«Schön, dass man mich nicht vergessen hat»

Nach jahrelanger Wanderschaft und einer halben Weltreise kehrte Jan Dutler nach Hütten zurück. Zu Ehren des Zimmermannes gabs ein kleines Dorffest.

Kletterkünste: Die Freunde Helfen Jan Dutler die Ortstafel zu bezwingen.

Kletterkünste: Die Freunde Helfen Jan Dutler die Ortstafel zu bezwingen. Bild: Flurin Bertschinger

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Vor drei Jahren und vier Monaten ist Jan Dutler, wie es die Tradition der Zimmerleute will, über die Ortstafel von Hütten geklettert und von dannen gezogen. Nur mit einem Fünfliber im Sack und einem Gepäckbündel, dem Charlottenburger, über der Schulter.

Am vergangenen Freitag stand am selben Ortseingang alles bereit für die Rückkehr des heute 22-Jährigen: Zelte, Bänke, Verpflegung und über hundert Verwandte und Bekannte.

Um halb sieben Uhr sollten er und 14 seiner Bruderschafts-Kameraden, die Dutler auf der Wanderschaft kennengelernt hatte, in seiner Heimat eintreffen. «Ich freue mich einfach nur», sagt seine Mutter, Maya Dutler. Das letzte mal habe die Familie ihn vor einem Jahr getroffen. Auf dem Säntis, von wo er in seine heimatliche Gegend blicken konnte. Denn Zimmerleute müssen auf der Walz, so nennen sie ihre Wanderschaft, stets mehr als 50 Kilometer von ihrem Heimatort entfernt bleiben.

«Ich habe heute Geburtstag», sagt Vater Kurt Dutler. «Die Rückkehr ist das schönste Geschenk für mich.» Auch nach über drei Jahren rühmt er den Entscheid seines Sohnes, ohne Luxus und Ziel in die Welt zu ziehen. «Wir haben keine Ahnung, wer uns erwartet. Jan war sozusagen verschollen», sagt Adrian Ottiker. «Mich nimmt es wunder, wie er sich verändert hat», fragt sich Michael Severin. Die beiden hatten mit dem Zimmermann in einer Wohnung gelebt und ihn in den letzten drei Jahren nur einmal zu Gesicht bekommen.

Als Mann zurückgekehrt

Halb sieben Uhr ist seit wenigen Minuten vorüber. Gespannt richten die Wartenden ihre Blicke der Strasse entlang. «Sie kommen!», ruft eine Frau. 15 schwarz und grau gekleidete Zimmermänner mit Hüten und Stöcken marschieren in einer Reihe heran. Sie singen lautstark ein Gesellenlied und ziehen etliche Extrakurven auf der Strasse. Dahinter staut sich der Verkehr. Einige Frauen zücken die Taschentücher und trocknen die Freudentränen.

Vor der Ortstafel bilden die Zimmerleute mit ihren Stöcken eine Leiter, Jan Dutler klettert empor und über die Tafel, die sein Gewicht mit Wackeln erträgt. Mit einem Sprung in die Arme seiner Tippelbrüder auf der anderen Seite ist der Hüttner Zimmermann wieder zu Hause. Applaus und Gejohle entbrandet und Mutter und Sohn umarmen sich innig. «Superschön» beschreibt Maya Dutler ihre Wiedersehensfreude. «Als Bube ist er gegangen, jetzt ist er ein Mann geworden.»

Georg Sachon aus Deutschland ist einer der Gesellen, die Jan Dutler auf den letzten Metern seiner Walz begleitet haben. «Wir sind die tollste und beste Schacht», wirbt er für seine Vereinigung, die Freien Vogtländer Deutschlands. «Weil wir die ältesten sind und Tradition mit Lebensfreude verbinden.»

Diese Lebensfreude mischt sich an der Rückkehr mit viel Bier und einem Schnaps, den Dutler traditionsgemäss bei seiner Abreise mit einer Flaschenpost mit seinen Wünschen für die Reise unter der Ortstafel vergraben hatte.

In Guatemala Kollegen getroffen

«Einfach nur schön, dass so viele Leute gekommen sind und mich nicht vergessen haben», sagt der Rückkehrer. «Als erstes wasche ich zu Hause die Wäsche und ziehe Jeans und ein T-Shirt an.» Öffentlich habe er stets die schwarze Tracht aus Manchester-Stoff und ein weisses Hemd tragen müssen. Seine Wanderschaft hat ihn nach Mittelamerika, in die USA, nach Skandinavien, Russland, Spanien und vor allem nach Deutschland geführt.

Eine besondere Situation habe er in Guatemala erlebt, als er in einem Café einen Kollegen aus der Berufsschule sitzen sah. Dieser habe in zuerst gar nicht erkannt. «Da hat mich die Heimat in einem riesigen Zufall eingeholt.» «Bis jetzt ist er noch genau so, wie er gegangen ist», sagt Michael Severin, sein ehemaliger Mitbewohner. Adrian Ottiker bemerkt: «Die Stimme ist ein weniger tiefer.» Dutler selber kann nicht sagen, ob er sich verändert hat. Aber neben Spanisch und Englisch habe er auch gelernt, «dass es sich lohnt, alle Menschen kennenzulernen, egal wie sie sind oder wie sie aussehen.» Auch die Wanderschaft lohne sich, «ich empfehle das jedem Handwerker.»

Als nächstes werde er in Malans GR einem Kollegen beim Umbau eines Hauses helfen. Sesshaftigkeit liegt dem Weltenbummler nicht. «Ich spiele mit dem Gedanken, für ein halbes Jahr in ein Hilfswerk nach Afrika zu gehen. Es zieht mich schon wieder weg – aber vorerst bin ich hier.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.09.2008, 19:04 Uhr

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