«Regeln muss man bewusst brechen»

Der Regisseur von Dheepan erzählt, warum er einen Film über Tamilen in Frankreich drehen wollte. Sein Mut brachte ihm in Cannes die Goldene Palme ein.

Das Idyll trügt: Das Mädchen ist nicht die Tochter dieses Mannes.

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Das Thema von «Dheepan» sind Migranten in Frankreich. Wieso kommen sie aus Sri Lanka?
Zuerst wollten wir einfach von Flüchtlingen erzählen, die nach Frankreich kommen. Doch dass es praktisch keine Filme über Tamilen gibt, machte unser Projekt interessanter. Wir dachten an eine Figur, die aus einem sehr gewalttätigen Land kommt. Sri Lanka passte da perfekt.

Hatten Sie Schwierigkeiten, «Dheepan» zu finanzieren? Es ist ja ein wenig verrückt: ein französischer Film, in dem praktisch kein Französisch gesprochen wird.
Ja. Zum Glück haben meine vorherigen Filme wie «Un prophète» und «De rouille et d’os» nicht schlecht funktioniert. Man brachte mir also ein gewisses Vertrauen entgegen. Nicht viel, aber ein bisschen. Und mein Produzent ist noch wahnsinniger als ich. Als ich ihm sagte, im Film werde praktisch durchgehend Tamil gesprochen, meinte er: «Na und? Machen wir Untertitel.»

Wieso arbeiten Sie gern mit Laien?
Ich mag ja französische Schauspieler. Aber manchmal hat es etwas Ermüdendes, dann liegen einem die Selbstdarstellungen schwer auf. Dann sind mir unbekannte Gesichter lieber. Ein Laie überrascht durch die Art, einen Satz zu sagen. Wenn ein Schauspieler schlecht ist, ist er schlecht, dann gibt es nichts mehr zu retten. Aber wenn ein Laie schlecht ist, gibt es womöglich doch noch etwas, was man mitnehmen kann.

Wie haben Sie die Schauspieler ausgewählt?
Antonythasan Jesuthasan, der Dheepan spielt, lebt seit fünfzehn Jahren in Frankreich. ­Allerdings spricht er sehr schlecht Französisch. Das Mädchen, das die Tochter spielt, ist Französin, eine Tochter von Migranten. Kalieaswari Srinivasan, die Darstellerin der Mutter, haben wir in Indien gefunden, wo sie Theater spielt. Ich wollte zu Beginn einen anderen Darsteller für Dheepan ­haben. Aber zwischen ihm und Kalieaswari Srinivasan tat sich nichts Erotisches. Bei Antonythasan gefällt mir auch seine zarte Virilität.

Wie kamen Sie dazu, einen ehemaligen Tamil Tiger für den Film zu besetzen?
Das habe ich seltsamerweise erst spät erfahren. Antonythasan Jesuthasan hat sich ja nicht vorgestellt und gesagt: «Ich bin ein Tamil Tiger.» Er war sehr zurückhaltend. Eines Tages hat er mir einfach gesagt: «Dieser Film erzählt ein wenig auch meine Geschichte.» Dann hat er mir ­«Gorilla» gegeben, seine beeindruckende Autobiografie über seine Zeit als Kindersoldat.

In einem Audiard-Film gibt es mehr Action als in den meisten Dramen ?und mehr Drama als in den meisten Actionfilmen. Was nützen Ihnen Regeln?
Regeln braucht es, damit man sie bewusst brechen kann. Bei «Dheepan» geht es um etwas Zerbrechliches, um Liebe. Drum dachte ich: «Man muss die Geschichte von innen her füllen.» Das ist auch passiert, vieles hat sich während des Drehs verändert.

Was tun Sie, um bei so einer Geschichte nicht in die Falle des unpersönlichen Sozialrealismus zu tappen?
Die sozialen Aspekte interessieren mich nur als Dekor. Dann wird man sich bewusst, was die eigentliche Geschichte ist: Dass sich da drei Menschen als Familie ausgeben, obschon sie ­keine sind. Der Rest, der soziale Hintergrund, das ist nur der Teilchenbeschleuniger, der diese Geschichte in Gang hält. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.10.2015, 13:38 Uhr

Jacques Audiard.

Dheepan

Nachdem die Tamil Tigers den Kampf gegen die Regierung verloren ­haben, geben sich drei Wildfremde – ein Mann, eine Frau und ein Mädchen – als Familie aus, um als Flüchtlinge in Frankreich Asyl zu erhalten. Dort arbeitet der Mann als Abwart, die Frau macht einem gebrechlichen Gangster den Haushalt. Doch die Kämpfe rivalisierender Drogenhändler zerstören die Hoffnung auf Ruhe und Frieden. Jacques Audiard («Un prophète») nimmt sich viel Zeit, um die Annäherung des Mannes und der Frau zu beschreiben. Das ist sehr schön und berührend. Dann gerät der Film zu ­einer Art Selbstjustizkrimi, und der Schluss wirkt leider angeklebt. Die Darsteller aber sind ­allesamt sehr beeindruckend. (bod)

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