Dieses Hotel war am Ende – dann griffen Gäste zu

1500 Schweizer Hotels machten innert 25 Jahren dicht. Auch dem Regina in Mürren gings schlecht. Die Rettung folgte auf unkonventionelle Weise.

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Hier empfängt kein ­roter Teppich die Gäste, sondern Baufolie. Die Grünpflanzen – sonst zur Dekoration strategisch schön im Eingang platziert – drängen sich auf einem Holztisch. Die Gäste, die es mit ihren Koffern an diesem Freitagabend im Advent durch das dichte Schneegestöber ins Hotel Regina in Mürren geschafft haben, kommen auf eine Baustelle. Mit Absicht: Sie wollen selbst Hand anlegen und bei der Renovierung des alten Jugendstilhotels mithelfen. Gemeinsam mit den Eigentümern – eine Woche bevor das Hotel für die Wintersaison wieder öffnet. Dafür bekommen sie gratis Kost und Logis.

Jede halbe Stunde fährt die Seilbahn in das autofreie Dorf im Berner Oberland und bringt neue Helfer hoch: Familien, ­Einzelpersonen, Kleingruppen von Freunden. Mehr als 40 Personen kommen nach Mürren – viele von ihnen kennen das Hotel, weil sie selbst schon dort Ferien verbracht haben.

«Die Teilnehmerzahl ist so hoch wie noch nie», sagt Peter Vollmer, einer der Miteigentümer. Der einstige SP-Nationalrat steht im Salon beim Apéro mit Häppchen und Rotwein und versucht, zu erklären, warum sich Freiwillige ausgerechnet für dieses Hotel engagieren. Am Ende läuft es auf diesen Satz hinaus: «Wir haben spezielle Gäste. Das Besondere ist nicht nur das Haus und wie es geführt wird, das Besondere sind die Gäste.»

Maschinenbauer repariert Wasserhähne

Beim Abendessen um die meterlange Tafel lernen sich die Helfer kennen. Ronny Baumgartner, Ende 60 und aus dem Aargau, war einst im Maschinenbau tätig und will die historischen Wasserhähne ­reparieren. Im Sommer sei er erstmals zu Gast gewesen, doch der Ablauf habe nicht gut funktioniert. «Da habe ich angeboten, am Bauwochenende alle Brünneli zu reparieren.» Neben ihm sitzt der pensionierte Freiburger Restaurator Bernhard Maurer. Er hat ein Gutachten über das denkmalgeschützte Haus erstellt, später ­haben ihn die Eigentümer in den Bauausschuss geholt. Das Gremium macht Renovationsbedarf aus und berät unentgeltlich den Verwaltungsrat der Hotel AG.

Maurer hat es das Gebäude angetan, in dem er noch einige Trouvaillen vermutet – wie etwa die Stuckverzierungen unter der abgehängten Decke in der Bar. Oder die Jugendstilmalereien auf der ­Tapete im Frühstückssaal, die beim letzten Bauwochenende im Frühjahr freigelegt wurden. «Es steckt enorm viel Arbeit drin, aber ein solches Haus habe ich selten gesehen», sagt Maurer. Ihm gegenüber sitzt eine Restauratorin aus Bern, die mit Mann und 12-jährigem Sohn angereist ist. Sie hat das Hotel zufällig an einem Wochenende im letzten Sommer entdeckt.

Die Geschichte des Hotel Regina zeigt, wie Gästebindung im Tourismus funktionieren kann. Denn nicht nur bei der Renovierung helfen Gäste mit. Stammgäste haben das Hotel vor drei Jahren gekauft. Keine schwerreichen Investoren – sondern eine Gruppe von 15 Schweizern, die das 1897 eröffnete Haus über Jahre hinweg besucht haben oder dem Ort ­verbunden sind. Die vorherigen Eigentümerfamilien hatten das Interesse verloren.

