Tricks, Diebe und Gänsehaut

Die ersten elf Tage in Brasilien waren geprägt von grossem Sport und kleinen Problemen, von neuen Helden und ewigen Diskussionen. Eine Zwischenbilanz.

Kamerabewusst: Arjen Robben, der Star der Stars, feiert sein 1:0 gegen Australien mit den Zuschauern zu Hause.

Kamerabewusst: Arjen Robben, der Star der Stars, feiert sein 1:0 gegen Australien mit den Zuschauern zu Hause. Bild: Martin Meissner/Keystone

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Wir sind schon in der Hälfte ange­kommen, nicht zeitlich, da sind erst 11 von 32 Tagen vorbei. Aber bei den WM-Partien. 32 von 64 sind gespielt seit vergangener Nacht. 32 Partien, die so vieles geboten haben in diesem Land der Gegensätze. Das Wetter, gerade jetzt im brasilianischen Winter mit kühlen Tagen im ­Süden und tropischen Nächten im Norden, ist nur einer von vielen.

Erlebt haben wir schon Begegnungen voll mit Geschichten. Duelle geprägt von Dramen und Ungerechtigkeiten, von ­Jubel und Enttäuschung. Partien mit sehr viel Spektakel und sehr wenig Langweile. Mit feinen Paraden und groben Schnitzern. Mit gefeierten Helden und verhöhnten Verlierern.

Wo ist das Chaos? Teil I

Wir meinten zu wissen, was uns erwartet. Allen voran das: Demonstrationen und Ausschreitungen überall, gegen den Staat, die Löhne, die Korrupten, die Fifa. Und jetzt? Wenig davon. Ja, die sozialen Probleme in Brasilien sind riesig und die Unterschiede zwischen verrückt reich und völlig verarmt schockierend. Aber die Demonstrationen, sie ruhen, weil jetzt WM ist, und es gibt für den Brasilianer doch wenig Wichtigeres als Futebol.

Vor dem Eröffnungsspiel gab es Proteste im kleineren Rahmen in São Paulo, sie wurden schnell erdrückt – auch mit übermässig heftigem Polizei­einsatz. Seither möchte sich das Land tragen lassen von seinen Fussballern bis zum Final, Tore der eigenen Mannschaft werden im ganzen Land mit Feuerwerk gefeiert. Die Frage ist: Bleibt es ruhig, wenn Brasilien früh scheitert?

Singen für Brasilien

Es gibt leere Sitze in den Stadien, auch beim Schweizer Spiel gegen Frankreich in Salvador war das so. Aber Blöcke mit vielen freien Plätzen sind nur selten auszumachen. Natürlich gehen dann genau diese Bilder um die Welt und vermitteln einen trügerischen Eindruck. Die Arenen sind gut besetzt, viele Fans kommen aber spät zum Match. Der Brasilianer aus Tradition. Die Fremden, weil sie mit den Tücken der Distanzen und des Verkehrs kämpfen.

Über 68'000 wollten die Schweiz gegen Ecuador sehen in Brasilia. Schweiz - Ecuador! In Brasilia! Auch in Spiel 2 von Hitzfelds Mannschaft stimmte das Gesamtbild im Rund, da ­waren allein die vielen Logen deutlich zu leer. Und die Atmosphäre in den Arenen ist hervor­ragend. Dank den Brasilianern, die bei ­allen Partien die Ränge mit ihren gelben Trikots färben. Und irgendwann und ­immer wieder ihr Lied anstimmen. «Eu sou Brasileiro» – ich bin Brasilianer. Es sind Gänsehaut-Momente.

Spiel in anderer Dimension

Die Experten hatten prophezeit: grosse Hitze, grosse Luftfeuchtigkeit, kleiner Fussball. Mit defensiven, abwartenden, auf Kontern lauernden Mannschaften. Es ist ganz anders. Schon heiss und feucht in vielen Städten. Aber vielleicht nicht ganz so wie erwartet. Und die besten Mannschaften spielen Fussball in fast schon neuer Dimension. Unheimlich schnell, mit Pressing und Sturm­läufen bis zur Erschöpfung, mit feinster Technik und aggressivem Abwehrspiel sowieso. Nur die Schweiz, sie scheint diesen Zug verpasst zu haben. Sie spielt zögerlich. Ohne Schwung. Ohne Kraft. Leider.

Sie heissen Neymar, Messi und Müller. Van Persie und Benzema. Mandzukic, Suárez, Pirlo. Sie waren die Stars der Stars in diesen ersten WM-Tagen. Imponierend gut, berauschend ihr Spiel. Und über ihnen allen steht bislang er: Arjen Robben, Supersprinter, Supervorbereiter, Supertorschütze, Supermannschaftsmitreisser.

