Müde genug fürs Massenlager

Wandern von Hütte zu Hütte: Für die einen bereits zu viel an Zivilisation, für andere ein Abenteuer. Wer ein paar Tage Zeit hat, solls einfach mal versuchen. Zum Beispiel vom Maderanertal ins Vorderrheintal.

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Wanderschuhe brauchts, einen Rucksack, Regenschutz, warme und trockene Kleider und Wegproviant. Gute Karten und etwas Geld in die Tasche, und los gehts. So jedenfalls sieht der Starttag aus. Doch wer sicher sein will, im Massenlager eine freie Matratze zu finden, ist gut beraten, sich den Schlafplatz im Voraus zu reservieren. Denn in der kurzen Bergsaison könnte die eine oder andere Hütte ausgebucht sein.

Die Türe der Seilbahn Bristen–Golzern geht auf, die Schuhe sind fest gebunden, und der Rucksack drückt bereits leicht. Die Strecke des ersten Tages ist nur zum Einlaufen: Gemütlicher Aufstieg, in gut zwei Stunden zur Windgällenhütte, Höhendifferenz etwas über 600 Meter. Weil Bristen im Maderanertal nicht gerade vor der Türe liegt, braucht die Anfahrt Zeit. Per Bahn, Postauto und Seilbahn endlich in Golzern angekommen, ist es bereits Anfang Nachmittag. Die Sonne scheint, und der unterhalb des Wanderweges liegende Golzernsee leuchtet blaugrün, die Bäume spiegeln sich im Wasser. Familien mit Kindern sind unterwegs, sie haben das gleiche Ziel. Denn die Windgällenhütte ist für Kinder ideal gelegen. Kein gefährlicher Abgrund rundherum.

Frühe Bettruhe

Der erste Abend ohne Fernsehen. «Von wo kommt ihr, und wohin geht ihr?», das sind die Fragen, um die sich die Gespräche drehen. Einige spielen, andere lesen in den aufliegenden alpinistischen Magazinen. Nach dem ersten Tag und dem kurzen Aufstieg ist die Müdigkeit noch nicht so gross. Darum fällt die verordnete Bettruhe um 22 Uhr schwer. Wer im Alltag meist erst nach Mitternacht schläft, braucht eine gewisse Umstellungszeit. Im Massenlager liegend heisst es: auf den Schlaf warten und hoffen, dass er vorbeikommt, bevor der erste Schnarcher tätig wird.

Der Morgen danach: Ein Blick aus dem Fenster dämpft den Tatendrang: Es regnet. Die Hüfihütte, ganz zuhinterst im Maderanertal, ist das Ziel des zweiten Tages. Sie liegt mit gut 2300 Metern etwas höher als die «Windgällen» und hat darum sicher in dieser Nacht Schnee gesehen. Da wird klar, warum Mütze und Handschuhe in jeden Rucksack gehören. An diesem Tag ist beides nötig.

Runter und wieder hoch

Der schön angelegte Bergweg führt langsam absteigend immer weiter ins Tal hinein. Nach der Querung des Chärstelenbachs beginnt der Aufstieg (rund 900 Höhenmeter) zur Hüfihütte, die eigentlich von weit her zu sehen sein sollte. Doch an diesem Tag ist gar nichts zu sehen. Es regnet, es schneit, und es bläst ein eiskalter Wind. So schnell wie möglich wieder an die Wärme, ist darum die Losung. Stehend essen und trinken, damit der Hungerast nicht zuschlägt, und weiter. Um 14 Uhr ist die Hüttentür in Sicht. Es ist Juli und doch so kalt, dass in der Stube ein paar Berggänger hocken, die an diesem Tag noch keinen Fuss vor die Türe gestellt haben. Nicht viel gesehen, nasse Füsse, aber das Ziel erreicht: Das ist das Fazit dieses Tages. Doch die körperliche Verfassung passt bereits besser zur bevorstehenden Nacht im Massenlager und zur Bettruhe um 22 Uhr.

Es wird schwieriger

Es reisst auf, und es macht wieder zu. Wolken jagen sich über dem Maderanertal. Einmal ist der Talgrund zu sehen, Minuten später ist wieder dichter Nebel rundherum. Die ersten Bergsteiger sind trotzdem bereits seit langem unterwegs auf ihren Gipfeltouren. Auf dem gleichen Weg gehts für die Wanderer zurück. Aber nicht sehr weit, dann beginnt der Schafweg, von dem der Hüfi-Hüttenwart sagte: «Schwierig ist er nicht, aber man muss schon ‹chönne abe luege›.» Und so ist es. Bald heisst es, auf einem schmalen Grasstreifen zu gehen, steil durchs Geröll und über Felsen zu klettern. Meist ist ein Drahtseil vorhanden, das lose hinunterhängt. Festhalten, ja nicht runterschauen, und immer vorwärts. Oben angekommen, ist die Aussicht über das Tal gewaltig – und die Sonne scheint. Bei der Hinterbalmhütte winkt ein frischer hausgemachter Nussgipfel. Dann folgen der landschaftlich schönste Wegabschnitt des Tages: Der Weg durch das Brunnital, über weite Hochebenen und durch enge Talsperren. Nach einigen Kletterpartien über Felsbänder ist der Brunnifirn zuhinterst im Tal ganz nahe und imposant. Nach diesem Aufstieg über gut 800 Höhenmeter ist mit der Cavardirashütte der höchste Punkt dieser Tour erreicht und die Müdigkeit so gross, dass die persönliche Nachtruhe bereits um 21.30 Uhr Tatsache ist ist. Noch bei Tageslicht und freiwillig. Und dann gehts zu Tal. Durch das Val Cavardiras ins Val Russein und zusammen mit dem rauschenden Bach ins Vorderrheintal. In Sumvitg stünde die Rhätische Bahn bereit. Doch wer noch Proviant im Rucksack und Geld in der Tasche hat, geht weiter über die Greina ins Tessin... (Berner Zeitung)

Erstellt: 22.08.2008, 12:20 Uhr

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