Lebensgefährlicher Ritt auf S-Bahn

Zugsurfer riskieren Kopf und Kragen, wenn sie auf dem Heck von Zugwaggons mitfahren. Frank aus dem Kanton Zürich gab sein gefährliches Hobby auf, nachdem er von der Bahnpolizei erwischt wurde.

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Wieso der Erlenbacher Frank* vor einigen Jahren hinten auf eine S-Bahn kletterte, weiss er heute nicht mehr so genau. Er war damals 16, und es war kurz vor vier Uhr morgens, nach einer langen Nacht in der Stadt. Doch an den ersten Ritt erinnert er sich noch, als ob es gestern gewesen wäre.

Gemeinsam mit einem älteren Freund will Frank im Nachtzug nach Hause. Der Kollege schlägt ihm vor, zu «surfen», also auf die Puffer des Waggons zu steigen und auf dem Heck mitzufahren. Nach einigem Zögern ist Frank dabei. Die jungen Männer verstecken sich hinter den Lärmschutzwänden einer Baustelle beim Bahnhof Tiefenbrunnen. Kurz darauf fährt die SN 7 ein. Geduckt hasten die beiden an den Triebwagen heran und springen auf die Puffer des Doppelstöckers. Auf der schmalen Fläche haben kaum zwei Füsse Platz. Mit den Händen klammern sie sich an einem Griff unter der Windschutzscheibe fest und warten. Dann setzt sich der Zug in Bewegung, beschleunigt immer stärker, bis die Laternen im Sekundentakt vorbeihuschen.

«Das war ein Gefühl, das ich nicht vergessen werde», erzählt Frank. Im Windschatten nehme man nur ein Zischeln wahr. Sonst sei es ruhig und fast windstill - «wir rauchten sogar Zigaretten».

Sie waren sich der Gefahr bewusst

Nach diesem Abend gelangten Frank und seine Freunde jedes Wochenende auf diese Weise nach Hause, immer mindestens zu zweit, manchmal sogar zu dritt. «So konnten wir uns auch die fünf Franken für den lästigen Nachtzuschlag sparen.» Dass sie dabei ihr Leben riskierten, sei ihnen bewusst gewesen, sagt Frank. Doch das Bewusstsein für die Gefahr war nicht ungetrübt. Oft seien sie alkoholisiert und bekifft auf den Zug gestiegen.

Zugsurfen ist ein Phänomen, das in der Öffentlichkeit erst durch das Videoportal Youtube so richtig bekannt wurde. Dort zeigen sich in den Internet-Filmchen junge Menschen, wie sie - nur von Saugnäpfen gehalten - bei voller Fahrt am Heck von Hochgeschwindigkeitszügen kleben. In der Schweiz seien zum Glück nur wenige solcher Fälle bekannt, sagt SBB-Mediensprecherin Michèle Bamert. Seit Jahren investieren die SBB mit dem Programm RailFair und dem Schul-Zug in die Prävention, um Jugendliche für die Gefahren im Umgang mit der Eisenbahn zu sensibilisieren.

Für Frank wurde es nach zwei Jahren zum ersten Mal eng: Er war sich das Zugsurfen gewohnt und wurde unvorsichtig. Mitten im Bahnhof Stadelhofen stieg er - wieder mit einem Freund - auf den Nachtzug nach Winterthur. «Aus Jux machten wir die Leute auf dem Perron auf uns aufmerksam.» Dann fuhr der Zug durch den Adlisberg-Tunnel: «Es war warm und praktisch still.» Nachdem der Zug den Bahnhof Stettbach passiert und den Tunnel verlassen hatte, verlangsamte er plötzlich und blieb auf offener Strecke stehen. Die Türen am vorderen Teil des Triebwagens öffneten sich, Bahnpolizisten stürmten zum Zugende. Die Surfer hatten jedoch bereits die Flucht ergriffen. «Jemand muss uns gemeldet haben», vermutet Frank.

Wenige Zeit später wurde Frank und einer seiner Kollegen erwischt. Wieder einmal waren die beiden nach durchzechter Nacht auf dem Heimweg, natürlich nicht auf einem Sitzplatz im Wagen. Plötzlich erkannte der Kollege durch die Scheibe einen SBB-Angestellten, der scheinbar im Führerstand döste. Trotzdem stiegen die Surfer im nächsten Bahnhof nicht vom Zug. Wahrscheinlich informierte der Kontrolleur die Bahnpolizei, denn diese wartete bereits im Bahnhof Küsnacht. Die beiden wurden in Empfang genommen und nach Hause gebracht. Seither ist Frank nie mehr auf dem Zug gesurft.

Hohe Bussen drohen

Wird man beim Zugsurfen erwischt, müsse man mit einer Strafe von mindestens 500 Franken rechnen, sagt der stellvertretende Zürcher Statthalter Hansjost Zemp. Es seien aber schon deutlich höhere Strafen ausgesprochen worden. In jüngster Zeit habe es wiederholt Fälle von Zugsurfern gegeben. Frank hat insofern Glück gehabt, dass er von der Polizei nie mehr etwas gehört hat. Inzwischen hat er ein Abo für den Nachtzuschlag.

* Name wurde geändert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.08.2008, 07:10 Uhr

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