Wo ist das Chaos? Teil II

Wir meinten zu wissen, was uns an dieser WM erwartet: Staus anderer Dimensionen auf jeder zweiten Strasse. Überfordertes Personal an überforderten Flughäfen. Ausgefallene Klimaanlagen, saure Milch, Trickdiebe an jeder Ecke. Dengue- und Malaria-Mücken in der Luft. Und jetzt: Fast nichts davon. Gut, der Strom fällt da und dort einmal pro Tag ganz sicher aus. Egal, ist meist nur ganz kurz. Die Staus? Es gibt sie. Früh losgehen oder die Metro nehmen, wo es sie gibt, empfiehlt sich fast immer. Zu Fuss gehen empfiehlt sich fast nie, diese Distanzen! Die Flughäfen funktionieren, und in Brasilien fliegen alle, die es sich leisten können. Weil nur schon 300, 400 Kilometer mit anderen Verkehrs­mitteln zur grösseren Qual werden können.

Die Diebe? Es gibt sie. In Salvador ­haben sie beim ersten Spiel halb Holland Handys, Geldbeutel und Kreditkarten aus den Taschen ziehen können – trotz dem wie überall grossen Aufgebot an Sicher­heits­kräften. Sie klauen, um zu ­leben. Das macht es zwar nicht an­genehm, doch solange sie einen nicht körperlich angreifen, ist es halbwegs verkraftbar.

Und gegen die Mücken? Anti-Brumm.

Falsche Pfiffe

Die Schiedsrichter haben auch einen Spray. Sie ziehen jetzt Linien, damit ­wenigstens bei der Ausführung des Freistosses niemand mehr schummelt. Gegen Fehlentscheide leider nützt der Spray nichts. Und es gab schon viele an dieser WM – trotz erfolgreicher Premiere der Torlinientechnik zu viele, wie ­immer bei solchen Turnieren, weil das Spiel für die Augen ohne Repeat-Taste einfach zu schnell geworden ist und die Fifa glaubt, sie müsste auch bei den Referees alle Kontinente berücksichtigen statt einfach nur die Besten.

Das erste Mal täuschte Fred den Schiedsrichter schwerwiegend, als er sich im Eröffnungsspiel einfach hinlegte und dafür einen Penalty erhielt. Dass der erste Fehlentscheid Brasilien bevorteilte, konnte nicht so richtig über­raschen. Den Mexikanern wurden danach in einer Halbzeit zwei korrekte Tore verweigert. Der Schweiz zwei in zwei Spielen. Es gab noch einiges mehr. Offside, Schwalbe, Tätlichkeit, Penalty – der Fehlpfiff gehört zur Tagesordnung. ­Solange die Fifa nicht Mittel schafft, um Urteile zu korrigieren, wird es so bleiben. Präsident Blatter hat sich jetzt immerhin einmal bewegt und laut über den Videobeweis nachgedacht, wie er das so tut, bevor er dann seine Idee durch die Instanzen drückt.

Die schönste Überraschung

Und dann kamen: Navas, Gamboa, González, Ruiz, Campbell. Es sind natürlich noch ein paar Männer mit ihnen, doch sind ihre Namen für das mittel­europäische Fussballohr so unbekannt wie die anderen. Zusammen aber sind sie Costa Rica und die bislang schönste Überraschung des Turniers. Das Land, mit gut halb so vielen Einwohner wie die Schweiz hat Uruguay besiegt, dann Italien und steht im Achtel­final, bevor es im letzten Spiel England verabschieden wird. Womit wir bei den Verlierern sind. Die Engländer sind die erwarteten. Die Spanier die unerwarteten.

Das Superstadion

Man gebe Brasilien und Fussball und Stadion in eine Schüssel. Heraus kommt: das Maracanã, 1950 für die WM gebaut, einst mit 200'000 Zuschauern voll­gepackt, es gibt nichts Legendäreres in der Fussballstadionwelt. Das Super­stadion dieser WM allerdings steht nicht in Rio, sondern in Salvador. Complexo Esportivo Cultural Professor Octávio Mangabeira heisst es offiziell. Einfacher ist der WM-Name: Arena Fonte Nova. An keinem Ort wurde bislang spektakulärerer Fussball gezeigt, trotz Tropenklima. Das Gute am brasilianischen Winter ist: Die Sonne geht im Osten gegen 17 Uhr unter, schon viel früher steht sie derart tief, dass der Rasen bald im Schatten liegt.

Im Fonte Nova verzauberte Holland gegen Spanien (5:1) und entzauberte Deutschland Portugal (4:0). Vielleicht hätte die Schweiz lieber nicht dort gegen Frankreich gespielt (2:5). 17 Tore in drei Spielen. Und es kommen noch weitere: Bosnien-Herzegowina gegen den Iran muss allein deshalb wunderbar werden. Achtel- und Viertelfinal sowieso. Freuen wir uns auf die Fortsetzung.

Erstellt: 23.06.2014, 00:07 Uhr

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