Neues Leben in der alten Fabrik

Weil Küsnacht einen neuen Werkhof baut, wird im Gebäude am Dorfbach viel Platz frei. Den will die Gemeinde vermieten. Sie denkt an eine gemischte Nutzung von Gewerbe, Büros, Kultur und Wohnen.

Bietet viel Platz für Neues: Die Fabrik am Dorfbach.

Bietet viel Platz für Neues: Die Fabrik am Dorfbach.

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Gewerbler an der Goldküste haben es nicht leicht. Wer mit seinem Betrieb am See beheimatet ist, der stöhnt über hohe Mietzinsen in einem völlig überhitzten Immobilienumfeld. Noch schlimmer trifft es diejenigen Gewerbetreibenden, die ihre Räume verlassen müssen, weil die Besitzer die Liegenschaft anderweitig nutzen wollen. Meist werden die Räumlichkeiten zu Wohnräumen umfunktioniert, weil man damit mehr Geld verdient.

In gemischten Wohn- und Gewerbezonen ist dergleichen problemlos möglich. Die Folge: Immer mehr Gewerberaum verschwindet für immer. Und die Gewerbler vom See strecken ihre Fühler ins Zürcher Oberland aus, wo die Situation weniger angespannt ist als im Bezirk Meilen.

Politiker sind alarmiert

Die Politik hat die Zeichen der Zeit erkannt. Für den neuen Herrliberger Gemeindepräsidenten Walter Wittmer (Gemeindeverein) ist die Schaffung von neuem Gewerberaum ein vordringliches Ziel der neuen Legislaturperiode. In Erlenbach erkennt man dringenden Handlungsbedarf spätestens seit bekannt wurde, dass zwei Schreinereien ihre Liegenschaften in Kürze verlassen müssen (TA vom 22. 10. 2009). Nun kommt auch in Küsnacht Bewegung in die Sache. Die Gemeinde hat beim lokalen Gewerbe abgeklärt, wie gross das Interesse an einer Umsiedlung in das heutige Werkgebäude am Tobelweg 4 sei. Das geschichtsträchtige Gebäude (siehe Kasten) wird auf Anfang 2012 leer, weil die Gemeinde am Standort des alten Seewasserwerks bei der Kläranlage einen Neubau realisiert.

Auswertungen sind im Gange

Bis zum 9. Juli konnten Küsnachter Gewerbler ihr Interesse bekunden. Wie gross der Rücklauf aus den Reihen der Gewerbetreibenden ist, weiss Alexandra Oltivanyi, stellvertretende Küsnachter Gemeindeschreiberin, noch nicht. «Die Auswertungen sind im Gang», sagt sie. Man befinde sich in der Evaluationsphase. «Es wäre natürlich schön, wenn einheimisches Gewerbe einziehen würde», sagt sie. Man habe aber auch andere Optionen. Büros seien ein Thema. Zudem würden immer wieder kulturelle Institutionen ihre Bedürfnisse anmelden. «Und die Bibliothek schaut sich nach neuen Räumen um», sagt Oltivanyi. Es sei zudem nicht ausgeschlossen, dass in einem Teil des Gebäudes auch Wohnungen erstellt würden.

Der Standort eignet sich laut Andreas Tanner, Leiter Liegenschaften der Gemeinde Küsnacht, aber nicht für Nutzungen, die viel Publikumsverkehr mit sich bringen. «Es gibt nur wenige Parkplätze. Und Lastwagen mit Anhängern können vor dem Gebäude nicht wenden», sagt er. Ein Discounter werde also sicher nicht ins fünfstöckige Gebäude einziehen. Wie gross die Fläche ist, welche die Gemeinde vermietet, ist noch nicht klar. Fest steht aber, dass die Räume flexibel unterteilbar sind. Und dass die Gemeinde aus der Vermietung keinen Gewinn ziehen will. «Wir wollen die Mieten wie eine gemeinnützige Wohnbaugenossenschaft kalkulieren», sagt er. Die Einnahmen sollen laut Tanner die Kosten decken.

Gewerbler im Dorf behalten

Martin Schneider, Präsident des Küsnachter Gewerbevereines und SVP-Gemeinderat, begrüsst die Initiative der Gemeinde. «Wir wollen möglichst viele Gewerbebetriebe im Dorf behalten. Das Werkgebäude kann uns da helfen», sagt er. Er wisse von vier Betrieben, die ihr Interesse schriftlich kundgetan hätten. Für Kleingewerbler wie Garagisten oder Velohändler sei die Liegenschaft ideal. Auch für Gewerbler, die Lagerfläche brauchen und zweimal pro Woche mit einem Lieferwagen vorfahren würden.

Im Herbst fällt der Küsnachter Gemeinderat einen Grundsatzentscheid, wie gross die Anteile der verschiedenen Nutzung sein sollen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.07.2010, 20:36 Uhr

Fabrik am Dorfbach: Wollspinnerei dank Wasserkraft

Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts haben sich die Küsnachter die Kraft des Dorfbaches zunutze gemacht. Davon zeugt auch das ehemalige Fabrikgebäude am Ausgang des Küsnachter Tobels. Es wurde 1812 gebaut. 1978/1979 liess es die Gemeinde im Inneren vollständig umbauen, um für die Gemeindewerke Platz für Werkstätten, Lager- und Büroräume zu schaffen. Das stattliche Gebäude ist ein eindrücklicher Zeuge der ersten Fabriken in der Schweiz. Zuerst war im Haus eine Baumwollspinnerei beheimatet, die in regenarmen Zeiten auch mit Wasser von Rumensee und Schübelweiher angetrieben wurde. Die beiden Gewässer sind künstlich aufgestaute Fabrikweiher, die einst der Sicherstellung der Wasserkraft für Gewerbebetriebe im Dorf dienten. (pbe)

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