Miltanten und Minionkel

Der kleine Juan wächst zur Zeit der Militärdiktatur in Argentinien auf - mit Guerillas als Eltern.

Juan führt ein Leben im Verborgenen.

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Die stärkste Szene im ersten Spielfilm des Argentiniers Benjamín Ávila handelt von einem Kindergeburtstag: Im Klassenzimmer singen die Schüler «Happy Birthday». Die Kamera fährt die Bänke entlang und landet bei Juan, der fröhlich mitträllert – bis ihm wie Schuppen von den Augen fällt, dass da ja zu seinen Ehren gesungen wird.

Warum zum Teufel vergisst ein 12-Jähriger seinen Geburtstag? Ganz einfach: Juan (Teo Gutiérrez Romero) lebt unter falschem Namen und Geburtsdatum in Argentinien. Juans Eltern sind 1979 aus dem Exil nach Buenos Aires zurückgekehrt, um in der Montoneros-Guerilla gegen die Militärjunta zu kämpfen. Diese verfolgt seit dem Coup von 1976 brutal die Dissidenten im Land. Zur Sicherheit heisst Juan also Ernesto. Er muss mit Akzent sprechen, während seine Eltern all ihre Besucher fragen, ob ihnen jemand gefolgt sei. Der Alltag von Widerstandskämpfern im Untergrund ist einer sonnigen Kindheit nicht gerade förderlich. Im Versteck hocken die Rebellen eng aufeinander: Juan-Ernesto wird Zeuge heissblütiger Streitereien, erfährt aber auch viel Zuneigung.

In solchen Szenen kippt das Coming-of-Age-Drama gern mal ins Seifenopernhafte. Auch die Darstellung von Juan / Ernestos zarter erster Liebe in der Schule wirkt ungelenk. Dafür strahlt der aus der Kinderperspektive erzählte Film eine fiebrige Dringlichkeit aus, weil Regisseur Ávila aus der eigenen Biografie schöpft. So bekommt die Rückblende in eine Kindheit im Ausnahmezustand das Gewicht des wahrhaftig Erlebten.

Dabei bleibt die Stimmung so impressionistisch wie die Erinnerung selber: Gewaltakte werden mit Comic-Bildern illustriert, süsse Fantasien mit Zeitlupen. Extreme Nahaufnahmen erzeugen ein traumverlorenes Flair – Ávila nennt den Polen Krzysztof Kie?lowski als Vorbild.

Es gelingt ihm in seinem Erstling, intim und mit feurigem Drang von Kinderjahren zu erzählen, die geprägt sind von gefährlichem Rollenspiel und von der Sehnsucht nach Normalität. Aber an die gestalterische Brillanz von Christian Petzolds ähnlich gelagertem RAF-Familiendrama «Die innere Sicherheit» (2000) kommt er nicht ganz heran. (Zueritipp)

Erstellt: 24.04.2013, 13:09 Uhr

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