Schweizer, begrüsst den «Non-President»!

Der Deal ist simpel: Kunst gegen Reisepass. Das hat «State of Sabotage»-Gründer Robert jelinek bereits 14'000 Bürger beschert.

Aus Kunst mach Pass: Blick in Robert Jelineks «kreative Staatskasse».

Aus Kunst mach Pass: Blick in Robert Jelineks «kreative Staatskasse».

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Der spinnt doch, der Typ! So denkt wohl mancher, der sich oberflächlich mit Robert Jelinek beschäftigt. Schliesslich hat der 42-jährige Österreicher 2003 auf einer unbewohnten finnischen Insel seinen eigenen souveränen Staat gegründet. Inklusive Verfassung, Flagge, Nationalhymne, Briefmarken und Münzen. Und um dem künstlerischen Spiel mit seinem «State of Sabotage» zusätzlich eine politische Note zu verleihen, stellt Jelinek – der sich übrigens den bescheidenen Titel Non-President verpasste – auch Pässe aus. Entschädigen lässt er sich dafür jeweils nicht mit Geld, sondern mit Kreativarbeiten; meist handelt es sich dabei um Kunst.

700 der so zusammengekommenen Werke gibt es jetzt als Installation mit dem Titel «African Chamber» zu sehen, die wiederum in das zeitgeistige Ausstellungs- und Filmprojekt «Unheimliche Reisen: Archiv trifft Gegenwart» im Dienstgebäude eingebunden ist.

Dass Jelinek in seiner «Kunstkammer» Afrika heranzoomt, ist natürlich kein Zufall. Wenige Monate nachdem er seinen Staat proklamiert hatte, wurde dieser überraschenderweise von Nationen wie Slowenien, Monaco, Andorra, San Marino, Italien sowie der Schweiz anerkannt. Als dann auch noch die UNO nachzog, verbreitete sich die Neuigkeit wie ein Lauffeuer, und bald gingen erste Passanfragen ein – aus Nigeria, Ghana, Togo, Südafrika, Benin, Kamerun, Libyen und der Elfenbeinküste. So waren in kurzer Zeit 700 der ursprünglich vorgesehenen 1000 Ausweise vergeben.

Gleichzeitig war aber auch die erwähnte pankontinentale Kunstkollektion entstanden, deren Fundus von Holzfiguren über Masken und Ritualgegenstände bis hin zu Bildern und Gemälden reicht. Schon da war klar, dass sich der anfänglich spielerische Charakter von Jelineks Unternehmen zur gesellschaftlich relevanten Geschichte entwickelt hatte. Und, dass die Kurzformel von «State of Sabotage» – SoS – existenziell Sinn macht: Vielen Migrantinnen und Migranten war es letztlich allein dank ihrem SoS-Pass möglich, an eine Arbeitsgenehmigung oder gar an lebensnotwendige medizinische Versorgung zu gelangen.

Inzwischen zählt der unkonventionelle Kulturstaat 14 000 Bürger aus 124 Ländern. Und weil der smarte Agent provocateur Jelinek noch weniger Grenzen kennt, seit er bei der Einreise in die USA von der Homeland Security und dem FBI wegen seiner Aktivitäten übel schikaniert wurde, stellt er am Freitag im Rahmen der Ausstellungseröffnung eigenhändig Pässe aus.

Mit dieser Aktion passt Jelinek perfekt in den Kontext des von Nadja Baldini und Beat Huber (Eggn’spoon) gemeinsam mit der Wiener Gastkuratorin Cathérine Hug konzipierten Projekts: In ihrer «Archiv trifft Gegenwart»-Schau, die neben der eigentlichen Kunstausstellung eine Filmreihe sowie Künstler-Gespräche umfasst, geht es nämlich (auch) um die Frage nach der Wahrnehmung des Fremden und um das Suchen (und Finden) von neuen politischen Perspektiven.

Vernissage: Freitag, 23. März, ab 18 Uhr. Bis 21.4. Do-Sa 12-18 Uhr. Mehr dazu: www.dienstgebäude.ch

(Zueritipp)

Erstellt: 21.03.2012, 14:46 Uhr

«Non-President» Jelinek

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