Schläge von gestern, Pointen von heute

Die «Asterix»-Bände lassen sich als kommune Comics lesen, doch den Autoren gelang viel mehr: eine Erfindung der Vergangenheit als meisterhafte Parodie der Gegenwart.

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Die Geschichte von Asterix und Obelix begann an einem heissen Augusttag 1959: im zweistündigen, von Pastis und Zigaretten befeuerten Gelächter zweier ungleicher Immigrantenkinder. Da war der Texter René Goscinny, Enkel eines polnischen Rabbiners, der von den Pogromen nach Paris geflüchtet war. Und der Zeichner ­Albert Uderzo, Sohn einer italienischen Einwanderfamilie. Goscinny war klein wie Asterix, Uderzo ist wie Obelix ein Mocken.

Die Abenteuer der Gallier füllen 35 Bände, wurden über 350 Millionen Mal verkauft und in 107 Sprachen übersetzt, darunter ins Lateinische; alleine der letzte Band «Astérix chez les Pictes» (dt. «Asterix bei den Pikten») kam mit einer Start­auflage von fünf Millionen auf den Markt (und enttäuschte trotz neuen Autoren und den alten Beteuerungen, die Serie wieder an ihre Bestzeit heranzuführen).

Und das bei einer «bande dessinée», wie ein Comic auf Französisch präziser heisst, einem Trivialepos also, das seine Virtuosität aus einer Kombination von Wort und Bild entwickelt, von der in den Übersetzungen meist nur das Letztere übrig bleibt. Der Kunsthistoriker André Stoll, der die «Asterix»-Bände schon in den Siebzigerjahren einer sorgfältigen Analyse unterzog, schätzt den Humorverlust durch Übersetzung auf 70 bis 80 Prozent. «Ebenso viele Bildparodien der politischen, literarischen, historischen Mythen des Durchschnittsfranzosen können im Ausland nicht nachempfunden werden», schreibt er, «weil dafür die Voraussetzungen in der eigenen Erfahrung oder im Bildungsbewusstsein des Empfängerpublikums nicht vorhanden sind.»

Antike Moderne

Dass dieses Heldenepos ohne Helden, diese so französische Erzählung dennoch auf der ganzen Welt genossen werden kann, sagt alles über das zeichnerische Talent von Albert Uderzo. Und doch braucht es die Textoriginale von René Goscinny, um aus dem Comic eine hochironische, komplexe, anspielungsreiche, wortspielerisch virtuose Erzählung zu gestalten. Es ist eine in die römische Besatzungszeit rückdatierte Geschichte, die sich von Beginn weg als Parodie des französischen Alltags erweist. Obelix, obgleich nicht der hellste aller Gallier, sagt es am besten: «Il faut vivre avec le temps, il faut être antique.» Die Antike als Moderne vor ihrer Zeit.

«Le domaine des dieux» (dt. «Die Trabantenstadt») von 1971, die Vorlage für den neuen, liebevoll gemachten 3-D-Zeichentrickfilm (Kritik siehe linke Seite), liefert mehrere Beispiele für die Virtuosität, mit der Goscinny und Uderzo den Alltag von heute mit dem Personal von damals karikieren. Was zunächst als weiterer Versuch Cäsars dargestellt wird, das aufsässige Gallierdorf zu zivilisieren, diesmal durch den Bau von Residenzen um das Dorf herum, gerät schon bald zur Parodie auf die Pariser Arroganz gegenüber der französischen Provinz.

Wie jedes Touristendorf

Nur unter Druck sind die per Los ausgewählten Römer nämlich bereit, die Hauptstadt mit der ungehobelten Bretagne zu vertauschen. Als sie dort angekommen sind, das gallische Dorf entdecken und sich dort eindecken, passiert das, was jedes Touristendorf zwischen Kreta und Martinique durchlitten hat: Es verkommt zur Einkaufsmeile unter freiem Himmel. Die Preise steigen über das Budget der Dorfbewohner, der Preiskampf treibt die Gallier auseinander, ihre Gier ruiniert ihre Kultur. Ebenso gegenwärtig kommt einem der Sklavenchef Duplicatha vor, der den Häuserbau überwacht. Seine immer dreisteren Forderungen, im Film grossartig inszeniert, erinnern an die Auftritte eines französischen Gewerkschaftschefs.

Aus solchen Parallelen zwischen der gallo-römischen Vergangenheit der grossen Republik und ihrem Alltag konstruieren Goscinny/Uderzo ihre Parodien. Zum Bildwitz der Figuren und ihres Dekors kommen Gebrauchswörter und Begriffe der Bürokratie, aber auch abgewandelte Gassenhauer, Kalendersprüche und sogar Metrostationen, die unversehens wieder auftauchen. Aus den Bidonvilles, den berüchtigten französischen Vorstädten, werden die Amphorevilles, der Schweizer Banker Zurix will Schweigen in seinen Konten und nimmt damit das Bankgeheimnis vorweg, auf Besuch bei den Belgiern fliegen einem die modernen Anspielungen nur so entgegen. Der Band «Astérix en Corse» (dt. «Asterix auf Korsika») zeigt das Spannungsverhältnis der Franzosen zu ihrem berühmtesten Feldherrn ­Napoleon, das zwischen dem Anti­bonapartismus der Dritten Republik und der heimlichen Verehrung im modernen Frankreich oszilliert.

Grossartig schliesslich die Boshaftigkeit, mit der Goscinny und Uderzo die Résistance-Mythen der Nachkriegszeit parodieren. Zwar kämpfen die Gallier mit List und Ehre gegen die römische Besatzungsmacht und werden dabei, wie auf ihrem «Tour de Gaule» (dt. «Tour de France»), von der unterdrückten Bevölkerung unterstützt. Aber als der Dorfkönig Abraracourcix den Widerstand unter Vercingetorix hochleben lässt, tut er das ausgerechnet im Kurort Vichy («Le bouclier arverne», dt. «Asterix und der ­Arvernerschild»).

«Asterix» zu lesen, ohne Frankreich zu ­kennen, bleibt ein internationales Vergnügen, der Welterfolg belegt es. «Asterix» in einer Über­setzung zu lesen ist aber so, als konsumiere man einen Comic als Hörbuch. (Zueritipp)

Erstellt: 25.02.2015, 13:45 Uhr

Asterix im Land der Götter

Und wieder hat Cäsar eine Idee, wie er die unbeugsamen Gallier zähmen kann. Er lässt um das Gallierdorf eine römische Siedlung errichten. Zunächst scheint der Plan aufzugehen: Die römischen Bewohner fallen über das Dorf her wie ­Touristen über die Bretagne, das sorgt ?für Ärger, Neid und Streit. Es braucht die ­gesammelte Intelligenz von Asterix und ?dem Druiden Miraculix, um auch diesen ­römischen Angriff zurückzuschlagen.

Dass der Film in Zürich nur auf Deutsch gezeigt wird, dafür müsste den Verantwortlichen der Himmel auf die Köpfe fallen. Diese Animationsfilmversion von Albert Uderzos Zeichnungen ist besonders gut geraten: Die Figuren mit ihrem Gang, ihrer Mimik und Komik, die leuchtend satten Hintergründe, die Schlägereien und Wildschweinjagden sind hervorragend umgesetzt, das Timing sitzt, der obligate Kitsch ist verschmerzbar.(jmb)



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