Prügelopfer: «Sie schlugen grundlos zu»

Jugendliche aus Gossau wollen ihren ersten Lehrlingslohn feiern. Doch dann wird einer von ihnen in Zürich brutal zusammengeschlagen.

Obwohl das Opfer bereits am Boden liegt, tritt der Täter weiter – wie bei dieser gestellten Aufnahme in Zürich.

Obwohl das Opfer bereits am Boden liegt, tritt der Täter weiter – wie bei dieser gestellten Aufnahme in Zürich.

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Ein warmer Samstagabend am See, in der Nähe des Bellevues. Vanessa, Jana, Renato, Ronny und Jan treffen sich mit Kollegen aus der Sek. Sie haben sich seit der gemeinsamen Schulzeit in Gossau nicht mehr gesehen und haben sich viel zu erzählen – zudem wollen sie den ersten eigenen Lohn feiern. Nach einem kurzen Abstecher in den McDonald's setzen sie sich an den Zürichsee. Alle zwölf sind erfolgreich ins Erwachsenenleben gestartet, machen eine KV-Lehre, lassen sich zum Polymechaniker oder Bauzeichner ausbilden, andere besuchen das Gymnasium. In Zürich sind sie nur selten, für einige ist es der erste Ausgang in der Stadt.

«Hast du Gras?», «Und du: Hast du Gras?» Ein junger Mann stellt sich gegen 22 Uhr vor die Jugendlichen und spricht einen 15-Jährigen nach dem anderen an. Alle verneinen. «Ey Mann: Was seid ihr denn? Schweizer?» Und dann wieder: «Hast du Gras?» Mittlerweile sind die Kollegen des jungen Mannes nähergekommen, alle zwischen 18 und etwa 22 Jahre alt. Sie sprechen teilweise gebrochenes Deutsch, machen einen auf Gangster. Jan, der soeben seine Lehre als Konstrukteur begonnen hat, antwortet: «Auch wenn du ein drittes Mal fragst, haben wir kein Gras dabei.» Sein Mund schmerzt immer noch vom frisch gezogenen Weisheitszahn, er hat keine Lust auf Ärger. Ein Kollege des «Gangster-Typs» schaut Jan an und sagt, er könne ihn jetzt auch dreimal in den See werfen. «Lass das doch einfach sein», meint Jan bloss. Der junge Mann schlägt ihm unvermittelt ins Gesicht. Für die anderen Burschen, rund ein Dutzend, geht es jetzt erst richtig los. Sie bilden einen Kreis um Jan, der nach den ersten Schlägen zu Boden stürzt. Sie treten und schlagen wahllos zu. An den Kopf, in den Bauch, in den Rücken.

Jans Kollegen sind schockiert: Damit hatten sie nicht gerechnet. Zwei Mädchen laufen verängstigt weg, die anderen wissen nicht, was tun. Ronny will nicht länger zusehen und versucht, zusammen mit Renato, Jan aus dem Kreis der Schläger herauszuziehen. Zuerst vergeblich. Als es Jan dann doch schafft, wieder auf die Beine zu kommen, ziehen ihn die Schläger zurück in den Kreis, einer versetzt ihm einen letzten Schlag mitten ins Gesicht. Jan geht erneut zu Boden. Die Bande lässt von ihm ab, zieht weiter.

Einige Leute, teils Jugendliche, teils Erwachsene, stehen noch immer dort, und schauen zu. Jans Kollegen versuchen, das Blut mit Taschentüchern zu stoppen. Es läuft ihm aus dem Mund. «Was zwischen dem ersten Schlag und unserer Heimfahrt passiert ist, weiss ich nicht mehr», sagt Jan. Er erinnere sich nicht mal mehr, wie er überhaupt zum Bahnhof Stadelhofen gekommen sei. «Er sagte zu uns, er wolle heim», erzählen seine Kollegen. Kurz vor Mitternacht sind die Jugendlichen zurück in Gossau. Jans alarmierter Vater bringt seinen Sohn sofort ins Spital. Mit einem gebrochenen Kiefer, Blutungen, Quetschungen und Schürfungen. Dass seine Milz nicht gerissen ist, ist laut den Ärzten reines Glück. Während Jan im Spital liegt, erstatten seine Eltern Anzeige gegen Unbekannt. «Am besten wäre wohl gewesen, jemand hätte direkt, als es passiert ist, die Polizei informiert», meint Jan im Nachhinein. «Wir hatten Schiss, sie kämen dann auch auf uns los», erwidert seine Kollegin Jana darauf.

Keinen Bock mehr auf Zürich

Seit dem Samstagabend am See in Zürich sind drei Wochen vergangen. Gestern konnte Jan erstmals wieder zur Arbeit gehen. Die Kollegen versuchen zu helfen, wo sie können. Der Chef erlaubt ihm, den verlorenen Schulstoff während der Arbeitszeit nachzuholen. Die Schule ist derzeit auch Jans grösste Sorge. «Es ist Probezeit», sagt er leicht undeutlich. Sein gebrochener Kiefer wird von einer Titanplatte zusammengehalten. «Mein Denken ist wegen der starken Schmerzmittel träge.»

Seine Kollegen können immer noch nicht verstehen, wie es überhaupt so weit kommen konnte. «Sie schlugen grundlos zu», sagen sie. Die Burschen hätten darauf gewartet, dass jemand einen falschen Schritt mache oder etwas Falsches sage, vermutet Vanessa. Und Renato ist sich sicher: «Die haben uns bewusst ausgesucht, weil wir die Jüngsten waren.» Seine Mutter kocht heute noch vor Wut, wenn sie die Jugendlichen über das Erlebte sprechen hört. «Man fühlt sich ohnmächtig», sagt sie.

Jan und seine Kollegen sind erst einmal froh, dass nicht etwas noch Schlimmeres passiert ist. «Was, wenn einer ein Messer dabei gehabt hätte», fragen sie sich. Und Ronny sagt: «Seit dem Tag habe ich keinen Bock mehr auf Zürich.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.09.2008, 21:57 Uhr

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