«Unsere Kinder sind in diesem Hotel gross geworden, haben hier Skifahren gelernt», erzählt Vollmer. «Als wir erfahren haben, dass es verkauft werden soll, gab es einen regelrechten Proteststurm in der Familie.» Als ausländische ­Investoren aus Russland und Australien bereits mit Umbauplänen ein- und ausgingen, sei klar gewesen «Jetzt wird es ernst.» Die Vollmers und einige weitere Stammgäste stiegen ins Bieterverfahren ein. Am Ende bekam die Gruppe den Zuschlag – für einen einstelligen Millionenbetrag. Der Moment habe ihn an die Geburt eines ­Kindes erinnert, sagt Vollmer. «Ich wusste, aus dem Engagement kommst du nicht mehr raus.»

Ein Beitrag gegen das Hotelsterben in den Bergen

Für die Investoren war klar: Das Haus muss keine grossen Gewinne erwirtschaften, sich aber selbst tragen. Mitbesitzer Christoph Zeller, Neurologe aus Zürich, formuliert es so: «Im Grunde ist das kein Investment, denn hier springt keine Rendite heraus. Ich nutze das Hotel und freue mich daran.» Seine Frau Hana Sajdl sitzt im Verwaltungsrat. Auch die Zellers waren jahrzehntelang Gäste im Hotel. Die Investition sei eine Alternative zum Ferienhaus und ein Weg, die Zersiedelung der Orte und kalte Betten zu vermeiden, sagt Ärztin Sajdl. Denn auch das Regina wäre wohl zu Ferienwohnungen umgebaut worden.

Damit wäre es dem Hotel ergangen wie den 1500 Betrieben, die in den vergangenen 25 Jahren in der Schweiz von der Bildfläche verschwunden sind. Vor allem ­Hotels auf dem Land und in den Bergen machen dicht. Das Sterben wird sich nach Einschätzung des Branchenverbandes Hotellerie-suisse eher noch beschleunigen. «Nachfolgeregelungen lassen sich schwieriger treffen, weil Preise und Renditen gesunken sind», sagt ­Präsident Andreas Züllig. «Zudem wurde in den letzten Jahren wegen des starken Frankens zu wenig ­investiert.» Dies müsse nachgeholt werden. Doch um weiterhin zu existieren, braucht es neue Finanzierungsmodelle.

Insbesondere die Spitzenhotellerie hat Chancen, Mäzene zu ­finden. Prominente Beispiele sind das Dolder Grand in Zürich, das dem Financier Urs Schwarzenbach gehört, oder das Trois Rois in ­Basel von Thomas Straumann. Auch ­Mäzene sind gelegentlich einstige Gäste, wie etwa die deutsche ­Industriellenfamilie Grossmann, die vor zehn Jahren das Arosa Kulm kaufte. Die Frau des Unternehmers hatte das Hotel als Kind besucht, nach dem Kauf setzte die Familie den einstigen Direktor des Davoser Grandhotel Bélvèdere, Ernst Wyrsch, als Verwaltungsratspräsident ein. «Im Wirtschafts­abschwung haben solche Eigen­tümer mehr Geduld, es herrscht keine Hire-and-Fire-Mentalität, und Einnahmen werden in der ­Regel komplett reinvestiert», sagt Wyrsch.

Wie viel ist das historische Erbe wert?

Finanzstarke ausländische Investoren interessieren sich vor ­allem für Luxushotels. Manchen geht es auch um eine sichere Anlage in der Schweiz. Vereinzelt gibt es jedoch aussergewöhnliche Lösungen für schützenswerte Häuser. Schon in den 80er-Jahren etwa wurde das Grandhotel Giessbach am Brienzersee durch eine Stiftung um Franz Weber gerettet. Im Kurhaus von Bergün GR engagierte sich – ähnlich wie im Regina – eine Gruppe langjähriger Stammgäste.

«Wir müssen uns fragen, wie viel uns unser historisches Erbe wert ist, ob wir damit leben können, wenn es von ausländischen Investoren übernommen wird, oder ob wir selbst etwas dafür tun», sagt Andreas Züllig. Er hofft, dass die Beispiele aus Bergün und Mürren Schule machen – gerade im Zwei- und Dreisternbereich.

