Nachdenken – oder nicht?

Verliert der Sport seine Faszination, wenn wir nur noch hinterfragen?

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Bundesrat Alain Berset hielt kürzlich die Eröffnungsrede zur Verleihung des Kabarettpreises Salzburger Stier, sie war in dieser Zeitung abgedruckt, und er sprach von der Realität, die in der heutigen Welt immer wieder verdreht wird, von seltsamen Zeiten und Fakten, die keine Fakten mehr sind. Er zitierte darin den amerikanischen Satiriker Stephen Colbert: «Wenn man darüber nachdenkt, macht es Sinn. Und wenn man nicht darüber nachdenkt, dann macht es noch mehr Sinn.» Bersets Reden werden oft vom Oltner Schriftsteller Pedro Lenz geschrieben, Lenz liebt den Sport, nicht nur YB.

Das Zitat Colberts bleibt im Kopf. Und man könnte sich fragen: Macht es Sinn, darüber nachzudenken, wohin der Sport immer mehr führt? Mit Skandalen, Korruption, Betrug und Gier? Oder macht es noch mehr Sinn, nicht darüber nachzudenken? Weil sonst die Zweifel immer grösser werden, selbst wenn wir längst nicht mehr daran glauben, dass der Sport gerecht, sauber und moralisch integer ist und wir wissen, dass die Lüge und der Schummel schon immer ein Bestandteil war? Weil, wenn wir nur noch hinterfragen, der Sport seine Faszination verliert?

Lionel Messi war von der Fifa gesperrt worden. Die Worte, mit denen er im Spiel gegen Chile den Linien­richter beleidigt hatte, seien verwerflich gewesen, der Argentinier, inzwischen zwar bärtig, aber immer noch mit scheuem Blick und unschuldigen Augen, hatte Obszönes gesagt, wie TV-Aufnahmen eindeutig belegten. Für vier Spiele war er von der Disziplinarkommission unter dem Vorsitz des Tessiners Claudio Sulser gesperrt worden, Argentinien ohne Messi hätte es schwer gehabt, sich noch für die WM 2018 zu qualifizieren. Das Berufungs­gericht der Fifa, bestehend aus Vertretern von Guam, Färöer, Fidschi und Bermudas, hob die Sperre auf und begnadigte Messi. Auch wenn – dank des TV – Fakt ist, was Messi am Spielfeldrand wutentbrannt gebrüllt hatte. Eine WM ohne Messi würde wehtun. Den Geschäftsinteressen der Fifa, mit Adidas als Hauptsponsor, der auch Messi persönlich und Argentinien ausrüstet. Und, natürlich: auch uns.

Bald wird in den Stadien und vor dem Bildschirm wieder Usain Bolt bestaunt werden, der schnellste Mensch der Welt, er bietet eine grossartige Show, er ist beides, dominant und lässig. Ein Wunderläufer. Er fasziniert, und er soll die Ausnahme sein in einer Sportart, in der schon so viele, die schnell gerannt waren, später des Dopings überführt worden sind. Bolt wurde schon hundertmal getestet, heisst es. Immer negativ, heisst es. Darüber nachdenken macht Sinn. Aber nicht darüber nachdenken macht vielleicht doch mehr Sinn. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.05.2017, 23:28 Uhr

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