Lieber gewinnen als nicht verlieren

Als Trainer liebte Daniel Jeandupeux den Sieg nicht so sehr, dass er deswegen den Gegner um jeden Preis am Spielen gehindert hätte.

Daniel Jeandupeux wurde als Spieler und Trainer mit dem FCZ Meister. Von 1986 bis 1989 war er Schweizer Nationalcoach.

Daniel Jeandupeux wurde als Spieler und Trainer mit dem FCZ Meister. Von 1986 bis 1989 war er Schweizer Nationalcoach.

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Ich zog es vor, mich mit den Qualitäten meiner Gruppe zu beschäftigen, statt mich auf jene des Gegners zu konzentrieren. Wenn ich meine Mannschaft zusammenstellte, ging ich davon aus, dass wir den Anstoss gewinnen würden, damit in der Offensive wären und den Ball besässen. Mit dem man sauber und intelligent umgehen musste, um den Gegner in Schwierigkeiten zu bringen. Mit dem Willen, am Resultat etwas zu verändern und zu gewinnen. Das dann doch…

Ich hasste es so sehr zu verlieren, dass ich in Bezug auf meine kreativen Vorstellungen zu einigen Konzessionen bereit sein musste. Auch ich hörte oft auf die klare Botschaft der Niederlage. Heute glaube ich, dass die Mehrheit der Nationaltrainer meine Spielphilosophie teilt; dass deshalb die Spiele offener geworden sind, mit zwei Mannschaften, die lieber gewinnen wollen, statt nicht zu verlieren. Bevor ich mich an die Analyse wage, möchte ich noch mein Lieblingsspiel er­wähnen, ein 5:4-Sieg von Caen im französischen Cup gegen Lens, mit Umstürzen im Spielstand und einem entsprechenden Wechselbad der Emotionen.

Ich liebte das Spiel Holland - Australien (3:2), weil es so lange nach Über­raschung roch. Ich freute mich über Holland - Spanien (5:1), weil es das Ende des Ballbesitzes als einzige Masseinheit besiegelte. Ich erwärmte mich für Deutschland - Ghana (2:2) wegen der ständigen Angriffe, die nach der Pause in beide Richtungen gingen. Mir gefiel Brasilien - Kamerun (4:1) mit dem schwungvollen, von jedem Kalkül befreiten Wahnsinn der Gelb-Weissen. Ich schwärmte für Susics Bosnien-Herze­gowina, für Hodgsons England, Lamouchis Elfenbeinküste (mit ­meinem kleinen Gervinho, den ich einst nach Le Mans geholt habe).

Farbig und lebendig

Ich liebte auch andere Mannschaften, und ich hätte Ihnen gerne von Algerien - Südkorea (4:2) erzählt, wenn ich zu dieser Zeit nicht mit meinen beiden Söhnen Morgan und Emeric in Inhotim gewesen wäre, dem Zentrum für Gegen­warts­kunst. Diese liegt rund 100 Kilometer von Ouro Preto entfernt, wo ich diese Zeilen schreibe. Es ist das grösste ökologische Kunstmuseum dieser Welt. Ein Guggenheim-Museum inmitten von Tausenden tropischen Bäumen. Es gibt nicht nur Fussball im Leben…

Wir erleben eine Weltmeisterschaft, die oft begeistert, farbig und lebendig ist. Dafür gibt es mehrere Gründe.

► Spanien, das Symbol für den Ball­besitz-Fussball, gewinnt nicht mehr in jedem Fall. Doch die Spanier haben das schönste Spiel der Welt so stark beeinflusst, dass viele Trainer dieser Tendenz gefolgt sind, mit dem Vorteil, dass sich damit die Technik ver­besserte. Trotz der Rückkehr zu einem Bewegungsfussball dient diese Entwicklung der Qualität des Spektakels. Die Rückkehr der Sturmläufe und des Raumgewinns bestraft die reinen Techniker, die sich selbstlos dagegen wehren, die Annäherung an das Tor zu suchen, sie öffnet aber auch Lücken in schlecht organisierten Verteidigungen.

► Eine Beobachtung kann helfen, die beste Torausbeute zu erklären, seit 24 oder mehr Teams bei der WM zugelassen sind – ein Wert von drei Toren pro Spiel, der sich mit Beginn der Achtelfinals allerdings verschlechtern könnte. Betrachtet man die Trainer durch den Filter ihrer Karriere, so findet man nur wenige, die sich dem rein defensiven Gehorsam verschrieben haben. Nur noch Capello (Russland), Queiroz (Iran) Halilhodzic (Algerien) sind Anhänger einer eisernen Disziplin und der Unerbittlichkeit bei der Verteidigung des eigenen Tores, doch vielleicht müssen die beiden Erstgenannten ihr Spiel öffnen, um sich noch für die Achtel­finals zu qualifizieren.

► Die Hitze und die oft erdrückende Luftfeuchtigkeit im Norden wirkt sich auch auf die Genauigkeit der Zuspiele und die Schnelligkeit des Zurück­laufens aus. Kraftakte hinterlassen mehr Spuren als üblich und werden im Lauf des Spiels immer schwieriger. Die Unvollkommenheit, mit der die vorgegebene Taktik noch interpretiert werden kann, gibt dem Spiel mehr Luft, mehr Raum, neue Impulse und einen anderen Rhythmus.

► Allerdings scheint der Ball dieser WM be­rechen­barer zu sein als einige seiner Vorgänger. Seine Flugbahn ist sauber, vorhersehbar. Doch er hat noch nicht alle seine Geheimnisse preisgegeben. Er hat weniger Drall, sodass er sich weniger rasch senkt und bei Weit­schüssen weniger überrascht.

Ich bin überzeugt, dass einige der talentiertesten Spieler die Geheimnisse der neuen Kugel noch vor Ende der WM entdecken werden. Damit wir noch öfter schreien können: «Goooooooooooool!»

Erstellt: 25.06.2014, 07:27 Uhr

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