Am nächsten Morgen wird es laut im Hotel Regina, der Lärm der Schleifmaschinen mischt sich mit Jazzklängen aus der Bar. Die Gäste werden Arbeitsteams zugeteilt. Ronny Baumgartner leitet die Sanitärgruppe – seine Assistentin ist Augenärztin in Zürich. Gegen Mittag hat er drei Lavabos repariert, zehn Wasserhähne muss er noch abdichten. Die Möbelgruppe bringt ramponierte Tische aus den 52 Gästezimmern zum Schleifen in den Skikeller. Das Team, das sich um den Frühstücksraum kümmert, streicht die Wände des sogenannten Jungfrausaals im Hellgrün, das unter den Tapeten gefunden wurde. Danach sollen die einstigen Malereien wieder aufgemalt werden. Das Klötzliparkett-Team bessert die teils stark ramponierten Stellen im Holzboden einzelner Gästezimmer aus.

«Der Nachholbedarf ist riesig, der Zustand lässt an manchen Stellen zu wünschen übrig», räumt Vollmer ein. Das Bauwochenende sei gewissermassen aus der Not ­geboren, denn nach dem Kauf schmolzen die Reserven der ­neuen Besitzer schnell dahin. Nach einem Wechsel in der Geschäftsleitung schreibt das Hotel nun wieder schwarze Zahlen. Doch der finanzielle Spielraum ist eng, da die ­Besitzer die Preise nicht erhöhen wollen, um ihre Stammkunden – insbesondere Familien – nicht zu vergraulen.

Erschwerend kommt hinzu, dass der Standard eher tief ist, die wenigsten Zimmer haben ein eigenes Bad. «Für die grossen Umbauarbeiten wie den Einbau einer neuen Heizung oder die Erneuerung der Etagenduschen braucht es Profis. Für die kleineren Arbeiten erweisen sich die Gäste als Helfer mit grossem Wert», sagt Vollmer. Mindestens 10'000 Franken spare man durch die Freiwilligenarbeit dieses Mal ein. Zudem sei das Bauwochenende eine einmalige Chance zur Gästebindung.

Die Helfer lassen ein Stück von sich zurück

Gisela Vollmer rahmt auf einem grossen Tisch Schwarzweissfotografien für die Zimmer. Anita Ekberg auf Skiern in Wengen, die Eröffnung der Schilthornbahn – Vollmer ist Raumplanerin und engagiert sich im Ort für Ausstellungen und Kulturveranstaltungen. Das Hotel wird miteinbezogen für Filmvorführungen oder Podiumsdiskussionen. Im Sommer musizieren junge Musiker aus Odessa, St. Petersburg und der Schweiz im Haus, dafür wird ein Flügel per Helikopter eingeflogen.

Der Kulturbezug ist in einer Charta festgeschrieben, welche die Grundsätze des Betriebs festlegt. Dort steht auch, dass die Eigentümer vorerst keine Rendite ­erwarten dürfen. So wissen Aktionäre, die neu dazukommen, worauf sie sich einlassen. Die Öffnung des Aktionariats ist angedacht, steht aber nicht unmittelbar bevor. Denn mehr Eigentümer bedeuten auch mehr Diskussionen, mehr Differenzen. Die Steuerung der AG ist kompliziert. Vom Kreis der engagierten Miteigentümer haben sich einige aus dem Verwaltungsrat ­zurückgezogen. Um das operative Geschäft kümmert sich Geschäftsführer Dimitri Schüttel.

Am Samstagnachmittag reissen die Wolken für einen Moment auf und geben von der Terrasse einen atemberaubenden Blick auf das Jungfraumassiv frei. Für viele Helfer ein Moment zum Innehalten, bevor es nach einer kurzen Kaffeepause weitergeht. Anastasia Kyriopoulou, Architektin aus Griechenland, steht bald wieder auf der Leiter im Jungfrausaal. Seit dem Morgen tauscht sie kaputte Glasstifte der Jugendstilleuchter gegen neue aus. Das besondere am Engagement sei, sagt sie, «dass wir durch die Arbeit ein Stück von uns hierlassen. Wenn wir dann wiederkommen, haben wir eine andere Beziehung zum Hotel.» Ein Stammgast mehr für das Hotel Regina. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 27.12.2017, 10:32 Uhr

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