Nach 260 Jahren ist Schluss

Das Ehepaar Walder gibt im kommenden Jahr das Sigristenamt ab. Dies, nachdem das Geschick der Bäretswiler Kirche acht Generationen lang in der Hand der Familie war.

Regula und Hansueli Walder vor «ihrer» Kirche.

Regula und Hansueli Walder vor «ihrer» Kirche.

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Für viele Kirchgänger ist es selbstverständlich, dass frühmorgens am Sonntag die Kerzen in der Kirche brennen, der Taufstein mit Blumen geschmückt und der Boden stets sauber ist. Es sind aber keine fleissigen Heinzelmännchen, welche diese Aufgaben erfüllen. Hinter alledem steckt seit Jahrhunderten das Amt des Sigristen.

Seit 1749 heisst der Bäretswiler Sigrist: Walder. Der Dienst blieb 260 Jahre lang in derselben Familie und wurde vom Vater jeweils zum Sohn weitergegeben. Auch Hansueli Walder, der 35 Jahre lang das Amt ausübte, übernahm die Aufgaben von seinem Vater. 2010 soll sein letztes Jahr als «Chilehüeter» gewesen sein. Anlässlich seiner Pensionierung macht sich der gebürtige Bäretswiler viele Gedanken zur Familiengeschichte. Vieles hat sich in den letzten zweieinhalb Jahrhunderten verändert. Vor zwei Generationen nur war der Sigrist zusätzlich noch Totengräber und Gärtner. Heute hingegen muss sich der Kirchenhüter mit Beamer und Laptop herumschlagen.

Schneeschleuder ersetzte Kuh

«Vieles ist einfacher geworden», sagt Hansueli Walder. Die Kirchenuhr etwa, die früher für die Bevölkerung die einzige Zeitmessung war und vom Sigristen stets genauestens kontrolliert werden musste, wurde digitalisiert. Sie stellt auch automatisch um von Sommer- auf Winterzeit. Hansueli Walder erinnert sich daran, wie sein Grossvater mit seiner Kuh den Schnee um die Kirche herum pflügte. «Er hatte kein Geld für ein Pferd», sagt er. Sein Vater konnte sich eines leisten. «Als kleiner Junge sass ich gerne hoch oben neben meinem Vater auf dem Schneepflug», sagt er. «Das zusätzliche Gewicht schadete auch nicht.» Heute hat eine Schneeschleuder Pferd und Kuh ersetzt.

Eine grosse Erleichterung sei es gewesen, als die Kirche 1967 renoviert und mit einer Elektroheizung ausgestattet wurde. Bevor Walders Vater starb, und Hansueli das Amt ganz übernahm, wurde mit Kohle geheizt. «Es war immer bitterkalt in der Kirche», sagt er. «Die Bevölkerung sass mit Mänteln und dicken Wollmützen im Gottesdienst.» Für Hansueli und Regula Walder waren es schöne Jahre im Dienst der Kirche. Wenn sie daran denken, dass sie im neuen Jahr zurücktreten, werden sie ein bisschen wehmütig. «Es gab viele besinnliche Momente», sagt Hansueli Walder. «Die Glocken einstellen, damit sie rechtzeitig zur Dämmerung läuten. Die Begegnungen mit Menschen. Die Beerdigungen haben uns stets am meisten berührt.» Diese Ereignisse seien oft seltsamerweise schön und würdevoll gewesen. Es gibt aber auch Sachen, die Hansueli Walder gern seinem Nachfolger weitergibt. Beispielsweise freut er sich, nicht mehr den vielen Schnee um die Kirche herum wegschaufeln zu müssen, trotz Schneeschleuder. Auch das Putzen wird weder er noch Regula vermissen. «Aber das gehörte einfach dazu», sagt der 65-Jährige.

Der nächste Bauer wurde Sigrist

Das Bauernhaus mit dem Kachelofen und der tiefen Decke, welches die Walders immer noch bewohnen, wurde 1777 gebaut. Es liegt ein paar Schritte von der Kirche entfernt. «Früher übernahm jener Bauer das Sigristenamt, der am nächsten bei der Kirche wohnte», sagt er. Heute wird die Stelle per Inserat ausgeschrieben. Die Nähe zur Kirche sei aber immer praktisch gewesen. «Ich konnte nach dem Melken schnell noch Heizung oder Läutmaschine ein- oder ausschalten.»

Der Nachfolger der Walders heisst Ruedi Kägi. Der gebürtige Baumer wohnt derzeit in Jona. Die Walders hoffen, dass er in Bäretswil bald eine Wohnung finden wird. «Ansonsten müsste man das Glockengeläut und die Heizungen programmieren, damit sie sich automatisch einstellen», erklärt Hansruedi Walder.

Wie ein Königshaus

«Dies ist mein letztes Werk», sagt Regula Walder und zeigt auf einen mächtigen Adventskranz. Sie zündet die leuchtend grünen Kerzen an und arrangiert ein purpurnes Voiletuch um eine Engelsstatue. Ob die Walders traurig sind, dass sie die letzten einer Dynastie seien? Eigentlich nicht, meint Hansruedi Walder: «Es ist wie ein Könighaus. Die Krone kann jahrelang in der Familie bleiben, und dann gibt es halt mal keine Kinder.» Und im Gegensatz zur Krone hätte es auch sein können, dass ihr Sohn, falls sie einen gehabt hätten, das Amt gar nicht übernommen hätte. «Solche Veränderungen sind natürlich», sagt Hansruedi Walder. «Man soll sich nicht dagegen wehren.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.12.2010, 08:00 Uhr

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