hundertfach in korrektem Latein an die Wand zu pinseln: «Romani ite domum.»

Und eigentlich lohnen sich ein, zwei Jahre Lateinunterricht nur schon, um diese superwitzige Szene des Kultfilms zur Gänze auskosten zu können, samt den Belehrungen des Soldaten zu Singular und Plural, Indikativ und Imperativ, Nominativ und Lokativ.

Aber hierzulande wird seit Jahren «Romanes eunt domus» geschrien beziehungsweise «Weg mit dem Latein!», jüngst auch wieder in dieser Zeitung. Gern konzediere ich: Das Lateinobligatorium für etliche Studienfächer an der Universität Zürich war ein alter Zopf. Allerdings: Der wurde ja abgeschnitten. Und geht man ans Kurzzeitgymnasium oder will die Fach- oder Berufsmaturität erlangen, muss man ebenfalls kein Sekündchen Lateinunterricht besucht haben. Als Stein des Anstosses bleibt also bloss das obligatorische Latein während der ersten beiden Jahre am Langzeitgymnasium.

Latein ist ein Hortus amoenus, ein lieblicher Garten.

Dass Reformbedarf besteht, hat sich herumgesprochen. Wenn hier über die unterirdische Maturitätsquote von knapp 20 Prozent oder die «scheinheilige» Behauptung der Durchlässigkeit unseres Schulsystems geklagt wurde, ist das durchaus nachvollziehbar.

Diese Missstände haben aber rein gar nichts mit dem wunderbaren Fach Latein zu tun. Latein sei ein «Selektionstool» im elitären Hauen und Stechen am Langzeitgymi, hiess es. Da sag ich nur: Errare humanum est. Tatsächlich führt in der Schweiz bei den Gymnasiastinnen die Mathematik die Liste der «Ungenügend»-Fächer an, gefolgt von Physik; bei den Gymnasiasten ist es die zweite Landessprache, gefolgt von – Mathe. Und 40 Prozent der Maturanden holen sich bei der Maturprüfung in Mathe ein «Ungenügend». Latein ist dagegen geradezu ein Hortus amoenus, ein lieblicher Garten.

Alle starten bei Punkt null

Klar muss man arbeiten, um ihn in Ordnung zu halten. Aber für viele Kinder – wenn auch nicht für alle – ist das eine Lust! So bezaubert das Fach die Fantasyfans: Jede «Percy Jackson»-Jüngerin stürzt sich enthusiasmiert in die Götter- und Heroenwelt und ins Antiken-«Feeling», das guten Lateinunterricht heute oft belebt und beliebt macht. Zudem hütet just Latein das Ideal der Chancengerechtigkeit: weil alle bei Punkt null starten.

Und nirgends sonst wird ein derart reicher Mix quasi im lockeren Nebenbei serviert: Geschichte, Ethik und Staatskunde; grammatikalische Grundlagen, die für alle Sprachen die Augen öffnen, sogar für die Muttersprache; rhetorische Kniffe, die immer noch funktionieren; und nicht zuletzt unvergess­liche Sprüche, mit denen man später die eigenen Kinder nerven wird, wie «Quod licet Iovi non licet bovi» – frei übersetzt: Was Mama darf, darfst du noch lang nicht.

Das Ding ist nicht nur machbar, sondern ein Gewinn.

Der Lernaufwand ist dabei zwar nicht klein, hält sich aber im Rahmen. «Übersichtlich» ist das Wort für die Kenntnisse, die man sich in den ersten zwei Lateinjahren aneignen muss. «Labor omnia vincit», die Arbeit besiegt alles? «Per aspera ad astra», durchs Raue zu den Sternen? Diese schweissnassen Sentenzen über den Wert der Mühsal passen viel besser zu obgenannten Rausschmeisserfächern – Selektionstools! – als zum ästhetischen Latein.

Kurz, das Ding ist nicht nur machbar, sondern ein Gewinn: ein Raum, in dem der Geist fliegen kann. Latein bietet gesunde Zweckfreiheit, die manch arbeitsmarktorientierter Disziplin fehlt. Und das Obligatorium gibt den Schülern überhaupt erst die Chance, dies zu entdecken. In Zürich entpuppt sich das Zwangslatein für gar nicht wenige als unerwarteter Rettungsanker und als eins jener paar Fächer, wo Schule – ja! – Humanismus atmet. Menschlichkeit.

Sicher gibts in anderen Ländern kein Zwangslatein. Aber eben auch keine Zwangsnaturwissenschaften, die nicht abgewählt werden dürfen, wenn die Kennenlernphase längst vorbei ist und keineswegs rosig verlief. Ahnen Sie was? Genau, am Ende gilt: De gustibus non est disputandum, und – erraten! – ich selbst war in den 1980ern eine glückliche Lateinerin. Meine drei Grossen wählten am Gymi alle das altsprachliche Profil, und jüngst krähte mein 6-Jähriger beim Frühstück: «Maa, ich will Latein lernen!»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.03.2018, 17:00 Uhr

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