Logistikzentrum Hinwil läuft am Limit

36'000 Überstunden haben die Angestellten des Armee-Logistikzentrums Hinwil in den letzten 18 Monaten geleistet. Jetzt helfen ihnen Soldaten.

Das Logistikzentrum Hinwil in einer Luftaufnahme: 10'000 Fahrzeuge werden hier pro Jahr repariert.

Das Logistikzentrum Hinwil in einer Luftaufnahme: 10'000 Fahrzeuge werden hier pro Jahr repariert. Bild: Luftwaffe

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Ohne funktionierende Logistik lässt sich kein Krieg gewinnen. Wäre die Schweizer Armee in den letzten Monaten einem realen Feind gegenübergestanden, hätte sie sich selber lahmgelegt. Denn die Armee hat nur schon Mühe, Fahrzeuge für Rekrutenschule und Wiederholungskurs bereit zu stellen. In Hinwil wäre es im letzten Herbst wegen des politisch beschlossenen finanziellen und personellen Abbaus beinahe zu einem Grounding gekommen. Das sagte der Instandhaltungschef des Zentrums, Felix Gebert, gestern am Rande eines Anlasses für 150 Führungskräfte aus Armee, Wirtschaft und Politik. Der Grund für das Beinahe-Grounding: Drei Panzerbataillone hätten – verursacht durch eine schlechte Planung – gleichzeitig ausgerüstet werden sollen. Ein Ding der Unmöglichkeit. Der Vorfall soll zu Werner Bläuensteins Abgang als Logistik-Chef beigetragen haben, wird gemunkelt.

Das Logistikzentrum Hinwil deckt mit seinen zwölf Aussenstationen die Versorgung in neun Ostschweizer Kantonen ab. Über ein Drittel aller Wiederholungskurse basiert auf Dienstleistungen, die hier erbracht werden. Pro Jahr erhalten 22'000 Soldaten ihre persönliche Ausrüstung in Hinwil, 10'000 Fahrzeuge werden repariert. Pro Tag werden 180 Paletten Material transportiert. Gleichzeitig sind im Logistikzentrum Hinwil in den letzten drei Jahren rund 160 Leute entlassen worden. Ihre Anzahl ist von 500 im Jahr 2005 auf aktuell 340 gesunken – bei gleichbleibenden Arbeitsbelastung.

Um den Betrieb am Laufen zu halten, haben die 340 Angestellten des Logistikzentrums Hinwil in den letzten 18 Monaten 36'000 Überstunden leisten müssen. «Manche Mitarbeiter kommen auf 400 bis 500 Überstunden», sagt Zentrumschef André Frei. Ausbezahlt werden kann ihnen vermutlich nur ein Drittel davon. Was mit den restlichen Stunden geschieht, ist noch offen.

Angestellte sind verunsichert

Die Angestellten mit einem Durchschnittsalter von 51 Jahren leiden aber nicht nur unter der hohen Arbeitsbelastung. Grossen Sorgen macht ihnen auch die unsichere Zukunft. Nach dem Abbau der letzten drei Jahre sind weitere Entlassungen angekündigt, um das Armeebudget einzuhalten. Kommt hinzu, dass die Militärtechnik rasante Fortschritte macht. Ein Panzermechaniker, der 20 Jahre lang auf seinem Spezialgebiet gearbeitet hat, kann mit dieser Entwicklung nicht Schritt halten, wie Zentrumschef Frei sagte. Auf dem normalen Arbeitsmarkt habe er kaum Chancen. Und sollten tatsächlich vermehrt Aufträge an Private vergeben werden, könnten auch nicht mehr gleich viele Lehrlinge ausgebildet werden. Aktuell sind es rund zehn pro Jahrgang.

Obwohl sich die Lage langsam bessert, laufen die Angestellten, von denen rund 150 vor Ort arbeiten, immer noch am Limit. Die letzten beiden Wochenenden waren für sie Arbeitstage, da vier Bataillone ihren Dienst antraten. Entspannt hat sich die Lage einzig, weil neuerdings Truppenmechaniker direkt vor Ort eingesetzt werden. Anstatt den WK zusammen mit ihren Kameraden zu verbringen, beheben sie Defekte und Störungen an Truppenfahrzeugen in Hinwil. Im Juli beispielsweise entschied sich der Kommandant des Aufklärungsbataillons 7, 50 Truppen- und Gerätehandwerker nach Hinwil zu schicken. Denn die Aufklärungsfahrzeuge und Panzerjäger für seinen Kadervorkurs und Wiederholungskurs standen nicht bereit.

Insgesamt haben die Soldaten bis heute 20'000 Arbeitsstunden geleistet – unter schwierigen Bedingungen. Der Grund ist die Infrastruktur aus den 1950er-Jahren. Vor einigen Wochen deckte eine Windhose ein asbesthaltiges Hallendach ab, die Hallen sind nicht beheizt. 45 Millionen Franken müssten National- und Ständerat bewilligen, um das Logistikzentrum Hinwil auf einen modernen Stand zu bringen.

Erst nach Abbau an Zukunft gedacht

Abhilfe schaffen soll nebst dem Einsatz der zeitweise bis zu 100 Truppenmechaniker ein neues Informatiksystem namens Logistik@V. Heute beruht das System in Hinwil vorwiegend auf viel Papier und dem Gedächtnis der einzelnen Mitarbeiter. Neu soll alles elektronisch organisiert werden. Divisionär Roland Favre, seit dem 1. Juni neuer Chef der Logistik, ist zuversichtlich, dass diese Kombination die dringend nötige Entlastung bringen wird. Von einer Krise der Logistik will er jedoch nicht sprechen. Die Schwierigkeiten rührten daher, dass zuerst abgebaut, und erst danach an den Aufbau eines neuen Systems gedacht worden sei. Zudem seien die Diensttage entgegen ursprünglicher Annahmen gleich hoch geblieben wie vor Armee 21. «Wir haben keine flächendeckende Ausrüstung mehr, das Material wird intensiver genutzt.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.09.2008, 22:28 Uhr

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