Schnell das Meisterwerk anschauen

«Varlins Atelier in Zürich» lässt den legendären Maler auferstehen. Der Film zeigt 50 Minuten lang Künstler und Werk – bevor beide wieder verschwinden.

Varlins unbeabsichtigtes Abschiedgeschenk an Zürich: «Der Friedhof von Almuñécar», 1959 an die Atelierwand gemalt. Foto: Peter Schälchli, © 2016, ProLitteris, Zürich

Varlins unbeabsichtigtes Abschiedgeschenk an Zürich: «Der Friedhof von Almuñécar», 1959 an die Atelierwand gemalt. Foto: Peter Schälchli, © 2016, ProLitteris, Zürich

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Das Bild befindet sich in Varlins ehemaligem Atelier am Neumarkt 11a, verborgen hinter den Altstadtfassaden. Hier arbeitete der unter dem Pseudonym Varlin beru?hmt gewordene Schweizer Maler Willy Guggenheim zwischen 1958 und 1972. Er war der Stadt Zürich kein einfacher Mieter. Kaum war er eingezogen, begab er sich ein halbes Jahr auf eine Malerreise nach Südspanien. Nach seiner Rückkehr liess er seine Vermieterin wissen, dass er ein Fenster gegen Norden brauche – für einen möglichst gleichbleibenden Lichteinfall beim Arbeiten. Ein Beamter suchte Varlin zum Augenschein auf, lehnte seinen Antrag jedoch ab: «Wenn Sie Ihre Fenster gegen Su?den putzen würden, hätten Sie genug Licht.»

Als Reaktion warf Varlin mit kühnem Pinselstrich den «Friedhof von Almuñécar» an die fensterlose Nordwand. Es war unbeabsichtigt Varlins Abschiedsgeschenk an Zürich. Seit dem Wegzug des Künstlers vor 34 Jahren wurde das Bild hinter Novopan versteckt. Nun hat es der bekannte Kameramann Pio Corradi in einem Film wieder zum Leben erweckt. Idee und Drehbuch dazu stammen von Lydia Tru?b, der ehemaligen Kommunikationsbeauftragten der sta?dtischen Liegenschaftsverwaltung.

Wie ein Kunst-Krimi

Varlins Bild wurde wiederentdeckt, als die Stadt ihre städtische Kunstsammlung inventarisieren liess. Patrizia Guggenheim, Varlins Tochter, konnte sich daran erinnern, dass bis zum Wegzug ihres Vaters von Zürich ins Bergell im Jahr 1972 ein Wandbild in seinem Atelier existiert hatte. 2013 beschloss die Liegenschaftsverwaltung, das ehemalige Atelier genauer unter die Lupe zu nehmen. Die Novopanplatten wurden entfernt – und der «Friedhof von Almuñécar» war wieder da.

Lydia Trüb fühlte sich bei der Enthüllung wie in einem Kunst-Krimi. «Es lag eine ungeheure Spannung in der Luft», beschreibt sie die Atmosphäre. «Keiner wusste, in welchem Zustand das Bild sein wird. Hatte es Schimmel angesetzt? Sind andere Schäden auszumachen? Erleichterung und Überraschung waren gleichermassen gross, als das Werk endlich wieder sichtbar wurde. Alle Details waren erhalten geblieben, auch die «tanzenden Särge». «Ich wusste intuitiv, dass es sich bei dieser Wandmalerei um etwas Besonderes handelte», sagt Varlin-Kennerin Trüb.

Der «Friedhof von Almuñécar» ist tatsächlich ein aussergewöhnliches Werk. Es ist riesig, 550 mal 260 Zentimeter gross. Im kleinen Atelier ist es fotografisch kaum abzubilden. Deshalb wandte sich Trüb an den Kameramann Pio Corradi. Er erhielt von ihr den Auftrag, die Wiederentdeckung festzuhalten. Am Tag der offenen Tür, als sich das ehemalige Atelier am Neumarkt mit Varlins alten Freunden und Bekannten noch einmal fu?llen und zum Treffpunkt werden würde, sollte er das Ereignis mit der Kamera festhalten. Von einem Film war ursprünglich nicht die Rede, nur von einer Dokumentation. Doch Trüb und Corradi war bewusst, dass das Zudecken des Wandbilds symbolisch auf eine Ära hinweist, die im Verschwinden begriffen war.

Der Tag der offenen Tür brachte fast 1000 Leute in das Atelier. Das war der Beginn des nun vorliegenden Filmes. Darin kommen die verschiedensten Wegbegleiter Varlins zu Wort. So entsteht ein Gesamtbild des Künstlers und seiner Werke. Die Kunstsammlerin Lisabet Farner, eine genaue Beobachterin, erzählt, dass Varlin wie in Trance gemalt hat und sich von niemandem beeinflussen liess. «Wenn auf dem Boden ein Lappen lag, stolperte er jedes Mal darüber.» Schriftsteller Paul Nizon bezeichnet Varlins Atelier als ein «Schicksalsbuch einer Malerexistenz». Dort wurde gelebt, geliebt, gefilmt, fotografiert und Freundschaft genossen.

Vor der Vergessenheit retten

Leo Lanz ist der Mann von Ella, jenem Modell, das Varlin am meisten malte. Sie hatte das Zimmer neben dem Atelier bewohnt. Lanz sagt: «Ich habe mit Ella die Nacht verbracht und Varlin mit ihr den Tag.» Friedrich Dürrenmatt war nicht nur ein guter Freund von Varlin, sondern ein Seelenverwandter. Beide haben geschrieben und gemalt. Dürrenmatt lobt Varlins Humor, seine Eigenwilligkeiten, aber auch seine Boshaftigkeit. «Er hatte die Einfachheit des wirklichen Genies.»

Verschiedene Kunstexperten bezeichnen Varlin als einen der bedeutendsten figurativen Schweizer Maler des 20. Jahrhunderts. Seit seinem Tod 1977 ist er zunehmend in Vergessenheit geraten. Im Kunsthaus Zürich hängt seit kurzen wieder ein einziges Bild von ihm: der «Heilsarmeemann» von 1953 (nicht zu verwechseln mit «Heilsarmee», jenem Werk, das Varlin 1964 für die Landesausstellung gemalt hatte und das einst Dürrenmatts Arbeitszimmer schmückte).

Der «Friedhof von Almuñécar» ist kein trauriges Werk. Als Varlin dieses Bild malte, war er bereits berühmt. Das Wandbild ist bereits wieder hinter Novopan verschwunden, das Atelier ist an eine Künstlerin vermietet. So bleibt der Film, der laut Pio Corradi hauptsächlich von Stiftungen finanziert wurde, das einzige Dokument, das die aussergewöhnliche Künstlerpersönlichkeit für 50 eindrückliche Minuten wieder lebendig werden lässt.

Bevor auch der Film wieder irgendwo in einem Archiv verschwinden wird.


Kino Xenix, ab morgen bis November. 9. 1 0./16. 10./23. 10./30. 10., je 12 Uhr; Mi, 12. 10./26. 10./2. 11., je 17 Uhr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.10.2016, 18:47 Uhr

Varlin (l.) mit Max Frisch in seinem Atelier. Foto: Christian Hardeg; © 2016, ProLitteris, Zürich

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