Olympisches Ringen um richtige Wortwahl

Was dürfen die Sportler an den Olympischen Spielen in Peking wann und wo sagen? Trotz Regelung in der olympischen Charta bleibt der Spielraum in der Interpretation gross.

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Es ist der 24. August 2008. Viktor Röthlin dreht nach seinem grandiosen Marathon noch eine Ehrenrunde, ehe der Interview-Marathon beginnt. Der Schweizer steht im Olympiastadion von Peking in der Mixed-Zone, wo die Athleten auf die Journalisten treffen, nach etlichen Fragen sagt ein Medienvertreter: «Haben Sie diese Medaille auch für die Tibeter und ihren Befreiungskampf gewonnen?» Röthlin überlegt kurz, dann sagt er: «Ich . . .»

Tja, was sagt Röthlin dann? Vor allem aber: Was darf er überhaupt sagen? Mit der Vergabe der Olympischen Spiele an China hat sich das IOK vor sieben Jahren etliche Probleme bereitet. Eines betrifft die freie Meinungsäusserung: Wie persönlich und konkret darf sich ein Athlet zur politischen Situation in China äussern, und wo darf er das?

Die olympische Charta regelt das Problem eigentlich klar, und zwar mit dem mittlerweile berühmten Abschnitt 51.3. Dort heisst es: «Jede Art von Demonstration oder politischer, religiöser oder rassistischer Propaganda ist verboten, und zwar in allen olympischen Gebäuden, Wettkampfstätten und anderen Bereichen.» Bei Swiss Olympic wird dieser Grundsatz ins Zentrum aller Überlegungen gestellt. «Für uns gilt die Charta, deshalb herrscht diesbezüglich keine Unklarheit», sagt Kommunikationschefin Claudia Imhasly: «Allerdings sind solche Aktionen bei uns heute kein Thema, und wir haben auch noch keine Fragen von Athleten dazu erhalten.»

Oranges T-Shirt als Propaganda?

IOK-Präsident Jacques Rogge hat kürzlich zu diesem Thema erklärt: «Für uns steht die Meinungsfreiheit im Vordergrund.» Was aber passiert, wenn jemand bei seinem Einsatz im Reitparcours ein schmales Bändchen am Arm trägt, das mit dem Wort «Menschenrechte» versehen ist? Oder vor dem Start im Schwimmstadion ein oranges T-Shirt trägt, das zwar keine Aufschrift hat, bei dem aber alle vermuten, dass es eine Hommage an die tibetischen Mönche ist? Ist das bereits verbotene «Propaganda», die von den chinesischen Gastgebern genutzt wird, um den Athleten von den Spielen auszuschliessen? Was passiert mit Röthlin, wenn er im Interview in der Mixed-Zone Kritik an der chinesischen Politik äussert?

Imhasly sagt, dass «wir generell nicht davon ausgehen, dass sich unsere Athleten dermassen explizit politisch äussern». Im Zweifelsfall rät sie den Athleten allerdings eher zu Zurückhaltung: «Wir haben die Athletinnen und Athleten für die spezielle Situation in China sensibilisiert. Sie können sich frei äussern und im Vorfeld der Spiele solidarische Bändchen oder andere Zeichen tragen. Allerdings müssen sie sich bewusst sein, dass sie sich damit in eine politische Kontroverse begeben.» In Frankreich hat das nationale olympische Komitee erst diese Woche beschlossen, dass Athleten auf ein spezielles Armband verzichten müssen: «Für eine bessere Welt» sollte darauf stehen, NOK-Chef Henri Serandour hat diesem Vorhaben nun eine Absage erteilt. Diese Vorgabe sorgte beim französischen Sportminister Bernard Laporte für Irritation, die Diskussion dürfte weitergehen.

Deutschland offensiver

In Deutschland, wo diese Diskussion seit Tagen selbst die parlamentarische Agenda mitbestimmt, klingt es etwas offensiver. «Wir wünschen uns von den Athleten sogar klare Statements», sagt Michael Schirp vom Deutschen Olympischen Sportbund. «So, wie es unser Generaldirektor Michael Vesper gesagt hat: Maulkörbe sind etwas für Pitbulls, nicht für Athleten.» Für Schirp ist deshalb klar, dass ein Athlet vor der TV-Kamera sagen könne, was er denke, egal, ob die nun daheim in Berlin oder in einer olympischen Sportstätte in Peking aufgestellt sei: «Interviews sind einzig und allein eine Angelegenheit des Athleten.»

Freilich gilt auch für das deutsche NOK die Charta 51.3 als Grundlage. Was aber ist Propaganda? Wird dieser Begriff nicht zum Beispiel in China anders interpretiert als in der Schweiz? Beim IOK verweist man auf die jüngsten Aussagen von Rogge, weitere Konkretisierungen seien zurzeit nicht möglich, sagt IOK-Mediensprecherin Sandrine Tonge: «Das klären wir im einzelnen Fall ab.» Und wer würde im Zweifelsfall den Entscheid treffen und einen Athleten von den Spielen ausschliessen? «Auch das klären wir momentan mit den Behörden in Peking ab.» Schirp erwartet deshalb vom IOK «grundsätzliche Informationen». Anfang Juni, wenn die Einkleidung der Athleten beginnt, wolle man genau wissen, was man ihnen mit auf den Weg geben könne: «Im Zweifel wenden wir uns auch direkt ans IOK.»

Bei Swiss Olympic sieht man diese Notwendigkeit momentan nicht. Wer politische Parolen auf dem T-Shirt zeigt, der wird auch bei anderen Sportveranstaltungen sanktioniert, wie jüngst bei der Schwimm-EM in Eindhoven: Da wurde der Serbe Milorad Cavic ausgeschlossen,

nachdem er bei der Siegerehrung mit seinem T-Shirt gegen die Unabhängigkeit von Kosovo protestiert hatte (die Goldmedaille darf er behalten). Und wer in Peking ausserhalb der olympischen Zonen shoppen geht, untersteht sowieso der chinesischen Gerichtsbarkeit und ist als Privatperson unterwegs: Einen speziellen Schutz wegen der olympischen Akkreditierung hat kein Athlet, kein Funktionär, kein Journalist. Da empfehlen sich wegen der rigorosen Vorgehensweise der chinesischen Behörden also schon genaue Überlegungen, wie man sich kleidet.

Und wie sieht es im Athletendorf aus? Es ist eindeutig Teil der olympischen Zone, deshalb Tabu für Propaganda und Demonstrationen. «Aber im Dorf», sagt Claudia Imhasly, «ist es ohnehin üblich, dass die Athleten und Athletinnen die offizielle Olympiakleidung tragen.» Und die ist absolut neutral gehalten.

Erstellt: 11.07.2008, 15:41 Uhr

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